"Diskriminierung ist oft sehr subtil und verdeckt"

Marietta Türk, 7. Oktober 2009, 16:49
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    foto: paul wilke

    Zur Person

    Ulrike Alker ist Leiterin der Abteilung Gender & Diversity Management an der FH Campus Wien und Projektleiterin "Potential durch Vielfalt"

Diversity wird immer mehr zur beruflichen Kompetenz - Der Einsatz rechnet sich und der Erfolg ist messbar - warum erklärt Diversity-Expertin Ulrike Alker im Interview

"Es ist aus tiefster Überzeugung mein Ziel, Diversity Management auf allen Ebenen der Institution zum Nutzen aller umzusetzen. Auf den Punkt gebracht heißt das: Alle sind gleich, jedeR ist anders." Diversity Expertin Ulrike Alker sieht Vielfalt als großes Potenzial für Firmen und Bildungsinstitutionen. Bei der Umsetzung von Diversity Management stehe die eigene Einstellung, die eigene "Brille", die man aufhat, aber am meisten im Weg. Warum es dennoch notwendig ist, die Vielfalt der Gesellschaft auch im Berufsleben widerzuspiegeln, erzählte sie Marietta Türk.

derStandard.at: Warum ist Vielfalt in Unternehmen eine Ressource - sowohl betriebswirtschaftlich als auch sozial gesehen?

Alker:Weil das Ziel sein muss Umsätze zu steigern und Kosten und die Fluktuation der Mitarbeiter zu senken. Produktionsverluste kann man gering halten, wenn sich Mitarbeiter mehr "im Boot" fühlen. Denn die Umsetzung von Diversity bedeutet, dass individuelle Bedürfnisse von Menschen gut abgedeckt werden.

Diversity rechnet sich auch in Bezug auf die Kunden. Zwei Beispiele: Die Deutsche Bank setzt für homosexuelles Klientel homosexuelle Berater ein. Die Western Union agiert international und braucht daher auch internationale Mitarbeiter, die die Bedürfnisse der internationalen Klientel kennen.

derStandard.at: Wie wichtig ist Diversity in Bildungseinrichtungen?

Alker: Dort ist Vielfalt eine Ressource, weil Vielperspektivität entsteht, indem man fragt welche Bedürfnisse die Zielgruppen haben. Berufsbegleitend Studierende haben andere Bedürfnisse als Vollzeitstudierende. Wichtige Themen sind auch Elternschaft, unterschiedliche Vorbildungen, Behinderung oder Sprachkenntnisse. Man muss sich die Frage stellen, wie man Menschen mit all diesen unterschiedlichen Ausgangssituationen ins Boot holt.

derStandard.at: Wie können konkrete Maßnahmen ausschauen?

Alker: Ich habe gemeinsam mit einer Kollegin zum Beispiel einen Sprachleitfaden für geschlechter- und diversity-gerechte Didaktik an unserer FH herausgegeben, der unseren Lektoren eine Hilfestellung gibt, wie ein diversity-gerechter Unterricht ausschaut. Wir versuchen eine Kultur der Toleranz zu entwickeln, wenn es Konflikte gibt. Das Motto ist: Das Gemeinsame suchen und nicht das Trennende.

Frauen in technischen Studiengängen sind so eine kleine Minderheit: ein Buddysystem kann helfen, dass sie nicht gleich wieder abspringen. Generell soll man darauf schauen Menschen zu unterstützen, die in Randpositionen, in anderen Gruppen sind. Auch Barrierefreiheit muss im Gebäude gegeben sein, oder auch auf der Website.

derStandard.at: Muss Gender zu Diversity gehören?

Alker: Gender müsste prinzipiell über allen Diversity-Dimensionen stehen. Wichtig ist, dass man nicht aus den Augen lässt, was Frauen brauchen und was Männer brauchen. Man merkt aber, dass sich Männer mit Diversity Management mehr identifizieren können und eher angesprochen fühlen als mit der Genderthematik.

derStandard.at: Ethnische Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, besondere Bedürfnisse, Religion sowie Alter sind Diversity-Themen. Womit tun sich Unternehmen und Bildungseinrichtungen besonders schwer?

