Margaret Atwood

"Wir verändern die Wirklichkeit jetzt"

02. Oktober 2009 17:06

Die Grande Dame der kanadischen Literatur über Visionen, Rassismus und Kopftücher im Interview

Standard: Sie werden in Heidenreichstein aus Ihrem neuen Buch "Das Jahr der Flut" lesen. Es ist nicht die erste Geschichte von Ihnen, die in der Zukunft spielt. Das Wort Science-Fiction mögen Sie aber nicht - warum?.

Atwood: Leute dürfen das Wort schon verwenden, aber oft meinen sie mit damit etwas anderes. Also andere Planeten, Raumschiffe, Sie wissen schon. Das ist es nicht, was ich schreibe. Bei mir geht es um Wahrscheinlichkeiten: Dinge, die passieren könnten, die auf wissenschaftlicher Basis tatsächlich möglich wären. Es geht um eine veränderte Wirklichkeit. Und wir verändern die Wirklichkeit bereits jetzt.

Standard: Im "Jahr der Flut" ist der Klimawandel vorangeschritten, zivilisierte Gesellschaftsstrukturen sind zerstört.

Atwood: Ja, aber das Erschreckendste ist das, was bereits tatsächlich passiert ist. Jane Jacobs, für mich eine Pionierin im Schreiben über ökonomische Strukturen, beschrieb es bereits in ihrem Buch Systems of Survival (Random House, 1992, Anm.). Sie schrieb, man dürfe niemals die Gruppe der sogenannten Wächter, also Soldaten, Polizei und Richter, mit jener der Händler, also mit jenen, die Dinge verkaufen und Geld verdienen, verschmelzen. Tut man sie zusammen, kriegt man Korruption und Trägheit. Dann haben Sie entweder ein System, wie es die Sowjetunion hatte, wo die Wächter die Händler kontrollierten. Oder Sie haben ein System, in dem die Händler die Wächter kontrollieren, was im Grunde genommen das ist, was wir als Mafia bezeichnen.

Standard: Sie reden vom Kommunismus, das Wort Kapitalismus vermeiden Sie aber, warum?

Atwood: Weil man es gar nicht so zu nennen braucht. Nennen wir es das Profit-Motiv, das ist dasselbe. Es ist sinnlos, Leuten vorzuschreiben, dass sie keine Präferenzen haben sollten, wenn es darum geht, was sie wollen. Sogar Affen ziehen gewisse Dinge anderen vor. Jeder technische Fortschritt war eine Folge von Wünschen, Sehnsüchten, Ängsten und Bedürfnissen. Das wird man niemandem ausreden können. Aber man braucht Gesetze, die Wächter und Händler auseinanderhalten, weil ihre Wertesysteme völlig verschieden sind. Und man braucht Gesetze, die beiden vorschreiben, was sie machen dürfen.

Standard: Eigentlich beschreiben sie da die Grundpfeiler jeder Demokratie, alles andere gefährdet diese.

Atwood: Ja, die Verschmelzung dieser Gruppen ist die komplette Bedrohung der Demokratie. Nicht zuletzt, weil früher oder später die Medien von einer der beiden Gruppen kontrolliert werden. Wenn es die Wächter sind, welche die Nachrichten kontrollieren, haben Sie totale Zensur, Staatsnachrichten; sind es die Händler, haben Sie Boulevardpresse, erfundene Geschichten - was immer sich verkauft.

Standard: In Ihrem Buch hat eine militärisch geführte Wirtschaftsorganisation das Sagen.

Atwood: Ja, in meiner dreckigen kleinen Welt sind sie zu einem Block zusammengeschmolzen.

Standard: Viele fürchten, dass durch die Wirtschaftskrise der Faschismus wieder Aufwind bekommt. In weiten Teilen Europas feiert die Rechte Gewinne. Wie groß schätzen Sie die akute Bedrohung ein?

Atwood: Wenn Sie von rassistischen, ausgrenzenden Wahlprogrammen sprechen, da muss man schon einen Unterschied zwischen Europa und Kanada sehen: Wer hier mit einem Programm antritt, das Minderheiten diskriminiert, würde keine Mehrheit finden. Allein die indigene Bevölkerung spricht 54 verschiedene Sprachen. Unsere Gesellschaft besteht aus lauter verschiedenen Kulturen und Ethnien, sie ist multikulturell.

Standard: Bereitet es Ihnen Unbehagen, eine verschleierte Frau zu sehen?

Atwood: Das kommt darauf an, ob sie das freiwillig tut oder nicht. Aber was war denn der Schleier am Anfang seiner Geschichte, als ihn nur die Elite tragen durfte? Körperdekoration. Und die hat es in irgendeiner Form in jeder Gesellschaft, in allen Jahrhunderten gegeben. Es geht letztlich darum, den Körperteil, den man nicht verhüllt, zu betonen, im Fall des Kopftuchs oder Schleiers eben die Augen.

