Die verschwundene Frau

2. Oktober 2009, 18:34
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Gerhard Zeillinger über Auguste L., die 1938 einfach "verschwand"

Die übrig gebliebene Hälfte eines Hochzeitsbildes ist das gespenstische Zeugnis von An- und Abwesenheit.

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Von Auguste L., geborene Mahler, existiert kein Bild. Es gibt keine Fotografie mehr, die ihr Gesicht zeigen würde, ihre Augen, ihren Mund. Weiß jemand noch, wie sie ausgesehen hat? Ohne dass es jemandem auffiel, ist Auguste aus dem visuellen Gedächtnis der Zeit gefallen, sie wird für immer verschwunden bleiben. Von dem einzigen Foto mit ihr, das sich erhalten hat, wurde sie weggeschnitten, als nichts mehr an sie erinnern sollte. Auf dem Foto war sie im weißen Brautkleid zu sehen, mit vermutlich glücklichem Gesicht, aufgenommen im Atelier eines Fotografen in Linz am 18. Oktober 1933. Alles, was man darauf von ihr noch sieht, ist ein schmaler Streifen ihres Brautkleides, der Rand ihrer linken Schulter und das Brautbouquet, das sie in der Hand hält, ohne dass es die Hand noch gibt. Ein gerader, fein-säuberlicher Schnitt hat nur so viel von ihr übrig gelassen, dass der daneben stehende Bräutigam unversehrt blieb. Das ist alles, was von ihr noch übrig ist.

Die Ehe hatte nicht lange gehalten. 1938, wenige Wochen nach dem "Anschluss" , war Josef L., Baumeister in Hausmening im westlichen Niederösterreich, in das benachbarte Amstetten gefahren und hat dort die Kanzlei von Dr. Rudolf Bast aufgesucht. Vielleicht hatte er den Rechtsanwalt gekannt, vermutlich war er ihm empfohlen worden. Dr. Bast ist seit 1931 Parteimitglied, seit wenigen Wochen übt er die Funktion eines Kreisrechtsamtsleiters aus. Er ist 1938 ein vielbeschäftigter Anwalt, denn fast alle "Arisierungen" in Amstetten und Umgebung laufen über seinen Schreibtisch. Auch mit der Scheidung von "Mischehen" macht Dr. Bast ein gutes Geschäft.

Als am 20. Mai 1938 auch in Österreich die Nürnberger Gesetze eingeführt werden und das sogenannte "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes" in Kraft tritt, war Josef L. klar geworden, dass die Frau, mit der er bald fünf Jahre verheiratet war, als rassisch nicht genehme Person galt. Wahrscheinlich hatte er Angst um seine Geschäfte, vielleicht dachte er sogar, dass er in einem rechtswidrigen Zustand lebte, denn Eheschließungen zwischen "Ariern" und Juden waren nun verboten. Fünf Jahre vorher, als Auguste und Josef im Dom von Linz einander das Jawort gaben, war alles noch anders gewesen. Auguste brachte ein nicht unbeträchtliches Heiratsgut mit, jüdisches Vermögen. Damit war der Betrieb des Baumeisters im Wesentlichen aufgebaut worden.

Josef L. war damals 48 Jahre alt, Witwer und hatte eine erwachsene Tochter. Auguste war 41 und das, was man landläufig ein "spätes Mädchen" nannte. Vielleicht war es trotzdem für sie eine Liebesheirat gewesen. Sie hatte ihren Ehemann schon von Jugend an gekannt, und vielleicht hatte sie jahrelang geträumt, seine Frau zu werden. Nun hatten sich die Zeiten geändert, und Josef L. hatte offenbar schnell kalkuliert, dass ihm die Lebensgemeinschaft mit einer Jüdin zum Nachteil gereichen könnte.

Über Nacht waren aus dem Ehepaar L. "Streitteile" geworden, "Kläger" und "Beklagte" : "Kläger begehrt nun die Scheidung dieser Ehe. Wie oben erwähnt, ist die Beklagte Jüdin. Kläger dagegen ist Arier. Eine Ehe zwischen einem Arier und einer Jüdin galt zur Zeit der Eheschließung der Streitteile als nicht verwerflich ... Seit dem Anschlusse Österreichs an das Deutsche Reich und seit der Einführung der sogenannten Nürnberger Gesetze in Österreich sind aber Ehen zwischen Ariern und Juden ausdrücklich verboten und gelten daher als verwerflich. Aus diesem Grunde hat den Kläger wider die Beklagte eine unüberwindliche Abneigung ergriffen, so zwar, dass Kläger den gemeinsamen Haushalt mit der Beklagten sofort aufgelöst hat und seither von der Beklagten faktisch getrennt lebt. Weiters aus dem Grunde, weil die Ehe zwischen den Streitteilen die Aufgabe nicht mehr zu erfüllen vermag, die ihr der nationalsozialistische Staat stellt, und daher für die Allgemeinheit wertlos geworden ist." Und schließlich: Die Fortsetzung der Ehe könne dem Kläger "nicht zugemutet werden" .

