Ärzte zu sehr auf Blutzucker fixiert

1. Oktober 2009, 16:03
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Mehr Konzentration auf die Vermeidung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei älteren Typ II-Diabetikern

Wien - Nach jahrzehntelangem "Kantönligeist" in der Medizin rund um die Zuckerkrankheit sollen Typ-2-Diabetiker in Zukunft von einer Rundum-Betreuung mehr profitieren. Mit höherem Alter geht es primär immer mehr um die Verhinderung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen statt um eine möglichst niedrige Blutzuckereinstellung, hieß es am Donnerstag beim Europäischen Diabetes-Kongress in Wien.

Werner Waldhäusl, ehemals Chef der Abteilung für Diabetologie an der Wiener Universitätsklinik: "Es gibt keine Diskussion um eine schlechte oder perfekte Blutzuckereinstellung. Die Diskussion oszilliert zwischen einer moderaten Blutzuckereinstellung und einer perfekten. Bei den sehr alten Patienten bedeutet eine perfekte Einstellung auch ein Risiko durch die Medikation."

Je tiefer, desto besser

Das offenbare Problem: Die Diabetologen waren in den vergangenen Jahren fast ausschließlich auf den Blutzuckerwert bzw. den Laborparameter des HbA1c-Wertes fixiert. "Je tiefer, desto besser", hieß die mechanistische Parole.

Der britische Experte Edwin Gale, Herausgeber der europäischen Fachzeitschrift "Diabetologia": "Ein Drittel der US-Bürger wird in seinem Leben Typ-2-Diabetes entwickeln. Wie behandeln wir alle diese Menschen? Welche Ziele sollten wir erreichen? 50 Prozent dieser Patienten leiden an mindestens drei chronischen Erkrankungen, die Hälfte ist älter als 65 Jahre alt. In den USA erreichen weniger als 50 Prozent die Blutzucker-Zielwerte, in Großbritannien sind es vielleicht 25 Prozent. Ich glaube, dass man im Alter über 65 Jahren vor allem das Herz-Kreislauf-Risiko reduzieren sollte."

Gute Einstellung bei Typ-I-Diabetes

Klar bleibt, dass Typ-1-Diabetiker mit einem schnellen kompletten Versagen der Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse möglichst gut eingestellt sein sollten. Sie haben eine hohe Lebenserwartung und geraten sonst in die Spätkomplikationen mit Nierenversagen, Amputationen, Netzhautschäden und Herz-Kreislauf-Schäden hinein. Auch jüngere Typ-2-Diabetiker sollten aggressiv behandelt werden. Doch bei ihnen kommt es mit der Zeit immer mehr darauf an, Blutdruck, Cholesterin, Gewicht etc. unter strikter Kontrolle zu halten.

Überschätzter HbA1c-Wert

Gale: "Man sagt, dass man einen HbA1c-Wert von 7 Prozent erreichen sollte. Das erreichen in den USA 25 Prozent und in Großbritannien acht Prozent der Patienten. Einen Wert von 8 Prozent würden aber zwei Drittel oder drei Viertel der Patienten erreichen - und es gibt nur schwache wissenschaftliche Beweise in der Altersgruppe über 65, dass eine Absenkung des HbA1c auf 7 Prozent einen zusätzlichen Nutzen bringt." Man könnte hier wahrscheinlich durch eine Reduktion der Herz-Kreislauf-Risikofaktoren das Leben tausender Menschen retten, nicht so sehr mit einer bloß aggressiven Blutzuckersenkung.

Während die Pharma-Industrie in den vergangenen Jahren neue orale Antidiabetika für die anfängliche Behandlung von Typ-2-Diabetes auf den Markt gebracht hat, scheint es auf die einzelnen Substanzen nicht wirklich anzukommen: Metformin und Sulfonylharnstoffe, Glinide, Pioglitazon und neuere sogenannte Inkretin-Mimetika stehen zur Verfügung. Man kann also für viele Patienten maßgeschneiderte Therapien verwenden. Im späteren Verlauf der Erkrankung kommt oft Insulin hinzu oder ersetzt die oralen Arzneimittel.

Schlucken oder injizieren

Doch auch hier gibt es die offene Frage, wann Patienten mit Typ-2-Diabetes wirklich auf Insulin-Injektionen eingestellt werden sollten: Eine bessere Blutzuckerkontrolle ist damit schnell zu erreichen. Doch im Lichte der aktuellen Diskussion rund um Diabetes, Insulin und eventuell mehr Krebsfälle, raten manche Experten bereits wieder zu mehr Vorsicht. (APA)

 

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