Entzauberter Medienzar

2. Oktober 2009, 18:46
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Harald Fidlers Biografie des Medienmanikers Wolfgang Fellner zeigt österreichische Zustände auf, die jeder Demokratie Hohn sprechen - Von Wolfgang Langenbucher

Was für ein Mensch ist dieser Wolfgang Fellner? Diese Frage begleitet einen bei dem lesenden Gang durch seine von Harald Fidler dicht und bunt beschriebene Welt.

Schon bald drängt sich ein Wort auf, das dann - erlösenderweise - S. 267 fällt, als Zitat aus der Süddeutschen Zeitung: "ein Parvenü". Auf gut Deutsch: ein Emporkömmling, merkwürdig genug angesichts einer durchaus reputierlichen Herkunft aus einer Professorenfamilie und einer - irgendwie ja bewundernswerten - Karriere als „verlegerischer Wunderknabe" schon in jungen Jahren mit einer Jugendzeitschrift (Rennbahn-Express) und dann über Jahrzehnte mit einer Palette von Magazinen. Dass er nun mit einer Tageszeitung („die Formel 1 des Journalismus, des Verlegertums", der „Königsdisziplin unter den Druckmedien") gescheitert ist (denn sein 2006 gegründetes Blatt Österreich ist die Karikatur einer Zeitung und meilenweit entfernt von dem, was er großsprecherisch als Konzept einst ankündigte), hat ihn gründlich entzaubert. 

Dass ihm, dem erst 55-Jährigen, schon eine Biografie gewidmet wird, hat seinem Narzissmus und seiner egomanen Eitelkeit aber ridikülerweise so sehr geschmeichelt, dass er an dieser veritablen Hinrichtung, als die sich diese Charakterstudie doch liest, auch noch selbst mitwirkte. Er durfte zum Manuskript Stellung nehmen.
Das war gewiss nicht ungefährlich und hätte Fidler nicht nur - kraft medienjuristischen Beistandes - einige „Geschichten" kosten, sondern das ganze Projekt vereiteln können. Nicht so bei Fellner, dem eine schon alle Grenzen sprengende Gabe der Autosuggestion gegeben ist. Und so begegnet man denn in diesem Buch immer wieder seinen „Zwischenrufen" - damit den Wahrheitsgehalt dieser investigativen Chronik auf grotesk eitle Weise beglaubigend. 

So ist also nun autorisiert, dass Wofe, der Österreichs Medienszene über Jahrzehnte immer wieder neu aufgewirbelt hat, alles andere ist als jener Sunnyboy, als den er sich wohl selbst sieht. In der Spiegelung durch viele seiner Mitarbeiter, Wegbegleiter und Freunde, die der Autor zu offenen Gesprächen bewegen konnte („wenn man ihnen zusichert, sie nicht zu nennen") entsteht das Bild einer wenig sympathischen, aber irgendwie offensichtlich erfolgreichen, faszinierenden und auf brutale Weise einerseits so selbstausbeuterischen wie andererseits motivierenden Persönlichkeit.

Und so begegnet uns dieser journalistisch-verlegerische Macher als Maniker, als Triebtäter mit Bluthundinstinkt, als Studienabbrecher, von Gier nach demonstrativem Reichtum besessen (Villa im 19. in der Himmelstraße, Häuser an den "Hotspots der Reichen und Schönen" in Malibu, Kitzbühel, Ibiza, naturgemäß mit Jacht ...), als Großmaul, im Umgang sprachlich ein proletenhafter Choleriker, unkultiviert - nicht nur in seinem Essverhalten, von „umfassender Unbildung", kumpelhaft anbiedernd und rüpelhaft brüllend ... Ein Kapitel ist überschrieben: „Mensch WOLFGANG: Fellner nackt". Es gilt hinzuzufügen, dass es auch andere Stimmen gibt: dieser vierfache Vater ist ein Familienmensch; er kann rührend besorgt sein um kranke Mitarbeiter; viele sagen: „Er ist ein sozialer Mensch."

Das mag so sein, aber darum geht es in diesem Buch auch nicht wirklich, sondern darum, was dieser manische Medienmacher in Österreichs Medienlandschaft angerichtet hat. Auch wenn diese Wirkungen seit Jahrzehnten beobachtbar waren und beschrieben wurden, bekommt man erst in einem solchen Buch, in der Addition, in der Bilanz aus der Summe der Einzelheiten einen tiefergehenden, sozusagen analytischen Eindruck. Und der ist erschreckend: auf das Konto der Fellners (die tragende Rolle des immer eher im Hintergrund bleibenden Bruders Hellmuth wird hier auch deutlich) geht eine Verluderung der journalistischen Kultur und ein Niedergang der professionellen Ethik, die schlechthin desaströs sind. 

Das weist Fidler an zahllosen Einzelheiten mit der Akribie seiner Recherche nach und schildert es mit dem großen Atem, der ihm das Medium Buch verschafft. Das Kapitel "ÖSTERREICH: Zeitung sucht Land" führt in die unmittelbare Gegenwart und öffnet den Blick in schaudernde Abgründe _- den aller Demokratie Hohn sprechenden Filz von Politik und Fellnerismus, der im Faymannland zum Alltag geworden ist. Darin ist dieses Buch mehr als die Biografie einer Person - es ist die Diagnose der niederschmetternden politischen Zustände dieses Landes. (Wolfgang Langenbucher, DER STANDARD; Printausgabe, Album, 3./4.10.2009)

Zum Autor
Univ.-Prof. Wolfgang Langenbucher ist emeritierter Vorstand der Instituts für Publizistik der Uni Wien

Link zum Buch
http://wolfgangfellner.at 

  • Harald Fidler, "Österreichs manischer Medienmacher. Die Welt des Wolfgang Fellner." 24,95 Euro / 272 Seiten. Styria, Graz/Wien 2009
    foto:styria

    Harald Fidler, "Österreichs manischer Medienmacher. Die Welt des Wolfgang Fellner." 24,95 Euro / 272 Seiten. Styria, Graz/Wien 2009

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