Recht aus dem Bauch gesprochen

1. Oktober 2009, 18:15
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Andrea Breths "Zerbrochener Krug" bei der Ruhrtriennale

Man muss nicht, aber man kann es so machen. Wenn man es kann. Und Andrea Breth kann es natürlich: Heinrich von Kleists berühmten Krug in seine Teilen zertrümmern. Dem Dorfrichter Adam die Perücke stibitzen und seinen kahlen Schädel mit Wunden verunstalten. Frau Marthe Rull in aller Ausführlichkeit für das Recht des Kruges zetern lassen. Und den Gerichtsrat Walter als eine letzte Instanz aus dem Himmel der literarischen Utopien in die verlotterte Richterstube einschweben lassen. Und zwar so, dass man gleich weiß, er werde das Krumme wieder gerade biegen. So halbwegs jedenfalls.

Denn ob er Eve den Glauben an die Gerechtigkeit, die von oben kommt, wirklich zurückgegeben hat, und ob es wirklich nur der zerbrochene Krug selbst ist, dem sein Recht höheren Ortes noch erstritten werden muss, das bleibt hier eine offene Frage. Das erstarrte Schlussbild, bei dem allen Beteiligten noch der Schrecken über die Beinahekatastrophe des Rechtes und die tatsächliche des Lebens ins Gesicht geschrieben ist, hat nichts vom großen Schwamm drüber.

Andrea Breth hat die vermeintliche Musterkomödie der Deutschen so lange seziert, bis ihr jeder Rest von Gaudi abhanden gekommen ist. Um sie dann aber doch wieder von einer lebensweisen Heiterkeit durchwehen zu lassen. Die so eigenwillige wie meisterliche Regisseurin hat den berühmtesten Krug der Literaturgeschichte in Wien vor fast 20 Jahren schon einmal zerdeppert. Jetzt, als Ruhrtriennalen-Höhepunkt in Sachen Schauspiel, erlauscht sie den Text neuerlich mit archäologischer Akribie. In der Essener Spielstätte Salzlager Kokerei Zollverein gibt es Kleist in dreistündiger, pausenloser Ausführlichkeit.

Anne Murschetz (Bühne) und Françoise Clavel (Kostüme) richten den Blick auf Adams gemütlichen Saustall. In eine schäbige Amtsstube in Neonlicht, mit Aktenbergen bis unter die Decke. Mit Plastikstühlen und Federkiel. Der überladene Schreibtisch kippelt, wenn man sich aufstützt. Im Stroh in der Ecke schlummert ein Ferkel. Die Mägde versorgen das Vieh und den Richter so gut wie gleichzeitig. Klagen werden hier wohl nur abgelegt. Recht aus dem Bauch gesprochen. Oder verbogen.

Dieses Leben funktioniert so vor sich hin, bis Adam den Bogen überspannt, sich ans Evchen ranmacht und Spuren hinterlässt, wie den zerbrochenen Krug und die Perücke. Der Rest ist ein Kammerspiel mit subtilen Thrillerqualitäten. Handgemacht und ein Fest der Virtuosen! Was auch so ein Breth-Markenzeichen ist. Sven-Eric Bechtholf ist der Adam, der sich, zwischen Kater und Rausch, auf's Buckeln und auf's Treten versteht. Er ist aber auch wach und auf der Hut, wenn es eng für ihn wird.

Psychologisch ausgefeilt

Doch der Glanz und die Faszination dieser psychologisch ausgefeilten Textexerzitien werden vor allem von den dezenter leuchtenden Figuren um ihn herum gespeist: vom schlurfig-schlitzohrigen Schreiber Licht des grandios verknappenden Wolfgang Michael. Vom Gerichtsrat Walter, der bei Norman Hacker wie ein neugieriger Zeitreisender daherkommt. Von Swetlana Schönfelds Muttertier Marthe und vom boshaft aufblitzenden Auftritt der Frau Brigitte, aus dem Elisabeth Orth ein Kabinettstück macht. Aber auch von Marie Burchards immer wacher werdender Eve und Paul Schröders verzweifelt wütendem Ruprecht.

Weil Andrea Breth es versteht, das pure Leben aufscheinen zu lassen, darf ihr Blick auf den Tragödiengrund der Komödie ruhig so lange dauern, wie er eben dauert. (Joachim Lange aus Essen, Der STANDARD/Printausgabe 2.10.2009)

  • Großartiges Ensemble (v. li.): Sven-Eric Bechtolf, Norman Hacker, Swetlana Schönfeld, Marie Burchard, Karolina Horster, Paul Schröder.
    foto: bernd uhlig

    Großartiges Ensemble (v. li.): Sven-Eric Bechtolf, Norman Hacker, Swetlana Schönfeld, Marie Burchard, Karolina Horster, Paul Schröder.

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