Meinungsmacher auf der grünen Zauberinsel

1. Oktober 2009, 18:47

Die Befürworter des EU-Vertrages haben in Irland alle Register gezogen, die Stimme der Kritiker war schwer zu vernehmen - von Martin Ehrenhauser

Auch das zeigt: Zur Demokratisierung der Union ist es noch ein weiter Weg.

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Man stelle sich vor: In Österreich ist das legendäre Kernkraftwerk Zwentendorf doch in Betrieb genommen worden. Der Grund: Das Nein der Volksabstimmung im November 1978 stieß auf heftige Kritik quer durch Europa, vor allem bei den Atomlobbyisten, die um ihre Strahlkraft fürchteten. Auf Druck der internationalen Gemeinschaft wurde deshalb der Urnengang schon ein Jahr später wiederholt. Die Bürger seien falsch informiert und manipuliert worden, sie hätten in Wirklichkeit über den damals nicht so populären Kanzler Bruno Kreisky abgestimmt, nicht über die eigentliche Frage der friedlichen Nutzung von Kernenergie für Österreich, so lautete der Kern der Argumentation.

Österreichs Bürgern blieb in der politischen Wirklichkeit eine solche Demütigung erspart, den Iren aber nicht. Auf der grünen Insel wird heute zum zweiten Mal über den EU-Reformvertrag von Lissabon abgestimmt.

Verweigerten die herkömmlichen Politiker den anderen Bürgern Europas eine einzige Volksabstimmung, so fordern dieselben in Irland gleich zwei. Für das richtige Ergebnis wird gesorgt.

Bereits im Jänner dieses Jahres berichtete die damalige linke EU-Abgeordnete und Reformvertragskritikerin Mary Lou McDonald beim Treffen der EU-Parlamentariergruppe "SOS Demokratie" , an der neben grünen, linken und konservativen Abgeordneten auch Hans-Peter Martin und der Autor regelmäßig teilnehmen: "Wir werden massiv eingeschüchtert. Die öffentliche Meinung wird qualvoll zurückgewiesen."

Neue Informations-Spielregeln

Der bisher garantierte gleichberechtigte Zugang der "Nein" -Bewegung zu öffentlich-rechtlichen Fernsehzeiten wurde drastisch beschnitten. Auch an den Spielregeln für die private Finanzierung von Kampagnen wurde geschraubt. Die Politmaschinerie rollt, Platz für Bürgerbewegungen oder NGOs wie Open Europe oder Attac bleibt dabei kaum.

War die Hauptfinanzierung der Nein-Kampagne aus angeblich zweifelhaften Quellen beim Referendum im Juni 2008 noch europaweit Thema, so sorgten nunmehr die weit höheren fragwürdigen Zuschüsse in die Ja-Kampagne durch Unternehmen wie Intel oder Ryan-air für kein Rascheln im medialen Blätterwald. Michael O'Leary, Chef der Billigfluglinie Ryanair, investiert 500.000 Euro. Ungeniert tourte er mit seinem Pro-Lissabon-Ryan-air-Jet gemeinsam mit dem italienischen EU-Verkehrskommissar Antonio Tajani durch Irland, obwohl die Fluglinie "zahlreiche Konflikte mit der EU hatte und weiterhin hat" , so Erik Wesselius von der NGO Corporate Europe Observatory.

Auch die Europäische Kommission investierte kurz vor dem Referendum nochmals 150.000 Euro für eine 16-seitige Beilage in irischen Sonntagszeitungen. Für die ehemalige grüne EU-Abgeordnete Patricia McKenna, Vorsitzende der irischen Bürgerbewegung People's Movement, ist dies "ein unrechtmäßiger Gebrauch von europäischen Steuergeldern" . Der irische Supreme Court urteilte 1995, dass Steuergelder nicht für die Unterstützung einer Seite genutzt werden dürfen. Die EU-Kommission verstieß gegen irisches Recht.

Kritiker als Feindbilder

Und weil das alleinige Bewerben der vereinzelten Fortschritte im Lissabon-Vertrag nicht ausreichend ist, werden kritische Köpfe oftmals zu EU-Feinden umgedeutet oder zu "arbeitsscheuen Knallköpfen" erklärt, wie Ryanair-Chef O'Leary die Vertragskritiker bezeichnete.

Der Spiegel titelte einseitig: "Irlands Radikal-Katholiken hetzen gegen Lissabon-Vertrag" . Selbst angesehene kritische Persönlichkeiten wie der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas kommen im einstigen "Sturmgeschütz der Demokratie" zu diesem Thema nicht mehr vor.

