Der Überbeschreiber

2. Oktober 2009, 18:09
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Armin Thurnher erzählt von seinen Treffen mit Alfred Brendel und nimmt ihre Vorgeschichte zum Anlass für kaum maskierte Lebenserinnerungen

Es hat weiß Gott schon dramatischere Romanhandlungen gegeben als die Geschichte des Journalisten, der nicht und nicht an seinen ersehnten Interviewpartner herankommt. Und doch: Für den Ich-Erzähler in Armin Thurnhers "zugegebenermaßen etwas autobiografischem" Buch scheint es kein erstrebenswerteres Ziel zu geben, als den Pianisten Alfred Brendel zu einem Gespräch zu treffen - und kein größeres Drama, als bei der ersten schüchternen Anfrage gleich einen Korb zu bekommen.

Dass sich diese Story, die im Kern nur aus unausgesetzten Versuchen besteht, doch noch eine Begegnung herbeizuführen, dennoch spannend liest, liegt an der Leidenschaft für klassische Musik und insbesondere an einer grenzenlosen Bewunderung für das Klavierspiel und die Person Brendels, die der Erzähler mit dem Autor teilt. Aber nicht nur das Herzblut, mit dem er sich seiner Ikone annähert, ist echt; auch die übrigen Figuren und Begebenheiten sind bloß "teilweise fiktiv" : Wenn schon einen "Roman" , dann hat Thurnher einen Schlüsselroman geschrieben, bei dem freilich der erfundene Anteil mit der Lupe zu suchen ist, während kaum maskierte reale Erinnerungen die Oberhand behalten.

Somit ist der Schlüssel zur Zuordnung der Personen zu jenen im Buch, die oft ähnliche Namen haben oder mit deutlichem Pinselstrich beschrieben sind, jedem an die Hand gegeben, der sich in der heimischen Kultur- und Medienszene ein wenig auskennt. Leicht ist nicht nur der junge Pianist, den der Autor nur mit Vornamen nennt, zu erkennen, sondern auch der Verleger, der Komponist, der Germanist, der Dichter, der Salzburger Intendant oder der Wiener Musikmanager - bis hin zu Politikern wie dem "roten Kanzler" . Einiges von seiner Würze verdankt das Buch den hier porträtierten Gestalten.

Nicht allen ist der Autor gleich wohlgesinnt, nicht alles, was er über jene sagt, denen er wohlgesinnt gegenübersteht, ist gleich schmeichelhaft. Dabei hält er auch mit Andeutungen über Privates nicht hinter dem Berg, ebenso wenig bei der eigenen Biografie. Souverän eingebaute Rückblenden führen von den ersten Klavierstunden über seine Amateurmusikerkarriere, etwa als Kammermusikpartner prominenter Freunde (als der Thurnher unlängst einen beachtlichen Kurzauftritt absolvierte), bis zur Geschichte des Buches selbst. Der fiktive Anteil bei alldem scheint häufig in der Zuspitzung und Überzeichnung zu liegen, wenn mit pessimistischer Übertreibungskunst in Thomas Bernhard'scher Tradition etwa das österreichische Bildungsbürgertum und ganze Berufsgruppen abgetan werden. Andererseits kommen die Annäherungen an Brendel nicht ohne Überhöhung aus, wenn der Autor berichtet, wie sich einmal das Menschenmeer in der Kärntner Straße um sein Idol geteilt habe, oder wenn er mit ergebener Verehrung den Händedruck des Pianisten beschreibt.

Während Thurnhers Lust an pointierter Formulierung mit der Genauigkeit der Schilderungen wetteifert und mitunter als Selbstzweck erscheint, wechseln sich tiefsinnige Bemerkungen mit Situationskomik und Kalauern ab (an den besten Stellen kommt all das zusammen). Und dort, wo er über Musik schreibt, finden sich mit die gelungensten Passagen. Diese Fähigkeit muss auch Brendel aufgefallen sein: Sein Interview hat der Journalist letztlich bekommen. (Daniel Ender, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.10.2009)

Armin Thurnher: "Der Übergänger. Roman" .€ 20,50 / 256 Seiten. Zsolnay, Wien 2009

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