Das Defilee der Imponier-Erotiker

2. Oktober 2009, 17:37
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Seit Ex-Burgdramaturg Joachim Lux übernommen hat, werden die Theaterkarten an der Alster neu gemischt

Der Gewinner des saisonalen Auftakts: Martin Kušej als Ibsen-Regisseur

Ist Joachim Lux ein maliziöser Fein-Ironiker, oder ist er einfach noch etwas unsortiert in seinem neuen Job? Da vertrauen die Hamburger dem Intendanten-Novizen mit dem Thalia Theater ihr erfolgreichstes Kunstinstitut an – und was macht der gute Mann? Er gibt, bevor der erste Vorhang hochgeht, "das Theater der Stadt zurück" , wenn auch nur für einen Abend.

Ihre Bürger sollen doch mal, 2BEORNOT2BE, nach je eigener Façon für zweieinhalb Minuten den Hamlet machen. Das wollen so viele, dass es reicht für einen vierstündigen bunten Abend. Der vor allem ein Stoßgebet auslöst: Der Herr bewahre das Theater vor Liebhaberei, die sich alles zutraut.

In der Antrittspremiere des neuen "Leitenden Regisseurs" Luk Perceval führt der Weg vom Gutgemeinten zum Gutgemachten bar jeder theatralischen Wertschöpfung im Kreis herum. The Truth about the Kennedys staubt die Wahrheit von bühnenhoch an die Rückwand gestellten Zeitungsstapeln mit imponierendem Dramaturgenfleiß ab und lässt sie von neun unterbeanspruchten – dabei stets vorzüglichen – Schauspielern wie von eleganten Szenen-Kellnern als zig-gängiges Faktenmenü servieren. Immer hübsch am Rand der Drehbühne promenierend, immer hübsch der Chronologie entlang.

Triumph und Tragik der mächtigsten Familie Amerikas böten ausreichend Stoff für ein Epochen-Epos im Königsdramenmodus. Perceval lässt Daten und Anekdoten im Kanzleistil referieren, animiert mit allerlei authentischen Dokumenten: Tragödie im Präsentationsmodus. Für Kriminologen gibt's alles zu den Schüssen von Dallas, für Küchenpsychologen die eiserne Übermutter Rose, für die Generation 50 minus den Erlösertransfer von JFK zu Obama. Yes, we can? Das hätte man lieber gesehen.

Peer Gynt bastelt sich aus Einfällen ein abenteuerliches Leben: vom norwegischen Gletschergrat in die marokkanische Wüste und über die Sphinx von Gizeh im Nordseesturm samt Schiffbruch zurück in die Heimat. Doch wer das "Gynt'sche Ich" fassen will, häutet eine Zwiebel: lauter Schalen, kein Kern. Bühnenbildner Stéphane Laimé bastelt für Peer Gynt, die zweite große Thalia-Neuproduktion, aus dieser Metapher eine zwingende Installation: einen aus leeren Verpackungskartons gefügten haushohen, hohlen Kubus.

Illusion durch Kameras

Nur steht das Möbel den acht Schauspielern (für 30 Rollen) und ihrem Regisseur Jan Bosse derart im Weg, dass sie zu Ibsens dramatischem Gedicht kaum vordringen. So muss wieder die Videokamera die Illusionsgeschäfte erledigen. Und dem virtuosen Jens Harzer in der Titelrolle obliegt es, den Abend havariefrei ans lange Ende zu schleppen. Nach zwei Wochen Thalia-Neustart mit eindrucksvollen Perceval-Übernahmen aus München und Hannover neigt der Beobachter zur Prognose: Da geht noch mehr.

Was da alles gehen kann, wenn ein Theater die richtigen Künstler mit dem passenden Stück zusammenspannt, zeigt ausgerechnet das zuletzt künstlerisch desorientierte Hamburger Schauspielhaus mit Ibsens Baumeister Solness.

Regisseur Martin Kušej packt Doktor Freuds Grobbesteck aus und knackt damit das verbunkerte Herz des Baumeisters, eines Imponiererotikers und Menschenwegbeißers. Nach zweistündiger Intensivbehandlung, die Bühnenbildner Martin Zehetgruber in einem kalkweißen Architektenbüro mit der neonkalten Anmutung eines Seziersaals arrangiert, fallen Diagnose und Todesursache in eins: unheilbare Höhenangst beim Blick in die eigenen Abgründe.

Diesem Blick stürzt Solness hinterdrein, weil das sehr irdisch Weibliche in Gestalt von Fräulein Hilde Wangel ihn wie ein zu heftig gewünschter Männertraum hinabzieht. Die famose Katharina Schmidt gibt Hilde als reifes Nymphchen, gegen das der Solness des nicht minder fabelhaften Werner Wölbern erst eine mit Impotenzangst melierte Panik, schließlich eine kalt lodernde Lust an der Selbstzerstörung mobilisiert. Sein Eigenheim ist die Gruft. Das ist beklemmend aufregendes Theater. (Oswald Demattia aus Hamburg, DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.10.2009)

  • Kalt lodernde Lust an der Selbstzerstörung: Werner Wölbern als "Baumeister Solness"  im Hamburger Schauspiel.
    foto: schäfer

    Kalt lodernde Lust an der Selbstzerstörung: Werner Wölbern als "Baumeister Solness" im Hamburger Schauspiel.

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