Die Scheidungsklage, die Dr. Bast aufgesetzt hat, ließ es an Eindeutigkeit nicht fehlen. Er formulierte für den Baumeister aus Hausmening eine so persönliche Abneigung als Folge der rassischen Situation, dass dieser eine solche Abneigung wahrscheinlich erst hätte erfinden müssen, um sich ihrer bewusst zu werden. Aber der Kläger war damit zufrieden, er wollte seine Frau so schnell wie möglich loswerden. Vor Gericht unterstrich er - oder vielmehr sein Anwalt hatte diesen Einwand formuliert -, dass er sich bei der Eheschließung einfach geirrt hätte. Er habe damals "nicht etwa einen Rassenunterschied gesehen, sondern lediglich einen Religionsunterschied, und gar nicht eingesehen, dass die Eingehung einer solchen Ehe vom deutschrassigen Standpunkte aus verwerflich ist und sie nie die Aufgabe erfüllen kann, die der Deutsche Staat an eine Ehe stellen muss. Hätte der Kläger diese Einsicht vorher gehabt, so hätte er diese Ehe nie abgeschlossen."

Dem Kläger wurde Glauben geschenkt, 1939 wurde die Ehe "wegen Irrtum" aufgehoben. 1939 musste Auguste auch aus ihrem Heimatort verschwinden. In Wien hatte sie sich zuletzt um eine Auswanderung nach Schanghai bemüht, aber sie hatte keine Ausreisebewilligung erhalten. Im Dezember 1941 landet sie schließlich im Ghetto von Minsk. Ob Josef L. später jemals bewusst geworden ist, dass er seine Frau hätte retten können? Die jüdischen Partner in Mischehen galten als geschützt, sie blieben von der Deportation verschont, Auguste hätte das Dritte Reich überleben können. Ob Josef L. jemals darüber nachgedacht hat?

Später erzählte er stolz herum, dass seine Frau ja mit Gustav Mahler verwandt gewesen sei. Vielleicht hatte er sich davon abermals geschäftliche Vorteile erhofft, es war die Zeit des Wiederaufbaus und die Zeit der Aufträge, da konnte man dann schon wieder mit einer jüdischen Ehefrau renommieren, deren Vorfahren angeblich aus demselben Ort und derselben Familie stammten wie der berühmte Komponist. Jedenfalls hatte sich Josef L. schon wenige Wochen nach Kriegsende wieder seiner Ehe mit der Jüdin Auguste Mahler besonnen und angefangen, sich plötzlich verantwortlich zu fühlen - verantwortlich für den arisierten Besitz seines ehemaligen Schwagers, der ja nun, da die Zeiten wieder andere waren, jemandem von der Familie zufallen müsste, vielleicht sogar ihm selbst, wenn niemand sonst überlebt hätte. Er schrieb einen Brief an die Behörden und beantragte fürs Erste die Veranlassung der "Eigentumsfeststellung" .

Aber Josef L. hatte sich umsonst bemüht. Der Neffe seiner Frau Auguste hatte überlebt, als Einziger der Familie. 1946 war er in seine Heimat zurückgekehrt, als ehemaliger Soldat der britischen Armee. Nun kämpfte er um den Besitz seiner Familie, und er versuchte sein Leben noch einmal von vorne anzufangen, am alten Ort.

Als wäre nichts gewesen

Auch der Baumeister Josef L. hatte einen Neuanfang gemacht. Er trat in die österreichische Volkspartei ein und wurde Gemeinderat in Hausmening. 1948 heiratete er ein drittes Mal, und da seine geschiedene Frau den Holocaust nicht überlebt hatte - sie musste nur amtlich für tot erklärt werden -, konnte er auch seine dritte Frau, entsprechend den Gesetzen der katholischen Kirche, vor dem Traualtar ehelichen - auf dem Sonntagberg, in einer beliebten Wallfahrtskirche. Die Formalitäten wurden am Kreisgericht St. Pölten geregelt, dort wo mehr als acht Jahre zuvor der Scheidungsakt besiegelt worden war. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass beide Schriftstücke dieselbe Unterschriftsparaphe tragen. Derselbe Richter, der 1939 die Eheschließung von Auguste Mahler und Josef L. wegen des Rassenunterschiedes für ungültig erklärt hatte, hatte 1947 das Verfahren zur Todeserklärung eingeleitet.

