Anders gefragt: "Ein bisserl Volksvater sein"

2. Oktober 2009, 17:12
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Ulrich Habsburg-Lothringen, der zur Präsidentschaftswahl antreten dürfen will, erklärt, wieso Haider ein Verräter war und warum er die See der Kapuzinergruft vorzieht

Der Kärntner Grüne Ulrich Habsburg-Lothringen will zur Präsidentschaftswahl antreten dürfen. Wie er seinen Namen schnell ruiniert hat (Politik), wieso Haider ein Verräter war (Ortstafeln), und warum er die See der Kapuzinergruft vorzieht, erforschte Renate Graber.

STANDARD: Gerade vor Ihrem Haus steht ein Feinstaubmessgerät. Haben Sie als Gemeinderat der Grünen das anbringen lassen?

Habsburg: Nein. Es zeigt immer so hohe Werte, dass die Leute sagen, es sei nicht repräsentativ.

STANDARD: Sie selbst sind ja dafür bekannt, dass sie mit Jopperl und Rad durch Wolfsberg fahren.

Habsburg: Lieber gehe ich zu Fuß, weil Radfahrer hier nicht gegen Einbahnen fahren dürfen. Das macht es kompliziert.

STANDARD: Sie sind seit 1986 notorischer Gegen-die-Einbahnfahrer: Habsburger, Grüner, Kritiker der katholischen Kirche, mit einer Jüdin verheiratet, Kämpfer für zweisprachige Ortstafeln, Haider-Kritiker.

Habsburg: Ja, 1986, mit Waldheim geriet ich über Leserbriefe-Schreiben in die Politik, und da war der Name bald ruiniert.

STANDARD: Ulrich Habsburg – ein Underdog in Kärnten?

Habsburg: Nein, im Land habe ich kein Problem: Der Landeshauptmann spricht nicht mit mir.

STANDARD: Aber er will die Lavant verlegen, und da haben Sie auf 35 Kilometern die Fischereirechte.

Habsburg: Er wollte sie verlegen, aber ich habe darauf hingewiesen, dass die EU das nicht hinnehmen würde. Darum plant Dörfler jetzt eben die Straßen um.

STANDARD: Man kann in Ihren Fischgründen Fliegenfischen, Peter Pilz macht das leidenschaftlich gern. Sie auch?

Habsburg: Ich komme kaum noch zum Fischen, heuer bin ich nur einmal im Teich mit meinen Enkeln dazu gekommen. Da habe ich grade das Brot auf den Haken hängen dürfen.

STANDARD: Das Fischen bei Ihnen ist aber ganz schön teuer: bis zu 50 Euro am Tag.

Habsburg: In Oberkärnten zahlen Sie 110 Euro und dürfen nicht einmal die Fische mitnehmen: catch and release. Bei mir können Sie die Fische mitnehmen, drei Stück.

STANDARD: Ihr Neffe auf der Koralpe hat ja im Vorjahr für größte Aufregung gesorgt: Er wollte eine Schwammerlgebühr einführen.

Habsburg: Ja, aber das wurde dann abgewendet, er hat sich mit der Landesregierung geeinigt. Für mich, in meinen Wäldern, kommt das nicht in Frage. Bei mir wachsen aber auch nicht so viele Schwammerl wie dort oben (lacht).

STANDARD: Ihr Bekanntheitsgrad ist auch außerhalb Kärntens gestiegen. Sie wollen bei den Bundespräsidentenwahlen kandidieren, haben daher beim Verfassungsgerichtshof einen Antrag auf Gesetzesprüfung eingebracht. Mitglieder (ehemals) regierender Herrscherhäuser haben kein passives Wahlrecht, Sie bekämpfen das als gleichheitswidrig. Geht es ums Prinzip, oder wollen Sie wirklich Präsident werden?

Habsburg: Das Amt reizt mich. Wir könnten aus unserer geopolitischen Lage viel mehr machen und, wie unter Kreisky, international als Mediator auftreten.

STANDARD: Sie kämpfen ja mit Ihrer Schwiegertochter Gabriele, die auch einen Gesetzesprüfungsantrag eingebracht hat. Will sie auch wirklich Präsidentin werden?

