"Ein Schlägertrupp, dirigiert vom Vorsänger"

2. Oktober 2009, 14:55
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derStandard.at veröffentlicht den offenen Brief eines Fans an die Verantwortlichen der Austria Wien

Sehr geehrter Herr Mag. Kraetschmer,

Seit mittlerweile 1,5 Jahren ist eine Entwicklung innerhalb der Austria-Fanszene auszumachen, die mich und den überwiegenden Großteil der Austria-Familie nicht nur bedenklich stimmt, sondern sogar schockiert. Es erscheint jetzt müßig, alle Vorkommnisse aufzuzählen, die in diesem Zeitraum dazu geführt haben, dass der Anhang der Violetten ein desaströses Image aufweist und diesbezüglich sogar die Fans der Grünen um Längen hinter sich gelassen hat.

Daher begrüßte ich bedingungslos den harten Kurs des Vereins in dieser Causa, und so wie ich ist die absolute Mehrheit der Austria-Familie 100% pro Stadion-/Hausverbote, was auch immer. Ich feuere seit mittlerweile 15 Jahren als Fantribünen-Abonnent die Austria an, habe zuhause und auswärts schon einiges gesehen, aber was sich in der jüngeren Vergangenheit abgespielt hat, ist absolut jenseitig.

Im gestrigen Spiel gegen Funchal wurde vom Vorsänger das leidige "Wir sind gegen Stadionverbote!" angestimmt. Soweit so gut, ist ja in Ordnung anderer Meinung zu sein bzw. falsch verstandenes Pseudo-Kameradentum zu praktizieren. Es dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass dies von einem recht großen Teil der Ost mit Pfiffen und Buhrufen bedacht worden ist, mal abgesehen davon, dass viele halt einfach nur schweigen und nichts tun. Soweit nichts neues. Dann jedoch machte sich im 2. Rang ein Schlägertrupp, bestehend aus einer Handvoll Leuten, auf den Weg, um einen Buhrufer blutig zu prügeln. Dirigiert wurden sie dabei vom Vorsänger selbst, der aufgrund seiner Position jemanden ausgemacht zu haben glaubte, der nicht gegen Stadionverbote war und dies auch auf seine Art bekundete. Vier bis fünf Schläger schauten somit immer wieder Richtung Podest, um sich vom Vorsänger bestätigen zu lassen, dass man da auch ja einen "Richtigen" erwischt habe.

Danach meldete jemand diesen Vorfall bei der Polizei, wollte Anzeige erstatten, woraufhin die Beamten ihm erklärten, dass sie Order hätten, nicht in den Sektor zu gehen. Verständlich, wenn man bedenkt, dass eine Massenpanik im 2. Rang verheerende Konsequenzen haben könnte. Allerdings müssten die technischen Einrichtungen wohl mehr als ausreichend sein, um diese Leute zu identifizieren um sie in weiterer Folge im nachhinein rauszufischen und dingfest zu machen, bzw. ihnen alle (straf)rechtlichen Konsequenzen angedeihen zu lassen.

Es kann nicht sein, dass ein Haufen Chaoten unsere Fantribübe in Geiselhaft nimmt. Ich habe seit einiger Zeit auf die regelmäßige Teilnahme an Away-Fahrten verzichtet, weil ich dort Szenen gesehen habe, die auch für jemanden, der schon vieles gesehen hat, teilweise unbegreiflich erscheinen. Spätestens seit dem gestrigen Spiel fühle ich mich auch bei Heimspielen nicht mehr sicher. Wer garantiert mir, dass nicht auch ich Opfer einer derartigen Schlägertrupp-Aktion werde? Warum sollte die - ich wiederhole - überwiegende Mehrheit der Austria-Fans, die einfach nur anfeuern will, sich von solchen Kriminellen terrorisieren lassen? Verbrechern, die ohnehin keine Existenz zu verlieren haben, weil der Häf'n für viele von ihnen nicht wirklich eine Degradierung der Lebensumstände darstellt?

Ich hoffe weiterhin auf eine - nicht nur medial kommunizierte, sondern auch mit tatsächlichen Handlungen untermauerte - harte Linie der Austria gegen dieses terrorisierende Chaotentum. Das Stadion darf kein rechtsfreier Raum sein!

Mit violetten Grüßen

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