Auch diesmal ging es sehr schnell. An der Amtstafel des Gerichtes wurde ein Anschlag gemacht, in der Wiener Zeitung wurde derselbe Schrieb veröffentlicht: "Auguste L. wird aufgefordert, vor Gericht zu erscheinen oder auf andere Weise Nachricht von sich zu geben." Andernfalls würde sie für tot erklärt werden. Das geschah ein halbes Jahr später mit der Feststellung: "Der Aufenthalt in Minsk muss unter Berücksichtigung des Alters der Verschollenen als Lebensgefahr nach §7 Verschollenen-Gesetz beurteilt werden." Auguste war nie vor Gericht erschienen, eine "Nachricht" von ihr ist nie eingelangt. Am 20. Februar 1948 befand der Oberlandesgerichtsrat Niel, dass "mit Bestimmtheit angenommen werden kann, dass Auguste L. den 31. Dezember 1943 nicht überlebt hat" .

Hat sich Dr. Niel, dessen Karriere wie so viele andere ungebrochen weitergegangen war, an Auguste L. erinnert, die er erst geschieden und neun Jahre später für tot erklärt hat? Hat er einen Zusammenhang zwischen den beiden Amtshandlungen hergestellt? Und wie hat der Baumeister L. die Sache für sich "bereinigt" ? Zehn Jahre waren vergangen, und schon war in dem kleinen Ort alles wieder vergessen und ging seinen gewohnten Gang. Frisch verheiratet trat der Baumeister in die Textilhandlung von Augustes Neffen und stellte ihm seine neue Frau, die fast vierzig Jahre jünger war, vor. Als wäre nichts gewesen, erkundigte er sich, wie die Geschäfte liefen, er lehnte sich gelassen über den Ladentisch und grinste dabei mit seinen kleinen Augen durch das Glas seiner Brille, ein breites unverständliches Grinsen, in dem auffallend ein Goldzahn glänzte.

Auf dem Hochzeitsbild trägt er noch keine Brille, als "Herr" steht er im schwarzen Hochzeitsfrack da, den Oberkörper ein wenig vorgeneigt, unter dem Hals eine weiße Fliege. Am Revers hat er ein mit Wachs poussiertes "Sträußchen" angesteckt, in der linken Hand hält er ein paar weiße Handschuhe, deren Enden lässig nach unten fallen. Milde lächelnd blickt er in die Kamera des Fotografen, selbstbewusst, fast großzügig. Das Haar grau meliert und als hochstehender Kamm in Wellen gelegt - so hat man sich heute einen "gesetzten Herrn" vorzustellen.

Und Auguste, wie hat sie ausgesehen? Sie steht als Gespenst neben ihm und ist gerade noch mit einem Teil ihres Hochzeitskleides zu sehen, man sieht den Brautstrauß, den sie hält, aber nicht mehr ihre Hand, und gerade noch ihre linke Schulter, über die der Schleier fällt, die die rechte, kaum höher liegende Schulter des Bräutigams verdeckt. Auguste muss nicht viel kleiner als ihr Mann gewesen sein.

Das ist das Einzige, was von ihr noch zu sehen ist. Man hat es nicht wegschneiden können, weil sonst auch von ihrem Ehemann nicht mehr viel zu sehen wäre. Nur der rechte Arm, den er um sie gelegt hat, ist weggeschnitten worden, er war hinter ihrem Körper versteckt. Sein Gesicht, mit dem Ausdruck der Sorglosigkeit und Zufriedenheit darin, aber war unversehrt geblieben und hat die Zeitläufe überdauert. (Gerhard Zeillinger, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.10.2009)

 


Fein säuberlicher Schnitt: Vom einzigen Foto, das von ihr existiert, wurde sie weggeschnitten.1933, als Auguste und Josef im Dom von Linz einander das Jawort gaben, war alles noch anders gewesen. Auguste brachte ein nicht unbeträchtliches Heiratsgut mit, jüdisches Vermögen. Damit war der Betrieb des Baumeisters im Wesentlichen aufgebaut worden. Bild: Zeillinger

Zur Person:
Gerhard Zeillinger, geb. 1964 in Amstetten (Niederösterreich), ist freier Schriftsteller, Historiker und Literaturkritiker. Seit 1983 gibt es zahlreiche Veröffentlichungen von ihm, er arbeitet an einer jüdischen Familiengeschichte.

  • Artikelbild
    foto: zeillinger
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