Alker: Jede Institution hat ihre eigenen "Schmerzpunkte". Oft sind die Formen der Diskriminierung sehr subtil und auf den ersten Blick gar nicht so leicht erkennbar. Liest man in Stellenanzeigen 'für ein junges dynamisches Team suchen wir...', ist klar, dass da Menschen über 30 nichtangesprochen sind. Das ist Diskriminierung aufgrund des Alters. Oder wenn eine Mitarbeiterin mit zwei Jahren Arbeitserfahrung gesucht wird, wird das wohl keine 50-jährige Frau sein.

Heutzutage ist es ein Tabu sich gegen Frauen oder Menschen mit Behinderungen offen auszusprechen. In der Realität schaut es dann aber schon so aus, dass solche Vorurteile verdeckt  mitschwingen und Abwehrhaltungen entstehen. Bei diesen Stereotypen kann Diversity Management man gut ansetzen und ein offeneres Klima und Bewusstsein schaffen.

derStandard.at: Welche Branchen haben Diversity als Thema erkannt und wo hapert es noch?

Alker: Man kann es nicht an Branchen festmachen. Aber vor allem im Pflege- und Bildungsbereich wird Diversity in Österreich schon eher eingesetzt und in einzelnen Firmen.

derStandard.at: Ist denn der Erfolg von Diversity Management überhaupt messbar?

Alker: Davon bin ich überzeugt. Man kann im Unternehmen Ziele definieren in Bezug auf die Motivation, die Fluktuation, die Bindung an das Unternehmen, die Verweildauer - das sind messbare Größen.

Auch in Bildungseinrichtungen geht es darum Dropoutquoten zu senken. Man kann die Evaluierungen der Lehrveranstaltungen analysieren. Wenn wir die Qualität des Unterrichts durch geschlechtergerechte Didaktik heben können, wird sich das im Feedback der Studenten auswirken. Es ist auch messbar, wenn sexistische oder rassistische Äußerungen von der Gemeinschaft sanktioniert werden.

derStandard.at: Welchen Stellenwert haben Diversity- und Genderkompetenz heute als Berufsqualifikation?

Alker: Ich halte das für eine ganz besonders wichtige Kompetenz im Beruf, weil es viele Perspektiven eröffnet. Nehmen wir den Forschungs-, Entwicklungs- und Technikbereich: Wenn man dort die Vielfalt hineinlässt, wird man das bei neuen Produkten einbringen können. Wenn es immer dieselben Menschen sind - Männer mit einer gewissen Ausbildungsschiene - kommt es auch nicht zur Innovation. Auch gemischte Teams bezogen auf Gender und Herkunft werden in Firmen immer mehr gewünscht, weil sonst so viel an Brainpower verloren geht. Und im Bereich der Human Ressources ist es heute auch ein wichtiger Punkt, sich mit Diversity und Gender auszukennen.

derStandard.at: Wie sieht es mit Diversity in den vielen österreichischen Klein- und Mittelbetrieben und am Land aus? 

Alker: Ich glaube es ist weniger eine Frage der Machbarkeit als dass der Wille dazu vorhanden ist. Die Tendenz ist alles so zu lassen, wie es immer war. Die Konfrontation mit den eigenen Vorurteilen steht da oft im Wege. Ich glaube, dass auch ein gewisses politisches Klima das unterstützt oder behindert.

derStandard.at: Bedeutet Anti-Diskriminierung gleichzeitig Diversity?

Alker: Anti-Diskriminierung ist ein Aspekt. Das sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die wichtig sind, damit diese Vielfalt zu ihrem Recht kommt. Aber Diversity Management bedeutet darüber hinaus mehr. Nämlich ein Klima der Toleranz, der Aufgeschlossenheit zu erzeugen. Die innere Haltung ist gefordert und nicht drohende Sanktionen.

derStandard.at: Diversity ist beinahe schon zum Modewort geworden. Besteht die Gefahr, dass der Begriff missbraucht wird?

Alker: Die Gefahr besteht bei jeder neuen Managementphilosophie. Wenn der Begriff nicht mit Inhalten befüllt wird, bleibt es einfach nur ein Schlagwort und es entsteht kein Bewusstseinswandel. Alibifunktionen in Unternehmen, ohne dass Diversity als Prozess implementiert und von allen mitgetragen wird, bedeuten noch lange kein Diversity Management.

