Die Aneignung einer Begegnungsstätte

2. Oktober 2009, 17:00
1 Posting

Niederschwelligkeit zu weit getrieben

Wien - Wer sich via U 6 zur Kulturbetriebsstätte Palais Kabelwerk nach Meidling hinausbegibt, der lernt den Anrainerstolz der Theaterbetreiber (Kurt Sedlak, Erich Sperger) nicht nur zu schätzen, sondern vor allem auswendig zu erfassen. Die Pracht der Fassade wie die des Foyers stünden jeder Ruhrtriennale-Halle beispielhaft zu Gesicht. Kein Wunder: Im Zuge von Neuansiedlungsplänen hat man ein ehemals schrottreifes Industriequartier zum Bruttopreis von fünf Millionen Euro in eine hochwertige Begegnungsstätte umformatiert. Noch herrscht in Groß-Meidling die Ruhe vor dem Kulturansturm. Man kann sich kaum ausdenken, was passiert, wenn die Anrainer das kommunale Kulturangebot auch wirklich "niederschwellig" wahrzunehmen beginnen.

Man kann es mit der proklamierten Niederschwelligkeit aber auch zu weit treiben. So oblag es Bernhard Studlars und Hans Eschers Theatertextmanufaktur wiener wortstaetten, den Musentempel mit einem vierteiligen Dramolettenabend feierlich einzuweihen. Gezeigt wurden vier vor Klischees wild strotzende Szenenanhäufungen aus den Federn von Rhea Krcmárová, Ana Bilic, Jasmina Eleta und Ursula Knoll. Regisseur Escher blendete das stumpfe Material, das sich in allerlei Klischees über die Mattgoldigkeit des Wiener Herzens erging, ohne ersichtlichen Grund auch noch ineinander.

Die Halle selbst aber ist eine trostlose Sichtbetonkaverne: von Ausstatter Renato Uz mit schönen Wiener Zuneigungsbegriffen in der Form von Lichtschlangen verhängt: "Hurenbeidl" , "Gschissana" oder "Fut" . Willkommen im Hieb! (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.10.2009)

Share if you care.