"Es wird keine einfache Zeit"

2. Oktober 2009, 16:54
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Unternehmens-Chef Johannes Ametsreiter über das Ende der "goldenen Zeiten" im Mobilfunk und Festnetz

Standard: Bisher galt die Faustregel: Dem Festnetz geht es schlecht, aber der Mobilfunk macht Gewinne für den Konzern. Zuletzt sind auch die Gewinne im Mobilfunk geschmolzen. Wie geht sich das aus?

Ametsreiter: Wir hatten die letzten 13 Jahre Wachstum, wir kommen jetzt mit 132 Prozent Penetration in eine gesättigte Phase. Bis dato haben Mobilfunker davon gelebt, immer mehr Teilnehmer zu gewinnen bei fallendem ARPU (Durchschnittsertrag pro Kunde, Anm.). Diese Rechnung funktioniert nicht mehr. Und zum anderen brachten uns Regulierungen beim Roaming und bei der Interconnection (Entgelte für Verbindung in andere Netze, Anm.) Einbußen beim Ergebnis. Das spüren alle Mobilfunker.

Standard: Das bedeutet, dass Sie als Konzern doppelt betroffen sind, denn Festnetz verliert weiter.

Ametsreiter: Im Festnetz sind wir es gewohnt, im Mobilfunk sind die goldenen Zeiten und das Riesenwachstum vorbei. Wie andere entwickelte Branchen sind wir in einem Verdrängungwettbewerb, in dem es immer noch Leerkapazitäten gibt und der Druck steigt. Entstprechend effizient muss man sich aufstellen um durchzusegeln. Wir sind exzellent aufgestellt, es wird trotzdem keine einfache Zeit in den nächsten Jahren. 

Standard: Leerkapazitäten am Markt insgesamt, oder bei Ihren Konkurrenten?

Ametsreiter: Wir sind ein sehr kleines Land, das sechs 3G-Lizenzen mit der Verpflichtung vergab, Netzwerke aufzubauen. Es sind zwar nur noch vier Betreiber, aber wir haben leerstehende Kapazitäten in Österreich. Diese vier Betreiber haben unterschiedlich ausgelastete Netze, und wer nicht ausgelastet ist, versucht mit sehr günstigen Preisen auf den Markt zu gehen.

Standard: Aber heuer ging A1 als erster mit „Sechs Monate ohne Grundgebühr" auf den Markt. 

Ametsreiter: Es ist jedesmal ein anderer, der hier attraktive Angebote macht, ich laste das auch niemand an. Österreich ist ein kompetitiver Markt, und wer mit der besten Leistung überzeugt wird profitieren, das ist eine Mischung aus Preis und Netzqualität und erkennen, was Kunden brauchen.

Standard: Wenn es zuviel Kapazität gibt, wäre dann die Folge - Zusammenlegen von Netzen oder dass ein Konkurrent aufgibt?

Ametsreiter: Das kann man nicht vorherschreiben, was sich tun wird. Aber die Situation ändert sich:Das Datenvolumen verdoppelt sich jedes Jahr. Netze, die in der Vergangenheit nicht ausgelastet waren, werden in Zukunft ausgelastet sein. Dann ist die Frage, wie man diese Nachfrage bedient. Unsere Lösung ist ein konvergentes Netz (Festnetz und Mobilfunk, Anm.) anzubieten. 80 Prozent derer, die mobiles Breitband nutzen, tun das Zuhause, da gibt es aber einen DSL-Festnetzanschluss, oder künftig Fibernetze. Wir wollen daraus ein Produkt schaffen, aus dem der Kunde einen Vorteil hat, aber auch wir, indem wir kostengrünstiger planen können. 

Standard: Sie investieren gleichzeitig Milliarden ins Festnetz sowie in den Mobilfunk. Machen Sie sich da im eigenen Konzern Konkurrenz?

