Einfach gestrickt

1. Oktober 2009, 18:34
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    foto: fischer

    Jochen Distelmeyer, stil- und textsicher, veröffentlicht sein erstes Soloalbum "Heavy".

Jochen Distelmeyer war Sänger der deutschen Band Blumfeld. Nun hat er mit "Heavy" ein Soloalbum veröffentlicht und nimmt die Interpretationswut einmal mehr zur Kenntnis - Eine Begegnung

Jochen Distelmeyer sitzt im Garten des Hotels Le Méridien, raucht und trinkt Espresso. Die Sonne scheint. Auf die Behauptung, er sei dessen ungeachtet eher der Indoor-Typ und deshalb wolle man die Fotos im Hotel machen, reagiert er freundlich erbost: "Ich soll ein Indoor-Typ sein? Ich bin der totale Outdoor-Typ!" Sagt's und geht mit dem Fotografen in die Lobby. In Wien ist er, um über sein erstes Soloalbum Heavy zu reden. Darauf klingt er im Wesentlichen wie seine frühere Band Blumfeld, die er vor zwei Jahren aufgelöst hat. Nach den Fotos das Interview. Eine neue Zigarette, Distelmeyer lehnt sich nach vorn. Im Gespräch ringt der höfliche, stilsicher gekleidete Hamburger manchmal tonlos um den richtigen Einstieg in die Antwort. Er müht sich lange Sätze ab, verliert sich, kommt wieder zum Punkt. Dazwischen einige "Ähs". Wer ihn so erlebt, glaubt kaum, dass es sich bei ihm um einen der besten deutschen Poptexter handelt. Darauf angesprochen, lächelt er und sagt: "Songschreiben ist einfacher."

Sein Soloalbum knüpft scheinbar nahtlos an Blumfeld an. Dem wurde zuletzt Banalisierung und Verschlagerung vorgeworfen, und für Songs wie Der Apfelmann wurde der 42-Jährige genussvoll mit Häme überschüttet. "Ich weiß, dass es nicht so ist, deshalb habe ich da kein Problem. Ich sehe diese Vorwürfe eher so vor dem Hintergrund eines muffigen Spießerverständnisses. Mir kam das immer wie Kinderfernsehen vor, wo sich plötzlich bei Flipper zwei küssen und alle "iiiih!" machen und das schrecklich finden. So kam mir das vor. Das ist für mich Verklemmtheit. Nicht der Reim Herz auf Schmerz macht etwas schlagerhaft, sondern die Haltung zum Begehren, zu Liebe und Sex macht es dazu. Wer mit solchen Geschichten Probleme hat, ist vielleicht einfach ein Klemmi."

Locker fiele einem zu Distelmeyer aber auch nicht als Erstes ein. Er ist kein Plauderer, keiner, der ungefragt viel spricht. Distelmeyers Musik, seine Texte verschmelzen kunstvoll das Private mit dem scheinbar Politischen. Dazwischen surft er souverän wie kein anderer deutschsprachiger Musiker. Sowohl im Liebeslied als auch im Clinch mit den Umständen formuliert Distelmeyer scharf und gefühlstief. Als musikalische Form dient ihm eine Ästhetik, die von US-Bands wie Sonic Youth oder Pavement kommt. "Die Wipers, die waren noch wichtiger."

Die Interpretationsmaschinen schießen seit dem Auftauchen Distelmeyers mit Blumfeld zu Beginn der 1990er aus allen Rohren. Distelmeyer bleibt gelassen. "Das ist ja prinzipiell der Ausdruck eines grundsätzlichen Vertrauens und der Übereinkunft, dass Musik mehr ist als nur ein Einrichtungsgegenstand. Als wir begonnen haben, uns für Musik zu interessieren, und entschieden haben, dass wir uns dem mit voller Hingabe widmen wollen, dass das ein Zentrum unseres Lebens darstellt, war das noch riskant, gefährlich, geil. Für mich. Und das seh ich auch als Grund für die starke Auseinandersetzung. Die Leute merken eben, dass für mich Musik nach wie vor eine "healing force of the universe" ist. Und das gilt auch für Leute, die sich damit auseinandersetzten. Das verbindet mich mit meinen schärfsten Kritikern."

