"Kein schmutziges Gold"

2. Oktober 2009, 17:04
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Tiffany-Chef Michael Kowalski setzt sich für umweltgerechte Förderung von Gold ein

Ein gediegenes Büro an der 5th Avenue. Draußen treibt die Spätsommersonne den New Yorkern den Schweiß auf die Stirn. Wohl der Reporterin, die ein formelles Interview erwartet, und dann auf einen Gentleman trifft. Auftritt Michael Kowalski: perfekter Seitenscheitel, die Schuhe italienische Maßanfertigung. "Möchten Sie einen Eiskaffee?", fragt der Topmanager. Ablehnen ist zwecklos. Die Sekretärin greift seelenruhig zur Zeitung. Ihr Chef eilt selbst hinaus zum Starbucks um die Ecke.

Michael Kowalski braucht keine Allüren. Der 56-Jährige gehört zu den mächtigsten Unternehmenslenkern der USA. Seit 1999 leitet er das Tagesgeschäft bei Tiffany. Kein Juwelier der Welt ist beliebter, keiner bekannter. Dank gebührt der unvergessenen Audrey Hepburn. In der Verfilmung des Bestsellers von Truman Capote verkörpert die Schauspielerin das Lebemädchen Holly Golightly, das sich eines Tages bei Tiffany ein Frühstück kredenzen lassen will. "Breakfast at Tiffany's": Das bringt die ganze Welt zum Träumen, immer noch.

Die Bücherregale in Kowalskis Büro sind voller gebundener Erstausgaben. Der Topmanager mag russische Literatur und Geschichte. "Wir müssen die Vergangenheit verstehen, um die Gegenwart relativieren zu können" - so lautet sein Credo, auf das er sich in diesen Tagen oft berufen muss. Die Verkäufe in den weltweit 180 Tiffany-Filialen sind zuletzt um 20 Prozent eingebrochen. Einen Strategiewechsel, etwa mehr Masse statt Klasse, lehnt der Chef dennoch ab: "Wir denken langfristig - und die Nachhaltigkeit ist Teil dieser Zukunftsvision."

Umweltkatastrophe

Filmpremiere von "Red Gold" im Lincoln Center: Der Dokumentarstreifen nimmt das schmutzige Geschäft der Edelmetallgewinnung in den Naturschutzgebieten Alaskas unter die Lupe. Kowalski weigert sich, auf einem der für VIP-Gäste vorgesehenen Sitze Platz zu nehmen. Seit nahezu einem Jahrzehnt plädiert der Tiffany-Chef für eine umweltgerechte Förderung jener Rohstoffe, mit denen sein Konzern Geld verdient. Er ist die treibende Kraft hinter dem Aktivistenverbund "No dirty gold". 30 Juweliere haben sich auf sein Drängen hin der Initiative angeschlossen.

Um Gold zu gewinnen, setzten die Firmen hochgiftiges Zyanid und Quecksilber ein. Sie wühlen Löcher in die Erde, die so groß sind, dass man sie aus dem All sehen kann. Ein einziger Ehering aus dem gelben Metall produziert mindestens 20 Tonnen Abfall. "Die amerikanischen Bergbaugesetze datieren von 1872", raunt Kowalski sichtlich frustriert. Seine Antwort auf die Problematik: "Wir setzen auf die Kontrolle unserer hauseigenen Beschaffungskette, wir schauen uns jede Mine vor Ort an."

Nach dem Film eilt der Tiffany-Chef mit großen Schritten nach vorne zum Podium, um den Filmemachern seine Hilfe anzubieten. Er möchte mit Großanzeigen in den US-Zeitungen gegen den Minenbau in Alaska protestieren. Das Engagement des Topmanagers fußt allerdings nicht nur auf hehrer Ethik. Es hat auch wirtschaftliche Gründe. Das gibt Kowalski unumwunden zu, er sagt: "Wenn es zu Protesten kommt, dann werden die natürlich direkt vor unseren Läden ausgetragen - das können wir uns einfach nicht leisten!" (bea, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.10.2009)

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