Standard: Ihr Roman "Die essbare Frau" , der für die feministische Bewegung - nicht nur Kanadas - sehr wichtig war, erschien 1969. Die Frauenfiguren darin scheinen aus heutigem Blickwinkel beschrieben. Das hat auch etwas von Science-Fiction. Hatten Sie je das Gefühl, in der falschen Zeit zu leben?

Atwood: Ich verrate Ihnen etwas: Ich habe das Buch sogar noch früher geschrieben. Aber der Verleger hat es verloren. Bezeichnend: Es wurde im Büro einer Mitarbeiterin verlegt, die schwanger wurde.

(Colette M. Schmidt, DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.10.2009)

Zur Person:
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, studierte Englisch, Französisch und Philosophie in Toronto und Harvard. Ihre preisgekrönten Romane und Bücher zu Literaturwissenschaft oder Ökonomie wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Sie lebte in verschiedenen Ländern Europas, Anfang der 1980er auch in Berlin. Atwood und ihr Mann, der Autor Graeme Gibson, sind beide Umweltaktivisten.

Chuang tzu
04.10.2009 12:49
Atwood kommt nach Österreich

Vielleicht hätte man zum Interview dazuschreiben sollen, dass Margaret Atwood am 17. und 18. Oktober bei "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein zu Gast ist.

an kog
03.10.2009 10:50
"Bei mir geht es um Wahrscheinlichkeiten: Dinge, die passieren könnten, die auf wissenschaftlicher Basis tatsächlich möglich wären."


Das ist doch wohl die perfekte Definition von Science-Fiction.

Aber gut, es geht wohl um den Versuch sich von einem Genre, dem vermeintlich etwas billiges anhaftet, zu distanzieren. Bei einer Liebesgeschichte meint niemand das notwendig zu haben, obgleich der Wust an unerträglich billigen und platten Geschichten weit umfangreicher sein dürfte, als bei der Sci-Fi.
Man ist es gewohnt und der Frau Atwood nicht böse, da sie immerhin ein sehr wichtiges Werk des Genres geschrieben hat.
Die Frau Lessing hält die Sci-Fi ja für den originellsten und belebendsten Zweig der Literatur und findet es überhaupt nicht lustig, dass das Genre von oben herab behandelt wird.
Siehe Vorwort zu Shikasta.

Chien de Pique
02.10.2009 18:21

Und welchen Körperteil betont dann die Burkha?

A.B. Artig
 
02.10.2009 22:14

ist doch klar,Watson...Die Augen.

jo eh
04.10.2009 09:52

sie verwechseln das mit dem niqab

http://de.wikipedia.org/wiki/Niqab

burka ist ein textiles "ganzkörpergefängnis", das nichts mehr von der frau frei gibt. die absicht ist meiner meinung, das wahrnehmen der frau als mensch verdrängen und sie auf totalen objektstatus reduzieren zu können, weil man ja nichts außer einem laufenden geschlechtslosen etwas sehen kann. nicht mal die augen, die ja gerne auch als das "fenster zur seele" gedeutet werden. die burka ist imho eine perfide strategie, gewissensbisse angesichts der völligen rechtlosigkeit und unterdrückung von frauen zu vermeiden. out of sight, out of mind.

Chien de Pique
03.10.2009 17:54

http://blog.shsweb.fi/narf/burkha.jpg
http://everystockphoto.s3.amazonaws.com/afghanist... _157_l.jpg

Wo sehen Sie da Augen? Der Sinn der Burkha ist, dass man auch keine Augen mehr sieht. Man sieht bestenfalls ein vages Abbild eines Gesichts als grobe Rasterung.

Dagmar Rehak
 
04.10.2009 00:12
Ich würde mir gerne sowas anziehen.

Die Farben gefallen mir, besonders die Blautöne.
Und da drunter hat man irgendwie eine Ruh, muss sich nicht benehmen, kann sich ungeniert am Mauserl kratzen, wenn's juckt, kann Nase bohren, muss sich nicht waschen, kann da drunter herrlich stinken, ohne, dass es wer merkt, kann ungehemmt schirche und schöne Leute anglotzen.
Ich würde mir darunter wahrscheinlich gar nix anziehen, außer farblich dazu passende weiche Schlapfen, und den seidigen Stoff auf der Haut genießen.

Wo kann man sowas in Wien denn kaufen? Und was kostet das ungefähr?

jo eh
02.10.2009 19:19

darüber zerbrechen sich diversity-affine feministInnen noch den kopf. aber es wird ihnen sicherlich was einfallen

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