Habsburg: Ja. Sie würde dann kandidieren, wenn Alexander Van der Bellen für die Grünen ins Rennen geht. Dann würde ich hintanstehen.

STANDARD: Was wäre (denn) Ihre erste Amtshandlung?

Habsburg: Ich würde schauen, dass wir den Staatsvertrag einhalten.

STANDARD: Und in Kärnten zweisprachige Ortstafeln aufstellen?

Habsburg: Genau. Wenn die Österreicher das nicht tun wollen, sollen die Signatarstaaten befinden, ob Österreich den Staatsvertrag einhält ...

STANDARD: ...und Sie würden Uno-Truppen zum Aufstellen einsetzen?

Habsburg: So ist es. Sie haben wohl mein Buch gelesen?

STANDARD: Ja. Wegen der Ortstafeln hatten Sie Jörg Haider Verrat an Österreich vorgeworfen, ihn zum Rücktritt aufgefordert...

Habsburg: Ich habe ihm auch mein Buch zu all diesen Themen übergeben, mit Widmung.

STANDARD: Auf Slowenisch?

Habsburg: Deutsch, obwohl ich ein Jahr Slowenisch gelernt habe im Gymnasium. Damals konnte ich das Vater-Unser auf Slowenisch.

STANDARD: Sie haben Slowenen-Anwalt Rudolf Vouk engagiert für die Präsidenten-Causa – als Zeichen Ihrer Minderheiten-Zuneigung?

Habsburg: Genau.

STANDARD: Weil das Habsburger-Reich aus Minderheiten bestanden habe, wie Sie argumentieren?

Habsburg: Ja, und wenn es nur Minderheiten gibt, gibt es keine Mehrheit. In der Monarchie gab es übrigens zweisprachige Ortstafeln.

STANDARD: Der Bundespräsident gilt in Österreich ein bisserl als Ersatzkaiser. Sie sagen, Kaiser-Sein reize Sie nicht. Ersatzkaiser-Sein schon?

Habsburg: Nein. Ich möchte ein bisserl Volksvater und Ansprechpartner für alle sein. Vaterfiguren sind wichtig, das Volk verlangt danach. Die starke Hand, nach der gerufen wird, sollte man dagegen doch etwas ablehnen.

STANDARD: Sie sagen auch, Sie wären "der ideale, der beste Kandidat". Warum?

Habsburg: Weil wir bis jetzt gar keinen Kandidaten haben, es hat sich ja bis jetzt noch keiner gemeldet. Ich würde das richtige Wort zur richtigen Zeit erheben, das tut heute ja keiner mehr in der Politik.

STANDARD: Was würden Sie denn sagen, derzeit?

Habsburg: Ich würde die Folgen unserer wirtschaftlichen Lage ansprechen. Es geht um gerechtere Einkommensverteilung, wir müssen unser Sozialsystem neu ordnen.

STANDARD: Man nennt Sie schrullig, "roter Habsburger", Ihr jüngerer Bruder nennt Sie "mein kleiner grüner Bruder". Gute Titel?

Habsburg: Er sagt das eher, weil sein Besitz größer ist als meiner.

STANDARD: Sie haben rund 50 Hektar Grund und Boden geerbt, er 3500. Das kränkt Sie?

Habsburg: Ganz klar, so etwas kränkt einen. 50 Hektar Boden, das ist nicht so viel: Im Schnitt hat ein Bauer in Österreich 35 Hektar. Ich bin also ein Durchschnittsbauer. Mir hat der Bürgermeister bei der Bauernkammerwahl einmal vorgeworfen, ich als Großgrundbesitzer täte mir leicht. Der sozialistische Kandidat hatte 110 Hektar.

STANDARD: Stimmt es, dass Sie bei der Thronfolge ungefähr auf Platz 34 lägen?

Habsburg: Interessiert mich nicht. Ich bin mit der Republik sehr zufrieden.

STANDARD: Sie waren aber als junger Mann beim Bundesheer Soldatenvertreter und dort wollten Sie den Eid auf die Republik verweigern.