Ametsreiter: Es kann das eine nur mit dem anderen funktionieren. Jede Mobilfunk-Basisstation, die nicht mit Glasfaser angeschlossen ist, kann nie ihre volle Leistung erbringen. Das scheinheilige an der Diskussion ist, dass hohe theoretische Leistungen für die nächste Mobilfunkgeneration angegeben werden, die aber in der Praxis auf viele Teilnehmer aufgeteilt werden. Glasfaser ist der Weg in die Zukunft - für das mobile wie das Festnetz. Gerade in urbanen Bereichen, wo sehr viele Nutzer auf einem Fleck sind, können Sie mit Glasfaser Zuhause hohe Geschwindkeiten haben, die Sie nicht teilen müssen. Und unterwegs haben Sie die besten Mobilfunktechnologien, die über Glasfaser angebunden sind. Das ist nicht gegensätzlich, sondern ergänzend.

Standard: Was bringt der Ausbau für Endbenutzer, nur höheres Tempo, oder auch neue Möglichkeiten?

Ametsreiter: Wir reden von komplett neuen Dinge, eines haben wir gerade vorgestellt: Die Mediabox der Telekom Austria. Die bietet eine Videothek mit hunderten Filmen zum Download, man kann eine Verbindung mit Musik, Fotos oder Videos am PC herstellen. Das können Sie am Fernseher anschauen, oder auch über Ihr Handy unterwegs. Das ist derzeit das am weitesten entwickelte Produkt in Europa, für das wir eineinhalb Jahre programmiert haben - die Verbindung unterschiedlicher Entertainment-Devices.

Standard: Solche Heimvernetzungen sind weiterhin komplex und störungsanfällig. Kunden werden dafür Unterstützung von Ihnen erwarten, können Sie die leisten?

Ametsreiter: Die Stabilität müssen wir erst unter Beweis stellen, auch wenn wir das ausführlich getestet haben. Die Bedienerfreundlichkeit ist exzellent, und Stabilität setze ich bei guter Technologie einfach voraus.

Standard: Da sind Sie ein Optimist.

Ametsreiter: Das muss ich sein. Aber Sie haben recht, ein paar Dinge sind noch nicht so weit wie wir uns das wünschen würden. Das müssen wir weiter verbessern.

Standard: Ihr Kerngeschäft waren bisher Netze, sind Sie für diese neue Rolle als Servicegesellschaft aufgestellt?

Ametsreiter: Wir bewegen uns in Bereiche hinein, die für uns völlig neu sind. Die Mediabox ist ein völlig neuer Zugang, da legen wir nicht nur eine Leitung, sondern vernetzen auch noch den ganzen Haushalt und stellen Content bereit. Das ist eine völlige neue Art von Service. Es gibt ein riesiges Bedürfnis, dass man kompetente Unterstützung erhält, wenn es irgendwo hakt. Das wird für uns eine Riesenherausforderung und es ist die Zukunft, dass wir Kunden helfen bei der Planung, beim Aufstellen, beim Integrieren und der Servicierung. Davor gab es eine Telefonsteckdose im Vorzimmer und das war‘s. 

Standard: Dafür bräuchten Sie doch mehr, nicht weniger Leute. Wie geht es Ihnen dabei, Beamte an andere Behörden zu vermitteln?

Ametsreiter: Wir versuchen bei den Kundenkontakten effizient zu agieren und neue Skills aufzubauen. Dadurch erhalten wir neue Ressourcen für unsere Mitarbeiter, die wir zu den neuen Themen bringen wollen. Es gibt hier ein hohes Verantwortungsbewusstsein seitens der Politik, dass dies ein sinnvoller Weg ist, der für alle Wert schafft. Für den Staat ist es volkswirtschaftlich gut, für das Unternehmen ist es entlastend, für Mitarbeiter kann es sinnstiftend sein einen fixen Planposten zu erhalten. Man ist hier sehr bemüht, eine Lösung zu finden, die für alle zum besten ist. (Das Gespräch führte Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 3. Oktober 2009)

  • Telekom-Austria Chef Johannes Ametsreiter
    Foto: Reuters

    Telekom-Austria Chef Johannes Ametsreiter

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