Habermas aber warnte bereits mehrmals davor, dass der Vertrag von Lissabon "die inneren Probleme der EU nicht beseitigt" , sondern er die "abgehobene und elitäre Politik" und das "Vorrecht der Regierungen, über das Schicksal Europas hinter verschlossenen Türen zu entscheiden" , besiegelt und einzementiert. Schlimmer noch, der Vertrag von Lissabon legitimiert eine europäische Politik ohne und gegen die Bürger.

Laut Artikel 48 des Vertrags werden die Staats- und Regierungschefs in Zukunft ermächtigt, im Bereich von 172 Artikeln ihre Politikgestaltung zu verändern, ohne dass dies von den nationalen Parlamenten oder gar durch Volksabstimmungen abgesegnet werden müsste. Ein klarer Kompetenzkatalog fehlt weiterhin. Echte Gewaltenteilung in der EU bleibt ein Wunschtraum. Weltweite Einsätze im Rahmen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik werden ohne Mitsprache des Europäischen Parlaments weiter beschlossen. Und mit der Beistandspflicht verkommt die österreichische Neutralität zur reinen Makulatur.

Ein von mir geschätzter österreichischer Journalist fragte mich kürzlich in Wien, ob ich mich über ein Nein in Irland freuen würde. Wirklich freuen würde ich mich über einen neuen von den Bürgern Europas mitbestimmten Vertrag, der die demokratischen Defizite der EU beseitigt. Doch unabhängig davon, wie das Referendum heute enden wird, ein neuer EU-Vertrag wird notwendig sein. Und so wie Hans-Peter Martin mit seiner Individualbeschwerde beim Verfassungsgerichtshof oder gemeinsam mit mir im Demokratie-Zelt vor dem Ballhausplatz bereits vor Jahren für einen besseren Vertrag geworben hat, werden wir dies wieder tun.

Inhaltlich müsste aber ein neuer Grundlagenvertrag die politisch strahlungskräftigsten Bausteine aus der Geschichte der Demokratie vereinen. Die fundamentalen Prinzipien sollten sein:

  • Eine eindeutige Gewaltenteilung von Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung;
  • der vorherrschende Grundsatz mit möglichst starken Regionen und einem gänzlich unabhängigen Kompetenz-Gerichtshof;
  • die volle Transparenz und Sparsamkeit in der Legislative und in der Bürokratie;
  • die Verankerung von bindenden Volksentscheiden und die soziale Dimension.

So könnten wir der Europafalle doch noch entkommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.10.2009)

Martin Ehrenhauser ist fraktionsfreier Abgeordneter zum Europaparlament der Liste Martin.

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    Posting 1 bis 25 von 118
    1 2 3
    Wolfgang A. As.
    00
    10.10.2009, 16:43
    EU Vertrag von Lissabon

    http://eur-lex.europa.eu/JOHtml.do... OM:DE:HTML

    zum durchlesen

    Wolfgang A. As.
    00
    10.10.2009, 12:22
    Niemand hat einen Plan

    Weder EU Befürworter noch Gegner in diesem Forum haben eine Ahnung über diesen EU Vertrag (Nur Topjuristen). Ich habe versucht ihn zu lesen. Ich verstehe ihn absolut nicht. Dauernd werden auf Querverweise hingewiesen oder Absätze vom alten Vertrag ersetzt, gestrichen oder gelöscht. Da muss man ein sehr guter Jurist sein um das zu verstehen.
    Zum Vergleich unser Staatsvertrag.
    http://www.wienerzeitung.at/linkmap/r... .htm#Teil1
    Klar und für jedermann zu lesen und zu verstehen.
    Meine Meinung: Diese Unklarheit lässt viel Spielraum für Interpretationen des Gesetzestextes zu, und dass kann zu Missbrauch führen. Und dass macht mir Sorgen...

    earl hickey
    00
    8.10.2009, 03:23
    jein...?

    wow, hab jetzt alle postings gelesen und bin zu dem entschluss gekommen das mich das absolut verwirrt und ich eigentlich keinen plan habe was stimmt.
    Zur entschuldigung meiner dummheit möchte ich noch erwähnen das ich keinerlei juristische kenntnisse besitze und mich mit dem thema bis jetzt nur oberflächlich auseinandergesetzt habe.
    Da man anscheinend nur ja oder nein dazu sagen kann, drängt sich in mir die frage wer von den beiden seiten recht hat? Wie kann ich das selbst herausfinden, ohne vorgefertigte meinungen der beiden Lager vorgesetzt zu bekommen?
    danke im vorraus für informationen ohne billiger polemik, wie: alles lobby von multikonzernen- oder umgekehrt- die sind doch nur gegen die eu und ein geminsames europa.