Habsburg: Stimmt, unter Hinweis darauf, dass die Republik mir als Habsburg nicht alle Menschenrechte zugesteht. Aber der Widerstand hat nur ein paar Stunden gedauert. Natürlich habe ich den Eid abgelegt.

STANDARD: Warum sind Sie so anders geworden als die übrigen Habsburgs, die doch recht konservativ und angepasst erscheinen?

Habsburg: Es spielt wohl mit, dass meine Mutter als Dänin soziale Einstellungen hatte.

STANDARD: Nur weil sie sonntags früher Mittagessen ließ, damit das Personal einen freien Nachmittag pro Woche haben konnte?

Habsburg: Spielte eine Rolle. Mich hat schon damals gewundert, dass die Frauen, die auf der Jagdhütte im Pflanzgarten dieselbe Arbeit machten wie Männer, gemäß Kollektivvertrag weniger verdient haben. Was mich auch prägte: Wir hatten keinen großen Besitz, da kann man anders nachdenken. Und als Assistent an der Universität für Bodenkultur wurde man auch etwas anders domestiziert als wenn man nur daheim am Privatbuffet isst.

STANDARD: Sie haben damals einmal demonstriert. Wogegen?

Habsburg: Keine Ahnung, aber ich war auf der Straße und mittendrin.

STANDARD: Verwandte getroffen?

Habsburg: Nein, aber meine Clique: drei Liechtensteins waren dabei.

STANDARD: Der Fürst von Liechtenstein, Hans Adam, sagte rund ums Thema Restitution einmal: "Wir Liechtensteins denken in Jahrhunderten." Sie auch? Der jüngste Versuch der Habsburgs, etwas zurückzubekommen, scheiterte 2003 im Rahmen der Restitution von Vermögen, das die Nazis geraubt haben.

Habsburg: Ja. Und der österreichische Staat hätte jetzt noch neun Jahre Zeit bis zum 100-Jahr-Jubiläum der Republik, um die Sache mit den Habsburgern in geregelte Bahnen zu bringen. Die Erste Republik hat den Habsburgern ihr Privatvermögen zurückgegeben, Hitler hat es ihnen wieder genommen, und das blieb bis heute so.

STANDARD: Hat Sie das damals, 2003, nicht gestört, dass Habsburgs sich bei ihrer Restitutionsforderung an die Republik mit verfolgten und vernichteten Juden bzw. deren Erben auf eine Stufe gestellt haben?

Habsburg: Man hätte es diplomatischer machen können. Otto (Habsburg; Anm.) ist manchmal etwas plakativ.

STANDARD: Der Ständestaat hatte das den Habsburgern zurückgegeben.

Habsburg: Das war in der Ersten Republik. Schauen Sie, mir geht es um die Herstellung der vollen Menschenrechte. Mir ist nicht bekannt, dass Nachfahren von Nazis Vermögen oder ihre Bürgerrechte verloren hätten. Warum können meine Schwiegertöchter nicht für die Bundespräsidentenwahl kandidieren? Nur weil Sie den Namen ihres Mannes tragen? Was können meine Enkel dafür, dass sie Habsburg heißen? Eigentlich sollte man allen Habsburgern den Prozess machen, damit wir wissen, was man uns vorwirft. Übrigens, die letzten Romanows in Russland sind heilig gesprochen worden.

STANDARD: Die wurden 1918 umgebracht. Wollen Sie, dass Habsburgs heilig gesprochen werden?

Habsburg: Nein. Ich will meine bürgerlichen Rechte.

STANDARD: Sie sind ja auch insofern ein ungewöhnlicher Habsburg als Sie zwar katholisch sind, aber auch die jüdischen Feiertage einhalten...

Habsburg: Ja, ich habe auch jetzt, zu Jom Kippur, wie meine Frau gefastet, und wir waren in Wien im Tempel. Die christlichen Wurzeln liegen im Judentum, im Prinzip gelten für Christen die gleichen Regeln wie für Juden. (Lacht:) Ich habe jetzt Samstag und Sonntag frei.

