Fernsehkrieger der Nation spaltet Italien

2. Oktober 2009, 18:36
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Rotes Tuch für Berlusconi: TV-Moderator Michele Santoro

Wenn der Fernsehkrieger der Nation das Rai-Studio betritt, steigen in Italien die Einschaltquoten. Rechtswählern kommt dann sofort die Galle hoch, Berlusconi-Gegner stellen sich auf einen vergnüglichen Abend ein. An keinem scheiden sich die Geister so radikal wie an Michele Santoro.

Mit sichtlicher Leidenschaft mischt der angegraute Süditaliener die Szene auf, Respekt vor Mächtigen ist ihm fremd. Majestätsbeleidigung gilt dem selbstverliebten Moderator der Talkshow "annozero" als Tugend. Pädophilie im Vatikan, Mafia und Camorra, Korruptions- und Sexskandale wie jener um Italiens Premier - je heißer das Thema, desto lustvoller Santoros respektloser Blick hinter die Kulissen.

In Berlusconis fiktiver Rangliste der meistgehassten Personen nimmt der exzentrische TV-Macher zweifellos einen Spitzenplatz ein - neben dem Journalisten Marco Travaglio, der in jeder Sendung die politischen Unsitten der Nation geißeln darf. Vor wenigen Tagen hatte Santoro zum zweiten Mal jene Eskortdame zu Gast, die eine Nacht mit dem Premier in dessen römischer Privatresidenz verbracht hatte und den Palazzo Grazioli als eine "Art Harem" beschrieb. Bis zuletzt hatte das Rechtsbüro des Staatsfernsehens versucht, deren unerwünschten Auftritt zu verhindern. Das Rechtsbündnis schäumte und forderte Maßnahmen gegen die Sendung.

Schon einmal hatte Berlusconi den rebellischen Moderator aus der Rai verbannt. Bei einem Besuch in Bulgarien im April 2002 beschuldigte der Premier Santoro, "das öffentlich-rechtliche Fernsehen in krimineller Weise zu missbrauchen" . Nach dem "Edikt von Sofia" kündigte der Staatssender den Vertrag mit dem promovierten Philosophen. Als Reaktion bot ihm der Partito Democratico einen Listenplatz bei den Europawahlen an. Santoro und seine ebenfalls missliebige Rai-Kollegin Lilli Gruber wurden mit großen Mehrheiten gewählt.

2005 sorgte der gefeuerte Moderator für den nächsten Paukenschlag: Ein Arbeitsgericht ordnete seine Wiedereinstellung an und verdonnerte die Rai zu einer Wiedergutmachung von 1,4 Millionen Euro. Zwischen ihm und seinem politisch gegängelten Arbeitgeber schwelt seither ein Dauerkonflikt. Der Programmchef von Rai2 distanzierte sich öffentlich von der Talkshow, die rechten Medien als "infame Form der Besudelung" gilt. Santoro ficht das nicht an. Zwar ist er politisch der Rai ein Dorn im Auge, doch seine Einschaltquoten von sechs Millionen Zuschauern treiben die Werbepreise in die Höhe. (Gerhard Mumelter/DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2009)

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