Hallo, ihr Schlingel!

2. Oktober 2009, 15:43
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Über die Kunst des ersten Satzes

Aha, erwische ich Sie schon wieder beim Lesen dieser Kolumne, Sie Schlingel? Bitte um Verzeihung, den Schlingel nehme ich umgehend zurück. Beim ersten Satz handelte es sich nicht um eine Beschimpfung, sondern vielmehr um einen Test in angewandter Leserführung, die bekanntlich dann am besten funktioniert, wenn man gleich zu Beginn eines Textes das Interesse des Lesers weckt. Und das ist mir ja offenbar gelungen, ansonsten würden Sie sich nicht den inzwischen bereits vierten Satz dieser Kolumne zu Gemüte führen.

In Zeiten wie diesen ist auch die Aufmerksamkeitsökonomie in den Medien in eine massive Krise geraten. Einem schier endlosen Angebot an Stiefel, Stuss und Schmarren stehen rare Exemplare von kostbarer Unterhaltung und scharfem Witz gegenüber, wie sie etwa diese Kolumne bietet.

Nur: Wie bringt man eine blasierte, vom medialen Dauerbombardement abgestumpfte Leserschaft dazu, sich in das Wagnis der Kolumnenlektüre einzulassen? Die Antwort: mit einer der schärfsten journalistischen Geheimwaffen, dem reizstarken ersten Satz, der den Leser so unwiderstehlich anfixt und in den Text hineinlockt, dass es kein Entrinnen mehr gibt.

Die vom "Österreichischen Journalisten" herausgebene Zeitschrift Journalisten-Werkstatt präsentierte kürzlich die ersten Sätze von Reportagen, die 2009 zum Egon-Erwin-Kisch-Preis nominiert wurden: "Kalojew ist fort." (Erwin Koch). "Gerald Hass landet mit der Nachmittagmaschine aus London in Berlin-Tegel." (Niklas Maak). "Maria erwacht aus einer traumlosen Nacht." (Annabel Wahba).

Brillant und süchtig machend wie reines Heroin! Nach einem solchen Text-Entree wird der Leser weder rasten noch ruhen, ehe er nicht weiß, warum Kalojew fort ist, Gerald Hass ausgerechnet mit der Nachmittagsmaschine landet und Maria aus einer traumlosen Nacht erwacht. Ich schreibe momentan selbst an einem Krimi und experimentiere seit Tagen mit verlockenden ersten Sätzen. In der engeren Wahl: "Karl-Heinz denkt an die Privatisierung und grinst schmutzig" und "Walter rechnet die Höhe der Provision aus und reibt sich vergnügt die Hände." Wahrscheinlich ließe sich damit das Interesse einiger Leser gewinnen.

So viel also zu den ersten Sätzen. Über die Kunst des letzten Satzes - hoppala, hier steht er auch schon - reden wir dann ein andermal genauer. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.10.2009)

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