Pulse der Stadt, Tanz ohne Tänzer

2. Oktober 2009, 17:24
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Uraufführungen von Mette Ingvartsen

Graz - Die Dänin Mette Ingvartsen (29) gehört zu den jüngsten, international arrivierten Tanzschaffenden, die die Zukunft der zeitgenössischen Choreografie vorzeichnen. Beim Steirischen Herbst im Grazer Haus für Musik und Musiktheater zeigt sie nun an einem Abend mit Giant City und evaporated landscapes zwei neue, brillante Uraufführungen,

In Giant City geht sie davon aus, dass eine Stadt nicht aus Immobilien besteht, sondern aus dem Zusammenwirken aller darin aktiven Dynamiken. Als Tableau vivant posieren zu Beginn sieben Figuren zwischen zwei Quadraten aus LED-Leuchten.

Doch sobald diese Figuren beginnen, kleine, sich wiederholende Bewegungen auszuführen, wird auch der Raum um sie herum aktiv. Der Puls dieser Bewegungen erinnert zuerst an Dance No.1/Driftworks von Eszter Salamon und Christine De Smedt, das im Vorjahr beim Steirischen Herbst und bei Impulstanz 09 zu sehen war. In seiner fortwährenden Intensivierung ähnelt das Pulsieren aber bald frühen Arbeiten des Experimentalfilmers Martin Arnold. Minimalistische Klänge schwirren im Raum. Posen und Licht changieren.

Ingvartsen arbeitet mit Abstraktionen, in die sie den in das System seiner Gemeinschaft integrierten Menschen setzt. Wie bei ihrem Trampolinstück It's in the air nutzt sie das Mittel der Steigerung, hier aber nicht unter dem Aspekt der Virtuosität, sondern wie um das Erwachen einer Stadt, das Hochfahren ihres Rhythmus anzudeuten. Giant City ist keine Anekdote, sondern eine konzeptuelle Choreografie, in der die Tänzer urbane Typen darstellen, die von den Dynamiken der Stadt bewegt werden.

Diese Typen sind in evaporated landscapes verschwunden. Die Künstlerin stellt ein Tanzstück ohne Tänzer vor.

Schaum und Theaterrauch

Die junge Choreografin positioniert sich dabei zwischen einem - gescheiterten - Versuch Jérôme Bels, die Theatermaschine allein für sich tanzen zu lassen, und Stifters Dinge, Heiner Goebbels' Musikperformance ohne Darsteller. So ist evaporated landscapes möglicherweise die erste wirklich nonfigurative Choreografie.

Mit Schaum und Theaterrauch, Licht, Sound und Seifenblasen verzaubert Ingvartsen ihr Publikum. Schillernde Blasen tanzen. Durch diese Bilder geistern Sloterdijks Schäume und Sphären. Über den Köpfen des Publikums bildet sich eine Nebeldecke.

Und ein Grün-blau-rot-Licht wie von einem Kathodenstrahl erinnert daran, wie sehr wir mit Projektionen leben. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.10.2009)

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