    Porqué no te callas?
    21
    5.10.2009, 13:59

    beleidigtes blabla von einem eu - UND lissabon gegner (wer gegen den lissabon vertrag ist, ist gegen die eu. das ist fakt. dieser "bessere vertrag" von dem diiese typInnen schwafeln wird nie existieren, diese aussage dient nur dazu, scheinheilig zu sein) der seine felle davonschwimmen sieht.

    die naiven eu gegner glauben immer, dass ihre proponenten einzig und allein im interesse der allgemeinheit agieren, doch DAS STIMMT NICHT!!!! diese eu-gegner wie klaus, martin, ganley,... sind skrupelölose egomanen, die tun alles nur für sich selbst. auch ihre eu-gegnerschaft beruht auf egoismus. aber solange sie dumme individuen finden, die sich vor ihren wagen spannen lassen, funktioniert das.

    Roman Santos
    11
    5.10.2009, 19:42
    Was haben Sie denn für Probleme?

    dass Sie es notwendig haben, hier so viele falsche Aussagen zu tätigen? Nicht alle Gegner vom Lissabon Vertrag sind auch Gegner der EU - im Gegenteil. Jeder, der sich um den Sinn und einen friktionslosen Fortbestand der EU Gedanken macht, muss eigentlich gegen DIESEN Vertrag sein. Meiner Meinung nach sind z.B. Hans Peter Martin und sicher auch der Herr Ehrenhauser starke Befürworter der EU und haben sich so eine Meinung nicht verdient.

    Der Wählerwille
     
    01
    2.10.2009, 18:44
    von den kritikern wurde btw tatsächlich "falsch informiert"

    um nicht zu sagen .. gelogen dass sich die balken biegen.

    Roman Santos
    00
    5.10.2009, 19:44
    ah so? Bitte nur um einige wenige Beispiele dafür

    Der Wählerwille
     
    00
    6.10.2009, 15:07
    "todesstrafenargument"

    ein paar weitere beispiele finden sie in untenstehendem artikel

    http://diepresse.com/home/poli... hannel=104

    den rest werden sie eh kennen ...

    Harald Hörmann
    02
    2.10.2009, 17:15
    Eine neuerliche Abstimmung über Zwentendorf war politisch geplant.

    (Vranitzky war Bundeskanzler)
    Bevor es dazu kam, kam es zu dem Zwischenfall von Tschernobyl.

    Hari Ka
    03
    2.10.2009, 18:31

    Quelle?

    Thomas Wetschnig
    01
    3.10.2009, 13:09
    Ich kann mich persönlich erinnern ..........

    ........... dass eine Wiederholung der Zwentendorf-Abstimmung geplant war. Eine Quelle müsste ich erst suchen. Dazu fehlt mir momentan die Zeit. Wäre Tschernobyl nicht passiert (obwohl nicht vergleichbar) hätte die zweite abstimmung stattgefunden und wäre auch positiv ausgegangen.
    Aber Österreich ist nun mal ein Kuriosum, dass seine Identität auf Lüben aufbaut:
    1. die Opfer-Lüge
    2. die Neutralitäts-Lüge
    3. die Atomkraft-Lüge
    4. die Gentechnik-Lüge
    Bin gespannt, welche Lügen die Zukunft noch bringen wird.

    MarioV
    00
    6.10.2009, 10:09

    Die Neutralität ist eine Lebensversicherung, und es ist sehr beruhigend sie zu habe.

    Thomas Wetschnig
    10
    6.10.2009, 12:32
    4 dummies!

    Die Neutralität wurde nicht aus "freien Stücken" erklärt, sondern war Diktat der UdSSR.
    Die Neutralität ist nicht Teil des Staatsvertrages - dies ist dem diplomatischen Geschick der Verhandlungsdelegation zu verdanken, denn wenn das anders wäre, müsste jede Zeitung zensuriert werden, die in einem Konfliktfall für eine Seite partei ergreift.

    MarioV
    01
    6.10.2009, 14:43

    Selbst wenn das war wäre (wenn man ausblendet das es schon Jahrzehnte lang in Ö eine Bewegung für eine Neutralität gab und schon 1912 im Reichstag darüber debattiert wurde) ändert das nichts daran das die Neutralität heutzutage eine grandiose Sache ist, weil sie uns Bürger davor schützt von den Politikern in Kriege geschickt zu werden.

    Danke Neutralität!

    Thomas Wetschnig
    00
    6.10.2009, 18:51
    Aber sie schützt die Rekruten nicht davor ................