STANDARD: Haben Sie eigentlich einen Lieblingshabsburger, irgendeinen unkonventionellen vielleicht?

Habsburg: Lieblings-Habsburger? Josef, der Zweite, vielleicht, er fasziniert mich.

STANDARD: Kronprinz Rudolf? Er schrieb in der Zeitung, Sie schreiben Unmengen von Leserbriefen...

Habsburg: Ich schreibe viel, aber nicht, wie er, unter Pseudonym.

STANDARD: Sie schreiben auch über die Wirtschaft, fordern "Solidarität der Werktätigen", sehen "die Sozialistische Internationale gescheitert". Warum? Wobei?

Habsburg: Sie ist gescheitert, weil es weder international noch solidarisch ist, die Grenzen gegen die Menschen im Osten dichtzumachen. Und die Krise ist entstanden, weil man weltweit nicht gedecktes Geld gedruckt hat. Das muss man auch einmal einlösen – und das wird nur über eine Inflation gehen.

STANDARD: Nochmal zurück zu Ihrem Wunschamt. In der Präsidentschaftskanzlei in der Hofburg wären Sie wieder daheim angelangt.

Habsburg: Nicht wirklich. Ich bin ja aus der Toscana-Linie, habe mit dem österreichischen Kaiserhaus seit Leopold II. (Sohn Maria Theresias, 1792 gestorben; Anm.) nichts mehr zu tun. Mein Großvater hatte in der Hofburg aber noch ein Zimmer. Auf den Heldenplatz hinaus, Erdgeschoß.

STANDARD: Christian Habsburg sagte 2003, ihn würde die Restitution freuen: Da müsste er in Wien kein Hotel mehr nehmen.

Habsburg: Wir haben eine Garconniere für unsere Wien-Besuche.

STANDARD: Beim Begräbnis von Ex-Kaiserin Zita in der Wiener Kapuzinergruft waren Sie trotzdem nicht. Obwohl ihr Vater der Bruder Ihrer Urgroßmutter war.

Habsburg: Das habe ich mir lieber im Fernsehen angeschaut. Aber beim Begräbnis von Ottos (Chef der Familie Habsburg; Anm.) Bruder war ich dabei.

STANDARD: Es gibt die Geschichte, dass Karl Habsburg in der Kapuzinergruft um die Hand seiner Freundin Francesca angehalten habe. Mit der Frage: "Willst du einmal hier begraben werden?" War das so?

Habsburg: Lustig, gute Story. Karl hat einen trockenen Humor, insofern würde es sogar passen. Ich selbst gehe in letzter Zeit ja öfter in die Kapuzinergruft, mein Taufpate liegt dort. Sonst halte ich Grüfte für Päpste, Kaiser, Könige für Firlefanz. Am besten ist die Seebestattung: sich auffressen lassen von den Fischen.

STANDARD: Sind Sie schon zur ORF-Show "Wir sind Kaiser" eingeladen?

Habsburg: Nein. Hat die Republik diese Sendung eigentlich nötig?

STANDARD: Letzte Frage: Worum geht's im Leben?

Habsburg: Darum, eine Spur zu hinterlassen. (Langfassung des Interviews; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2009)

Zur Person

Ulrich Habsburg-Lothringen (68) ist grüner Gemeinderat in Wolfsberg. Der Urenkel des letzten Großherzogs der Toskana studierte Forstwirtschaft, arbeitete für die Papierfabrik Frantschach und als Zivilingenieur. Der Vater dreier Söhne bekämpft die Gesetze, wonach Mitglieder regierender und ehemals regierender Häuser nicht Bundespräsident werden dürfen.

  • Durchschnittsbauer Ulrich Habsburg, wie er sich nennt, will Präsident werden. Die Sozialistische Internationale sieht der Grüne als gescheitert an, Grüfte für Päpste, Kaiser und Könige hält er für Firlefanz.
    foto: gert eggenberger

    Durchschnittsbauer Ulrich Habsburg, wie er sich nennt, will Präsident werden. Die Sozialistische Internationale sieht der Grüne als gescheitert an, Grüfte für Päpste, Kaiser und Könige hält er für Firlefanz.

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