Männergesundheit unter der Gürtellinie

4. Oktober 2009, 18:48
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Kongress für Männergesundheit in Wien - Potenteste Sponsoren der Veranstaltung sind Hersteller von Erektionspillen - Die Themen sind entsprechend

"Sex sells", das gilt - auch und vor allem in der Medizin. Daher hat der umtriebige und aus TV und Radio bekannte Wiener Gastroenterologe Siegfried Meryn, der auch im Publikumsrat des ORF sitzt, als Organisator des medientauglichen 6. Weltkongresses für Männergesundheit vom 9. bis 11. Oktober in der Wiener Hofburg hochpotente Industriepartner aufgetrieben.

Unter den sponsernden Pharmaunternehmen finden sich die Hersteller der Potenzpillen Cialis, Levitra und Viagra ebenso wie die Anbieter von hormonellen und anderen Therapien für Opfer der maskulinen Wechseljahre sowie für Prostatapatienten und vorzeitige Ejakulierer. Dementsprechend stehen Standhaftigkeit und Leistungsfähigkeit der primären und sekundären männlichen Geschlechtsorgane im Zentrum des Kongresses über Männergesundheit. Und zahlreiche wissenschaftliche Sessions zu diesem Themenkomplex sind daher gleich direkt von der Industrie finanziert. Man darf gespannt sein, welche Studienergebnisse zu welchen Produkten in diesen präsentiert werden. Dies ist auch der Grund, warum einige mit Man's Health befasste österreichische Mediziner der Veranstaltung fernbleiben wollen.

Wenngleich etwa der renommierte Wiener Urologe und Androloge Walter Stackl zu bedenken gibt, dass es gerade bei solchen Kongressen "nicht immer einfach ist herauszufinden, wo wissenschaftliche Information aufhört und Pharmawerbung anfängt". Generell jedoch betont der Arzt, dass "durchaus namhafte österreichische und internationale Mediziner auf dem Kongress sprechen werden". Doch gebe es auch andere Tagungen zu diesem Thema, die weniger industrielastig seien.

Frühzeitiger Samenerguss

Jedenfalls konzentrieren sich etwa die Master Lectures des Kongresses auf die Themen Unterfunktion der männlichen Geschlechtsdrüsen (Hypogonadismus), Behandlung von Prostatkrebs und Wiederherstellung der Penisfunktion nach Prostatoperation. Weitere Sessions widmen sich dem frühzeitigen Samenerguss, dem Testosteronmangel, der erektilen Dysfunktion und dem Zusammenhang von Sexualleben und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auf diesen Zusammenhang machte schon Frank Sommer, der den weltweit ersten Lehrstuhl für Männergesundheit an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf innehat, in einem plakativen Beispiel aufmerksam.
Penible Antenne des Herzens

Studien zeigten, dass der Penis eine Art Seismograf für drohende Herz- und Gefäßerkrankungen darstelle. Männer mit Erektionsstörungen hätten ein höheres Infarktrisiko, "deshalb nennen wir den Penis auch die Antenne des Herzens", erklärte der Fachmann die offensichtliche Fixierung der Männergesundheitsexperten auf das maskuline Geschlechtsteil.

Abgerundet wird der Kongress durch zumindest einige Sessions zu Herz-Kreislauf-Leiden im Allgemeinen und Depressionen - ebenfalls allgemein, nicht wegen sexuellen Versagens.

Prävention, chronische Erkrankungen und ernährungsbedingte Krankheiten sind beim Männergesundheitskongress kein Thema. Dies verwundert umso mehr, wenn man sich die offiziellen Daten zur Männergesundheit ansieht, veröffentlicht von der Statistik Austria.

Die aktuelle Lebenserwartung liegt mit 77,3 Jahren deutlich unter jener der Frauen (82,9). Von allen 74.625 gezählten Todesfällen im Jahr 2007 standen Herz-KreislaufErkrankungen an erster Stelle - hier sind noch mehr Frauen betroffen. Bei den Todesfällen durch Krebserkrankungen, die an zweiter Stelle der Statistik stehen, dominieren Männer bereits mit 52,6 Prozent. Dabei stehen Karzinome von Lunge, Prostata, Magen und Leber an der Spitze der Ursachen.

Risikoreicheres Verhalten

An dritter Stelle der Todesursachen stehen Erkrankungen der Atemwege, gefolgt vom Verdauungstrakt. Von beiden sind Männer mit 52 beziehungsweise 54,4 Prozent stärker betroffen als Frauen. Und auch bei Unfällen sterben mit 65 Prozent deutlich mehr Männer als Frauen - aufgrund eines völlig anderen Risikoverhaltens.

Zwei Millionen Männer in Österreich, das sind etwa 60 Prozent, leiden an mindestens einer chronischen Krankheit. An erster Stelle stehen hier schmerzhafte Leiden des Stützapparates, gefolgt von Bluthochdruck, Allergien, Gelenkserkrankungen, Kopfschmerz und Migräne, Tinnitus, Magen-Darm-Erkrankungen und Diabetes. Weiters sind 56 Prozent der Männer in Österreich übergewichtig und 27 Prozent der Männer ab 15 rauchen - auch mehr als Frauen.

Erektionsstörungen hingegen, um einen kongressrelevanten Vergleichswert zu haben, seien altersabhängig, etwa 50 Prozent der Männer seien laut Stackl bis zu ihrem Tod irgendwann davon betroffen. Das Gros könne aber gut damit leben, lediglich 15 Prozent von ihnen bedürften ärztlicher Hilfe.
Wenn es mit dem Sex nicht mehr klappt: Die Funktion der Geschlechts- organe steht im Fokus des 6. Welt-kongresses zur Männer-gesundheit in Wien. (Andreas Feiertag, DER STANDARD Printausgabe, 05.10.2009)

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