    .......... eingesetzt zu werden um Schnee von den Dächern zu schaufeln und das ganz ohne Sicherung. Sie schützt die Rekruten auch nicht davor, bei eisiger Kälte auf LKW-Ladeflächen mitzufahren ohne angschnallt zu sein und ohne Überrollbügel. Und sie schützt Bürger nicht vor Granaten, die von Dilletanten abgefeuert in Wohngebiete einschlagen und sie schützt auch nicht Verkehrsteilnehmer vor plötzlich und vorsätzlich produziertem Nebel auf der Autobahn. Das sind alles Dinge, die mich mehr aufregen.

    MarioV
    00
    7.10.2009, 07:16

    Na und?
    Der Sicherheitsgurt im Auto schützt Dich nicht vor der Mafia.
    Kann das als Argument gelten nicht den Gurt anzuschnallen?

    Porqué no te callas?
    10
    5.10.2009, 14:01

    endlich erwähnt mal jemand die neutralitätslüge! was meinst du damit? die neutralitätslüge als sicherheitslüge?

    MarioV
    00
    6.10.2009, 10:10

    Er wünscht sich unbedingt das junge Österreicher auf fremden Schlachtfeldern sterben.
    Schlage vor er geht mit gutem Beispiel voran.

    Gerald Oberansmayr
    01
    2.10.2009, 16:54
    Kalt entsorgt

    Ich empfinde nicht den Beitrag polemisch, sondern ihre Replik als seichte Regierungspropaganda, denn den anderen wurde von vornherein eine Volksabstimmung verwehrt - oder deren Ergebnis (Frankreich, Holland) kalt entsorgt, indem derselbe Vertrag eine andere Überschrift bekam.

    Martin Ehrenhauser
    04
    2.10.2009, 19:37
    @Gerald Oberansmayr

    Sollte ich mich nicht irren, dann kann ich behaupten, dass ich Ihre Beiträge in der Zeitung "Guernica" regelmäßig lese. Und um es zu verdeutlichen: Ja die Ergebnisse in Frankreich und Holland wurden "kalt entsorgt", ja, uns wurde eine Volksabstimmung verwehrt und ja, der Vertrag von Lissabon ist zu mehr als 90 Prozent der Verfassungsvertrag. Über ein persönliches Gespräch würde ich mich freuen.

    MarioV
    00
    6.10.2009, 10:12

    Ich finde es wunderbar das es zumindest noch eine Kraft gibt, die das Bürgerrecht Neutralität(das Recht nicht von der Regierung mit einfacher Parlamentsmehrheit auf fremde Schlachtfelder geschickt werden zu können) verteidigt.

    Christoph ************
    67
    2.10.2009, 14:57

    "...Man stelle sich vor: In Österreich ist das legendäre Kernkraftwerk Zwentendorf doch in Betrieb genommen worden. Der Grund: ..."

    Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. Wenn die Zwentendrof Abstimmung in Österreich die Atomkraft in ganz Europa verboten hätte könnte man vielleicht von einem Vergleich sprechen. So ist es nur eine billige Polemik.

    x aeins
    22
    2.10.2009, 10:47

    Bremser der Marke " Hofräte Hinsichtl und Rücksichtl"
    erinnert mich an eine Brecht-Ballade:

    - Neulich sah ich ein Haus. Es brannte. Am Dache
    Leckte die Flamme. Ich ging hinzu und bemerkte
    Daß noch Menschen drin waren. Ich trat in die Tür und
    rief ihnen
    Zu, daß Feuer im Dach sei, sie also aufforderend
    Schnell hinauszugehen. Aber die Leute
    Schienen nicht eilig. Einer fragte mich
    Während ihm schon die Hitze die Braue versengte
    Wie es draußen denn sei, ob es auch nicht regne
    Ob nicht doch Wind gehe, ob da ein anderes Haus sei
    Und so noch einiges. Ohne zu antworten
    Ging ich wieder hinaus. Diese, dachte ich
    Müssen verbrennen, bevor sie zu fragen aufhören -

    Hari Ka
    01
    2.10.2009, 13:17
    Vor Ort

    Also Plakate hängen hier genug mit "Nein". Zb "Mindestlohn 1,84" "Lissbon No" "European Democracy doesn't work" usw... Sicherlich mehr als die der Befürworter obwohl sich nur "Sinn Fein" gegen den Vertrag ausspricht.

    die sophie1
    22
    2.10.2009, 10:24
    endlich mal jemand der gut aussieht, eu-kritisch ist, aber nicht so eine rechte dumpfbacke wie der HC ;-)

    nicht dass gutes aussehen für mich wahlentscheidend ist, aber bei hc-wählerinnen ist sein "rebellisches" auftreten und die blauen augen oft das hauptsächliche wahlmotiv...

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    Posting 1 bis 25 von 118
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