Betreutes Essen

4. Oktober 2009, 18:37
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Metabolic Balance verspricht verzweifelt Abnehmwilligen Erfolg. Das Progamm gilt lebenslänglich. Gerade das ist das Problem.

Am Anfang steht die Unzufriedenheit: der Bauch zu dick, die Schenkel zu stämmig, und die Hose vom Vorjahr passt auch schon wieder nicht mehr. Das Schönheitsideal in der industriellen Überflussgesellschaft ist "Dünnsein", und deshalb setzt in regelmäßigen Abständen der immergleiche "Ich muss abnehmen"-Reflex ein. Es gibt 100 verschiedene Diäten, doch egal ob Atkins, Montignac oder Weight Watchers: Der große Feind heißt Jo-Jo-Effekt. Er schlägt nach jeder Hungerkur unbarmherzig zu und lässt Fettzellen bei normaler Ernährung schneller anschwellen als jemals zuvor.

Eine Methode zum langfristigen Abnehmen ist deshalb auch ein dickes Geschäft. Wolf Funfack, Internist aus Isen in Oberbayern, war unzufrieden mit dem, was die Ernährungsmedizin Übergewichtigen zu bieten hatte, und erfand seine eigene Methode, die er patentieren ließ. Metabolic Balance ist ein "individualisiertes Stoffwechselprogramm", das unter Anleitung eines Betreuers durchgeführt wird. Der Clou: Neben der Coach-ähnlichen Zuwendung ist es ein Computerprogramm, das aus 36 Positionen des Blutbilds errechnet, welche Lebensmittel für den Einzelnen prädestiniert sind, um "persönliche Körperchemie und Nahrungsmittelchemie" wieder in Einklang zu bringen und "der Insulin- und Stoffwechselfalle" zu entkommen. Marketing mit Testimonials gehört genauso zum Konzept wie der medizinische Touch. Weil Diäten sich gerne durch Mundpropaganda verbreiten, waren es in Österreich vor allem Politiker, die metabolisch ausbalanciert dünner wurden und dafür dann im Boulevard gefeiert wurden. Vorher-nachher-Bilder inklusive.

Harte Bandagen

Die Kur im Zeitraffer: zwei strenge Fastentage zu Beginn, dann ein extrem kalorienreduziertes Menü mit Fleisch, Fisch, Gemüse und Obst. Was genau, sagt der computergenerierte Ernährungsfahrplan. Zucker und Weizen sind verpönt. Zwischen den Mahlzeiten müssen jeweils fünf Stunden vergehen. Kein Essen nach 21 Uhr. Wer sein Wunschgewicht erreicht hat, der darf ein Mal pro Woche einen Schlemmertag einlegen. Kostenpunkt für die Abspeckperiode: durchschnittlich 400 Euro. In der "Erhaltungsphase", das ist Phase IV, sollte der strenge Plan verinnerlicht und Schlemmertage ein Mal pro Woche genug sein, um nicht wieder in alte Muster zu verfallen. Allerdings: Essensentscheidungen müssen dann wieder allein getroffen werden.

"Dass ein Mensch mit dieser Diät abnimmt, ist kein Wunder, weil extrem wenige Kalorien zugeführt werden. Dass sich aus einem normalen Blutbild Ernährungsvorschriften ablesen lassen, ist aber einfach unseriös, da werden Menschen in die Irre geführt", empört sich Ernährungswissenschafter Axel Dinse und ärgert sich, dass Funfack die Methoden seiner Computerberechnung, wie in Wissenschaftskreisen üblich, nicht offenlegt. "Reiner Neid", kontert Funfack, "weil die Ernährungswissenschaft dem wachsenden Übergewicht machtlos gegenübersteht." Im Übrigen sei seine Methode gar nicht wissenschaftlich, sondern das Ergebnis seiner eigenen praktischen Beobachtungen, die er in seiner Arztpraxis gesammelt und "am eigenen Leib erprobt hat".

Keine Diät

Dass MB-Berater oftmals selbst übergewichtig waren, scheint ein Teil des Marketingkonzeptes. Auch Funfack erzählt bereitwillig über sein eigenes Übergewicht und den Kampf, den er durch diese "Ernährungsumstellung" - Diät will er Metabolic Balance nicht nennen - gewonnen hat.

Und weil er damit den Nerv der Zeit trifft, versucht er medizin-nahe Berufe für die Methode zu begeistern. Sogar Ärzte sind dabei. Eine Einschulung bei Funfack in Bayern kostet 950 Euro, nach einer Prüfung darf dann auch jeder das Computerprogramm nutzen. "Ich liebe die Arbeit mit Menschen, meine Klienten können mich von 9 bis 21 Uhr jederzeit anrufen, wenn sie Fragen zum Ernährungsplan haben, viele melden sich in schwachen Momenten oder dann, wenn sie wieder zugenommen haben", erzählt Beraterin Gloria Menedetter. Sie tröstet, motiviert, hat immer ein offenes Ohr.

Sich nicht spüren

"Verantwortung abzugeben erleben viele Übergewichtige als große Entlastung ", sagt Psychiaterin und Spezialistin für Essstörungen, Ulrike Verhovnik. So wie Rahel Jahoda, Psychotherapeutin bei intakt, dem Zentrum für Essstörungen, weiß sie nur zu gut, dass chronisches Zu-viel-Essen immer für etwas ganz anderes steht: zu wenig Liebe, Einsamkeit, Angst, Frustration oder Überforderung. "Übergewichtige spüren sich nicht mehr, erkennen und vertrauen den Signalen ihres Körpers wie dem Hunger nicht mehr", so Jahoda. Ohne die Lösung dieses grundlegend psychischen Problems sei ein langfristiges Halten des Gewichtes nicht zu erreichen, sagen die Psychiaterinnen.

Die Ernährungswissenschafterin Eva Unterberger, die eben ein Buch über Ernährungsmythen geschrieben hat, hat noch andere Vorbehalte: "Metabolic Balance legt viel zu wenig Wert auf sportliche Betätigung, ohne die eine Umstellung der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten unmöglich ist." Sie bezweifelt, dass Menschen langfristig so viel Selbstdisziplin aufbringen. "Das Programm ist ja auch konträr zu hiesigen Essgewohnheiten und macht Menschen sozial betrachtet zu Außenseitern", sagt sie.

Beratung entscheidend

Funfack hingegen bleibt unbeirrt. Am Hochrhein-Institut für Rehabilitationsforschung in Bad-Seckingen misst er den Erfolg von Metabolic Balance an mehr als 800 Studienteilnehmern. Im Jänner 2010 wird es Ergebnisse geben, aber schon jetzt kann Funfack sagen, "dass 70 Prozent des Erfolges von der Betreuung abhängen". Deshalb will er auch die Qualitätskontrolle bei der Beratung verbessern, einstweilen passiert sie stichprobenartig. Und das weltweit, Funfack ist auf globalem Expansionskurs. Seinen Arztberuf hat er deshalb vor zwei Jahren übrigens auch an den Nagel gehängt und ist Manager. Wenn seine Testimonials wieder zunehmen und dem Jo-Jo-Effekt erliegen - wie es einigen Politikern dieses Landes passiert ist -, dann freut ihn das wenig. Allerdings: Ein Neuanfang beim betreuten Essen ist jederzeit möglich.
An die Leine genommen: nur essen, was die schlanke Linie erlaubt. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 05.10.2009)

 

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