Berlusconis Sorgen mit den alten Herren

1. Oktober 2009, 18:26
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Die italienischen Flaggschiffe schlingern durch die CL - AC Milan blamierte sich gegen den FC Zürich unsterblich - Juve und Inter haben nur wenig Grund zur Häme

Mailand/Wien - So weit hat der AC Milan seinen Präsidenten Silvio Berlusconi doch noch nicht getrieben. Fininvest, die TV-Holding des italienischen Premierministers, dementiert Medienberichte, wonach der 1986 erworbene Traditionsverein verkauft werden soll. Die Frage ist ja auch, wer die Rossoneri kaufen soll, die einerseits verschuldet und andererseits seit Mittwochabend das Gespött des italienischen Fußballs sind.

"Dieses Milan ist ein Desaster. Ich leide mit den Fans" , hatte Berlusconi schon vor der historischen 0:1-Heimpleite gegen den FC Zürich anlässlich des zweiten Spieltages der Champions League der Gazzetta dello Sport gesagt. Danach waren die Kommentatoren selbst am Wort. "Aufgegeben - Milan im Tal der Tränen" , titelte die Gazzetta, "Milan nur noch zum Weinen" der Corriere dello Sport.

Naturgemäß steht Trainer Leonardo (40), seit Sommer für den zu Chelsea abgewanderten Carlo Ancelotti im Amt, in der Kritik. Der ehemalige brasilianische Milan-Profi versuchte sich an einem Scherzchen ("Unsere Leistung wird den Rest der Welt sicher nicht in Angst und Schrecken versetzen" ), gab sich sonst aber eher trotzig: "Mich hat niemand mit einer Pistole vor dem Kopf zu diesem Job gezwungen. Ich werde weiter das tun, woran ich glaube."

Die Tifosi halten sich ohnehin eher an die Vereinsspitze um Geschäftsführer Adriano Galliani, der sich vor Leonardo stellte. Der Verkauf von Kaká an Real Madrid wurde nicht kompensiert. Gegen die Schweizer, die zum Auftakt Real 2:5 unterlegen waren, lief eine Altherrentruppe mit einem Durchschnittsalter von fast 30 Jahren im spärlich besuchten Giuseppe Meazza-Stadion ein - trotz des erst 20-jährigen Brasilianers Alexandre Pato und des 22-jährigen Ignazio Abate, die den Schnitt noch gnädig drückten. Die Tatsache, dass jene Mannschaft, die 2007 die Champions League gewann, im Schnitt noch älter war (ohne Pato und Abate, dafür mit Gennaro Gattuso und Paolo Maldini!), macht das aktuelle Ensemble nicht flotter.

Reale Bedrohung

Dass an den kommenden beiden Spieltagen (erst auswärts) der Gegner Real Madrid heißt, lässt beim AC Milan schon die schlimmsten Befürchtungen aufkommen. Dank des Furors von Cristiano Ronaldo, der in sieben Pflichtspielen schon neun Tore erzielt hat (davon zwei am Mittwoch daheim beim 3:0 gegen Marseille), sowie des Genies von Kaká überrollen die Königlichen sowohl in der spanischen Meisterschaft als auch in Europa derzeit die Konkurrenz.

Von den italienischen Mannschaften hat in der Königsklasse zuletzt nicht nur der AC Milan, der seit 285 Minuten ohne Torerfolg ist, alt ausgesehen. Juventus Turin verdankte das 0:0 bei den Bayern der Fahrlässigkeit der Münchner. Bella figura habe die Alte Dame in der Allianz-Arena nicht gemacht, nörgelte La Stampa. "In der ersten Halbzeit hätte Juve von den Bayern wie von einem außer Kontrolle geratenen Lkw überfahren werden können." Die Gazzetta bejubelte einen "goldenen Punkt".

Inter Mailand hatte schon am Dienstag bei Rubin Kasan das siebente Champions-League-Spiel ohne Sieg en suite hinter sich gebracht. "Wie hässlich, Inter" , hatte der Corriere dello Sport nach dem 1:1 gegen die Russen getitelt. Inters Startrainer José Mourinho ist längst nicht mehr unumstritten, kann aber zumindest auf etliche verletzte Spieler verweisen.

Den Glauben an das Gute im italienischen Fußball hielt nur Fiorentina mit dem 2:0 über Liverpool hoch. Viele fürchten aber, dass dies nur ein Ausreißer war. (sid, lü, DER STANDARD Printausgabe, 2.10.2009)

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    Zürichs Finne Hannu Tihinnen (rechts) ferselt den AC Milan ins Tal der Tränen. Präsident Silvio Berlusconi leidet mit den Fans an einer überalteten Mannschaft.

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