Goldschürfer sitzen wieder am Fluss

2. Oktober 2009, 17:02
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Gold profitiert von der wirtschaft­lichen Verunsicherung. Mittlerweile ist das Goldschürfen sogar wieder Teil des American Dream

Los Angeles - Der San Gabriel River fließt 50 Meilen nördlich von Los Angeles. Die Luft hängt heiß und schwer, es hat seit Wochen nicht mehr geregnet. Bernie McGrath steht an einer seichten Stelle im Flussbett und greift vorsichtig in eine Plastikschüssel, die er zum Auswaschen benutzt hat. Diesmal hat er kein Glück. Nur Sand rinnt durch seine Finger - kein einziges, glitzerndes Flöckchen. "Gold ist wie der Teufel, wie Heroin, du willst immer mehr davon", murmelt Bernie und zeigt dann mit verschwörerischer Miene auf einen Geröllhaufen. Darunter befinde sich eine ganze Ader, verrät er, "ich weiß es, denn es ist die Stelle, wo das Wasser am langsamsten strömt".

Bernie McGrath: schneeweißes Haar, das Gesicht zerfurcht wie ein menschlicher Atlas. Seit 20 Jahren sucht der 74-Jährige nach Gold. Bislang hat er dem Boden ungefähr 500 daumengroße Nuggets abgetrotzt. Die schönsten Exemplare bewahrt er in seinem Wohnmobil am Ufer auf - versteckt in einem Glaskasten unter der Matratze, gleich neben der Revolversammlung. "Wo Gold ist", seufzt der alte Abenteurer lapidar, "da sind nun mal auch viele Diebe."

Als Bernie mit dem Schürfen begann, war die Feinunze rund 300 Dollar wert. Inzwischen hat sich der Preis mehr als verdreifacht. Deshalb wird es immer geschäftiger am San Gabriel River. An die 50 Menschen haben sich an diesem Wochenende eingefunden. Überall liegen Pumpen im Wasser, deren Schläuche unter Hochdruck stehen, um die Erde aufzuwühlen. Das Gemisch aus Schlamm und womöglich etwas Gold wird auf mit Teppich bespannte Holzrutschen geleitet.

Rick Martin hat tausende von Dollar in seine Ausrüstung investiert. Für den Autoverkäufer ist die Goldsuche eine Überlebensfrage. Seine Geschäfte laufen schlecht. Klagen kriegt man von dem Mittvierziger jedoch nicht zu hören. Nach dem Beispiel seiner Vorfahren will er die Wirtschaftskrise nicht hinnehmen, sondern selbst die Ärmel hochkrempeln. "Wir Goldgräber sind genauso robust wie die Pioniere, die damals unser Land erschlossen haben", sagt Rick, beteuert aber, dass es ihm nicht nur ums Geld gehe: "Es ist auch diese unvergleichliche Erfahrung, dass du dem Boden etwas ablocken kannst, das Millionen Jahre lang kein Sonnenlicht gesehen hat."

Um den Hals trägt Rick eine Kette mit einem herzförmigen Nugget, das er im Norden Kaliforniens gekauft hat. Dort ist die Erde ergiebiger, heißt es, aber dort braucht man auch eine Lizenz zum Schürfen. Laiengräber dürfen ihr Glück in den USA nur auf öffentlichem Land versuchen. Rick hat am San Gabriel River bislang nur Körner aus dem Boden geholt. Doch das bremst ihn nicht. Zu verlockend ist die Sage, von der die verwitterten Holzkreuze auf den umliegenden Bergen erzählen. Ein bisschen weiter flussaufwärts lag früher Eldoradoville. 1883 wurde die in Anlehnung an das sagenhafte Goldland benannte Ortschaft durch eine Flutwelle zerstört, zahllose Goldsucher kamen um. "Aber der Tresor, in dem sie ihre Funde aufbewahrten, wurde nie gefunden" , sprudelt es aus Rick hervor, "ich bin fest überzeugt, dass er hier irgendwo im Wasser liegt."

Gold ist der Mythos, aus dem Träume gemacht sind. Jeden Abend versammeln sich die Gräber am San Gabriel River zum Barbecue. Kaliforniens letzter Goldrausch liegt 160 Jahre zurück. 300.000 Glücksritter strömten damals wie die Besessenen an die amerikanische Westküste. Von dort aus griff das Fieber auf die anderen Landesteile über. Die sozialen Umwälzungen aus dieser Zeit prägten Amerika bis heute, sinnt Pat Keene, der auf einem umgestülpten Bierkasten sitzt: "Auf einmal gab es diese Möglichkeit, über Nacht reich zu werden, und viele erkannten, dass nicht jeder gleichermaßen belohnt wird: Das Gold hat unser Wertesystem auf den Kopf gestellt."

Interessenverband wächst

Pat Keene muss es wissen, denn er gehört zur Gold Prospectors Association of America. Der Interessenverband zählt heute dreimal mehr Mitglieder als noch vor wenigen Jahren. Alleine 2008 kamen jeden Tag bis zu 250 neue Goldsucher hinzu. Die meisten davon schürfen auf eigene Faust. Pat spricht von einer neuen alten Variante des American Dream. "Besonders in Kalifornien leben wir alle immer noch verbunden in dieser Idee, dass du dich hier jederzeit neu erfinden kannst", erzählt er. Die einen versuchten es in Hollywood, andere mit einer Internetfirma im Silicon Valley, und seinesgleichen eben mit der Schürferei.

Bis heute wird Kalifornien "Der goldene Bundesstaat" genannt. Auch der neue Boom ist auf die Rarität des gelben Metalls zurückzuführen. Seit ihren Anfängen hat die Menschheit gerade einmal 150.000 Tonnen Gold gefördert: Das entspricht einem Würfel mit einer Kantenlänge von 20 Metern, nicht größer als ein Mehrfamilienhaus. (Beatrice Uerlings, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.10.2009)

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    Das gelb glänzende Edelmetall Gold wird in Zeiten der Krise wieder beliebt. In den USA kommt sogar das Schürfen von Gold wieder in Mode. Jeder hofft, ein großes Nugget zu erwischen.

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