Aschenputtels große Chance

1. Oktober 2009, 18:31
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Mit den Olympischen Spielen 2016 will Chicago seinem Vorbild New York zumindest annähernd Paroli bieten. Barack und Michelle Obama geben die Zugpferde

Chicago/Washington - Vom Michigansee weht eine leichte Brise, auf der Uferpromenade joggt ein Heer von Gesundheitsbewussten, draußen auf den Wellen kreuzt eine kleine Armada von Segelbooten. Die Metropole des Mittleren Westens verströmt im Frühherbst ein Flair mediterraner Leichtigkeit.

Wer mit Klischees im Kopf nach Chicago fährt, kann leicht überrascht werden. In alten Denkschablonen ist es noch immer der Moloch stinkender Schlachthöfe und finsterer Mafiosi vom Schlag Al Capones. Dazu der wenig verlockende Beiname "Windy City" . Nein, Chicago ist kein Touristenmagnet, eher ein Geheimtipp. Olympia 2016 böte die Chance, den Ruf des ewigen Aschenputtels zu tilgen.

Zwar besaß Chicago Amerikas ersten Wolkenkratzer (1885) und das erste Riesenrad, konstruiert 1893 zur Weltausstellung vom Pittsburgher Ingenieur George Washington Ferris. Doch immer stand es im Schatten New Yorks, des großen Vorbilds, das es so sehr beneidet. Lästermäuler verspotten die Stadt denn auch als Miniversion Manhattans, mit der heimischen Talkshow-Queen Oprah Winfrey anstelle der Freiheitsstatue.

Die Sommerspiele sollen das alles ändern. Dabei schien die Bewerbung lange nur auf Sparflamme zu kochen, zumal sie im Rest der USA so gut wie nicht wahrgenommen wurde. Doch auf der Zielgeraden, reden sich Lokalpatrioten ein, spüren sie Rückenwind. In Kopenhagen wirft Barack Obama seine ganze Autorität in die Waagschale, streng genommen kein Sohn der Stadt, aber einer, der seine politische Laufbahn im rauen Süden Chicagos begann. 1985, als Sozialarbeiter. Dank seiner Hausmacht schaffte er den Sprung in den US-Senat, von wo es steil aufwärts ging, ins Weiße Haus. Dafür revanchiert er sich jetzt, indem er die Werbetrommel für seine Wahlheimat rührt.

Die Blitzvisite

Obama für Olympia, es ist die klassische Volte. Vor ein paar Wochen hatte sich der Staatschef noch entschuldigt: Das Ringen um die Gesundheitsreform tobe zu hart, als dass er nach Dänemark reisen könnte. Gattin Michelle werde ihn vertreten, sie sei ja ohnehin die Bessere. Jetzt geht es doch, wenn auch nur in Form einer Blitzvisite. Acht Stunden Flug in jede Richtung, und das für eine Präsentation, die ganze 45 Minuten dauert. "Muss das sein?" , ätzen die Kritiker. Rückendeckung bekommt der Präsident aus einer Ecke, aus der er sonst eher Prügel bezieht. "Wäre er zu Hause geblieben, wäre es wirklich peinlich gewesen" , sagt Mitt Romney, der Wirtschaftsexperte der Republikaner, der 2002 die Olympischen Winterspiele von Salt Lake City organisierte.

Bei dem Hin und Her ist ein bisschen untergegangen, wofür Obama eigentlich wirbt. Sparsame Spiele verspricht Chicago, dazu kurze Wege. 15 der 31 Wettkampfstätten sind bereits fertig. Im olympischen Dorf, geplant in einer Parklandschaft am See, sollen einmal Einkommensschwache wohnen, also nichts mit Investruine. Das Leichtathletikstadion soll in einem Armenviertel der afroamerikanischen South Side entstehen und der benachteiligten Hälfte der Stadt auf die Beine helfen. Bürgermeister Richard Daley spricht oft und gern von Revitalisierung im Zeichen der olympischen Ringe.

Dennoch, in Chicago hält sich die Begeisterung in Grenzen. 45 Prozent der Einheimischen sind gegen die Spiele, hat die Chicago Tribune neulich ermittelt. Mit "No Games Chicago" bildete sich eine Bürgerinitiative, die dem unterschwelligen Grummeln lautstarken Ausdruck verleiht. "Wir kennen kein Projekt, bei dem die Kosten nicht aus dem Ruder liefen" , warnt ihr Sprecher Tom Tresser. Auf dem Papier lese sich der sparsame Ansatz - 4,8 Milliarden Dollar, ausschließlich privat finanziert - ganz gut. Doch am Ende werde wohl, wie schon so oft, der Steuerzahler einspringen müssen.

Schuld an der Skepsis ist der miserable Ruf der Stadtverwaltung. Von kurzen Unterbrechungen abgesehen, stellt die Dynastie der Daleys seit dem Zweiten Weltkrieg den Bürgermeister. Längst gilt sie als Synonym für Filz und Klüngel, verquickt und verschwägert mit der lokalen Bauindustrie. Und einem solchen Umfeld trauen viele einfach nicht zu, dass es den Kraftakt Olympia erfolgreich bewältigen kann. (Frank Herrmann, DER STANDARD Printausgabe 02.10.2009)

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    Michelle Obama preist in Kopenhagen Chicago. Gemahl Barack kommt für 45 Minuten.

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