Mutmaßlicher Kriegsverbrecher Karadzic nimmt Dodik in Schutz

1. Oktober 2009, 20:48
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Ex-Präsident der Republika Srpska bestreitet Verantwortung der bosnischen Serben für zwei schwere Kriegsverbrechen

Sarajevo - Der bosnisch-serbische Premier Milorad Dodik hat für seine Äußerungen, die kürzlich die Öffentlichkeit in Sarajevo schockierten, nun auch die Unterstützung des derzeit bekanntesten Gefängnisinsassen im UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im einstigen Jugoslawien (ICTY) erhalten. Der im Vorjahr in Belgrad festgenommene frühere bosnisch-serbische Präsident Radovan Karadzic soll laut bosnischen Medienberichten vom Donnerstag in einem Schreiben an den Hohen Repräsentanten Valentin Inzko die Verantwortung für zwei schwere, von serbischen Truppen begangene Kriegsverbrechen bestritten haben.

Genau dasselbe hatte Mitte September auch Dodik getan. Karadzic und Dodik, einst politische Gegner, scheinen sich darin einig zu sein, dass die beiden Angriffe auf den Gemüsemarkt Markale in Sarajevo nicht von bosnisch-serbischen Truppen, sondern von der damaligen bosniakischen Armee (ABiH) verübt worden seien. Diese wollten laut Dodik eine "internationale Reaktion gegen die bosnischen Serben, allem voran, jene der NATO-Allianz" auslösen. Bei den beiden Angriffen im Februar 1994 und August 1995 kamen 68 bzw. 37 Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt.

"Verantwortung bei Delic"

Karadzic behauptet, seine Informationen von "Mitarbeitern des russischen Nachrichtendienstes" erhalten zu haben. Die Verantwortung liege beim Kriegskommandanten der ABiH, Rasim Delic, glaubt Karadzic.

Der Haager Angeklagte äußerte in seinem Schreiben an Inzko auch seine "große Sorge" wegen der Verurteilung der Äußerungen Dodiks. Das Büro des Hohen Repräsentanten (OHR) wollte das Schreiben Karadzic' nicht kommentieren. Dodik selbst war vor einigen Tagen zurückgerudert. Er habe nur darauf verweisen wollen, dass es auch andere Berichte über die Angriffe auf Markale gebe, sagte der Premier.

Karadzic muss sich vor dem Haager Gericht wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermordes während des Bosnien-Kriegs (1992-95) verantworten. Er war im Juli 2008 nach einem 13 Jahre langen Versteckspiel in der serbischen Hauptstadt Belgrad gefasst worden. Das Gerichtsverfahren soll in der zweiten Oktober-Hälfte beginnen. Während Karadzic offenbar darum bemüht ist, den Prozessbeginn hinauszuzögern, sorgt Dodik mit seinen Aussagen für eine Zuspitzung der Reibereien zwischen der kleineren bosnischen Entität und Vertretern der internationalen Staatengemeinschaft in Sarajevo. (APA)

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