Politischer Diskurs gefragt

2. Oktober 2009, 16:59
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Die gesellschaftliche Verantwortung von Firmen wird meist in Krisen diskutiert - Nachhaltiges Wirtschaften ist aber nur möglich, wenn die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen stimmen

Die Entwicklung von Corporate Social Responsibility (CSR) kann als Antwort auf mehrere Krisen verstanden werden. Durch die Enron-Pleite Ende der 1990er-Jahre hatten tausende Menschen in den USA ihre Ersparnisse und das Vertrauen in die Seriosität von Führungskräften verloren. Gleichzeitig nahmen die globalisierungs- und wirtschaftskritischen Proteste rund um das Weltwirtschaftsforum 2001 in Davos dramatische Ausmaße an. 

CSR setzte dazu einen Kontrapunkt. Unternehmen sollten zeigen, dass sie ihre Verantwortung gegenüber Umwelt und Menschen übernehmen: freiwillig, umfassend, und bevor sie durch neue Gesetze dazu gezwungen werden. Befürworter streichen seither heraus, dass freiwilliges Engagement mehr bringt als schwer kontrollierbare, bürokratische und teure Gesetze.
Blenden, verhindern?

CSR im Spannungsfeld

Kritiker sehen in CSR den Versuch der Wirtschaft, gesetzlichen Regulierungen zuvorzukommen und sie dadurch zu verhindern. In Österreich wird CSR seit Jahren in diesem Spannungsfeld von Freiwilligkeit und gesetzlicher Regulierung diskutiert. Unsere Forschungsergebnisse aus ganz Europa zeigen eine viel breitere Palette von „CSR Politiken": In den Niederlanden werden ab 2010 bei allen öffentlichen Beschaffungsvorgängen (immerhin 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) Umwelt- und Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt. In Frankreich müssen alle börsennotierten Unternehmen einen jährlichen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen. In Schweden dürfen staatliche Pensionsfonds nur in Unternehmen veranlagt werden, die CSR-Kriterien erfüllen.
Alle diese Initiativen nützen Marktkräfte und setzen Anreize für nachhaltiges Wirtschaften. Das ist viel, aber ist es genug um eine globalisierte Wirtschaft verantwortungsvoll zu gestalten? Wie weit kann man auf einem Boot gegen die Fahrtrichtung laufen?

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, dass das Vertrauen in die Selbstregulierung der Märkte nicht gerechtfertigt war. Eine krisenfeste Marktwirtschaft erfordert Rahmenbedingungen, die individuelles Engagement fördern, wirtschaftlichen Erfolg ermöglichen und gleichzeitig die Zukunfts- und Lebensfähigkeit von Umwelt und Gesellschaft sichern. Verantwortung ist dort einzufordern, wo ein Überwälzen von Kosten und Risiken auf die Allgemeinheit oder auf künftige Generationen zu ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteilen führen würde. So würden nicht nur vereinzelte Anreize für Vorreiter geschaffen, sondern "das Boot in die richtige Richtung gesteuert".

Politischer Diskurs

Die Entwicklung einer krisenfesten Marktwirtschaft steht erst am Beginn. Sie erfordert Grundlagenwissen, Gestaltungswillen und einen politischen Diskurs, in den sich die CSR-Pioniere verstärkt einbringen sollten. Sie haben sich seit Jahren mit verantwortungsvollem und zukunftsfähigem Wirtschaften beschäftigt und wissen, worum es bei CSR geht.
Ihre Visionen und Erfahrungen werden heute mehr denn je benötigt, müssen mehr denn je gehört werden. (*André Martinuzzi, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.10.2009)

Zum Autor

*André Martinuzzi leitet das Research Institute for Managing Sustainability der Wirtschaftsuniversität Wien und forscht im Auftrag der europäischen Union zu CSR und nachhaltigem Wirtschaften.

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