Außerdem besteht die Gefahr, dass Stereotypen festgeschrieben werden. Das Ziel ist es, diese Zuschreibungen aufzulösen und das kann nur funktionieren indem man die eigene Sichtweise hinterfragt und überprüft, mit welcher Brille man selber auf diese Dinge schaut. (derStandard.at, 9.10.2009)

Kommentar posten
10 Postings
Carlos Clementin
10
7.11.2009, 19:58
Diskriminierend

Die Homos extra herauszugheben und auf einen Homoschalter zu schicken. Bin gespannt wann es Schalter bei der Bank für Indianer und Afrikaner gibt ...

marty fink
00
8.10.2009, 09:28
Gefährliche Managementwörter reoloaded

"Diversity"

Hannelore Godzilla
03
7.10.2009, 23:47

So sehr ich mich bemühe, aber ich kann mich mit diesem Diversity-Dingens nicht anfreunden. Je mehr man nach größtmöglicher Vielfalt strebt desto seltsamer werden die Strukturen in einem Unternehmen wachsen. Das Beispiel mit der deutschen Bank und den Homosexuellen ist ja überhaupt der Gipfel der Frechheit, Ich würde mir da sowohl als Bankangestellter als auch als Kunde veräppelt vorkommen. Bei mir zwar schon das Gefühl einer Sonderbehandlung auf, allerdings im negativen Sinn. Vielfältigkeit sollte in den Köpfen der Leute beginnen und nicht auf Biegen und Brechen umgesetzt werden nur weil es der letzte Schrei des Human-Resource-Idealismus ist.

sofa
00
8.10.2009, 09:30

sind auch nur 2 beispiele...auch microsoft sagt beispielsweise dass ihre kunden nicht ausschließlich 20-30 jährige programmierer sind, deren fokus die karriere ist...und deswegen versuchen sie halt auch diversität dort reinzubringen wos "normalerweise" nicht so oft vorkommt ;)
was daran jetzt aufgezwungen und schlecht sein soll versteh ich nicht ganz (und ich warte natürlich auf das übliche ms-bashing)

Lethawae
17
7.10.2009, 19:45

Das ist aber nicht Fachsprache.
"Anti-Diskriminierung" würde als "Anti-Discrimination" deutlich cooler klingen, "Klein- und Mittelunternehmen" würden als "SMEs" auch viel besser aussehen.

Bei diesem Schwachsinnsgebrabbel darf sich niemand wundern, daß dieses Thema nicht ernst genommen wird.
Schon mein Opa hat immer gesagt: Wenn du keine Botschaft hast aber wichtig klingen willst, dann drück dich möglichst kompliziert aus.

Anna Kuchmann
02
7.10.2009, 18:27

Ich sehe noch wenig Diversity Management hinsichtlich der sexuellen Orientierung in Unternehmen. Meist sieht man darin eher einen Mix aus Gender Mainstreaming und Beschäftigung von Personen, die mit dem Label "Migrationshintergrund" versehen werden. Disability Personen laufen meist über Förderschienen und den Grad an Behinderung, der zuerkannt wird. Auffällig ist, dass der Begriff "Integration" vermieden wird - er wird durch "Management" ersetzt. Wenig ins Bewußtsein dringt der Gedanke der Ausgewogenheit, z.B. Bildungseinrichtungen mit hohem Frauenanteil, die seit Jahren brav Gender Mainstreaming machen, stellen kaum Männer ein und kopieren damit patrifokale Strategien. Das Interview ist gut.

sadfjklöaglsjkfga
00
8.10.2009, 00:47

was sind "patrifokale strategien"? thx

Anna Kuchmann
01
8.10.2009, 10:42

Patri- <-- pater lat. Vater
-fokal <-- Fokus, Zentrum

meist in Verbindung mit "patrilinear" (Familienstruktur)

Hier: patrifokale Strategien sind väterlich orientierte Pläne, wie man sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat, z.B. das Nachfolgesystem: Ein Mann folgt auf einen Mann in einem Unternehmen - Vorbild Vater-Sohn-Beziehung.

Kopieren heißt: Nachahmen. Frauen sind nicht gezwungen, ihre Stelle z.B. im Falle einer Pensionierung wiederum an eine Frau zu geben. Doch oft passiert das - damit ahmen Frauen nach.

Der Große von Gegenüber
00
8.10.2009, 07:00

patrifäkal?

Leserschwert: Bibliothek f. Gewaltliteratur
01
7.10.2009, 23:44

Ich bin dagegen pivokale Strategien zu immigrieren!

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