Es freut ihn sogar. "Grundsätzlich sehe ich alle Reaktionen, die ich auslöse, als Form der Anerkennung meiner Arbeit. Ich finde das ja nicht normal, dass so eine intensive Auseinandersetzung mit so Sachen überhaupt stattfindet, und per se rechne ich auch nicht damit. Aber die Tatsache, dass sich die Leute intensiv mit dem beschäftigen, was ich mache, ermöglicht mir zu tun, was ich liebe und was mir Spaß macht und Freude bereitet."

Drückt sich da jemand um die Diskussion? "Nein, manchmal ist es aber schwierig, wenn man sich in Situationen befindet, wo man sich denkt: ,Hey! Ist nicht so viel passiert.' Ich halte mich ja für einen eher einfach gestrickten Typ." Am Ende ist es nur ein Song, heißt es diesbezüglich auf Heavy. Wesentliche Richtungsänderungen im Vergleich zu Blumfeld zeichnen sich nicht ab. "Heavy" klingen Songs wie Wohin mit dem Hass?, Er oder Hinter der Musik. Worüber würde Distelmeyer singen, wenn plötzlich alles gut wäre? "Abgesehen davon, dass dieser Zustand nie erreicht werden wird, kenne ich Momente, in denen sich das so anfühlt. Und ich habe dann auch Freude daran, das zu besingen, davon einen Song handeln zu lassen. Ich gehe davon aus, dass man über alles singen kann." (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe 2.10.2009)

Info
Jochen Distelmeyer: Heavy (Columbia/Sony)

Kommentar posten
22 Postings
Nikolaus Hebenstreit
00
8.10.2009, 23:45

"ich will dich wieder sehen, muss ich auch durch den Regen gehen"

Das war aus den ersten Sekunden des Albums, und das ist Schlagerkitsch pur. (Brr...)

major schloch
00
7.10.2009, 10:27
"gestern, heute, morgen, hoffnungen und sorgen."

darf ein ernst zu nehmender künstler solche zeilen singen, oder sollte so etwas doch eher den kastelruther spatzen vorbehalten bleiben?

persönlich tendiere ich zu zweiterem, weshalb mir blumfeld & ihr sänger nie ganz geheuer waren.

RiccoRicci
00
3.10.2009, 11:17
Gut....

gemacht, Jochen! Ätsch!

Edwyn7
 
01
3.10.2009, 07:02
ein weiß mit kreis

...in die erfahrung, ein freies bild, wieder bei null....

...und in gedanken ging ich zu Dir, und ich sagte, bitte hilf mir, vergiss die (neuen) lieder die ich spiel´, die haben nie etwas zu tun mit dir, die sind so hohl wie ich und darauf du:

UND DAVON HANDELN WIR !!

...immer noch und immer wieder...
darauf mein wort, denn es ist mehr als einklang.

Ex-Spectator
00
3.10.2009, 09:57
Superstarfighter

Zur Zeit der ersten zwei Blumfeldalben gab's statt Fremdschämen halt gestreute Rosen vom Malkmus Stephen.

Alles was danach kam war (und bleibt im Soloprojekt) leidlich erträglich.

Nikolaus Hebenstreit
00
2.10.2009, 15:35

Jetzt scheint er sich selbst nicht mehr sicher zu sein, ob seine Texte nun anrührend, anmaßend, versteckt hochgeistig oder bloß banal sind. "Bemüht intellektuelle Eigeninterpretation zufälliger Plattitüden" könnte man das nennen.

dr.no3
00
2.10.2009, 15:28

trinkt und raucht zigaretten

August Vierschröter
11
2.10.2009, 14:18
Live am 8.12., WUK!

cool

Wollkönigin
00
4.10.2009, 18:31
Naja.


dr toolittle
22
2.10.2009, 14:08
das ist furchtbar öde wiederholung desselben.

nicht nur, dass das solo so klingt, wie als band, klingt auch jeder song wie der andere.

die zeit schreibt sogar, dass er "einer der besten deutschen songwriter" ist. na wenn das so ist, wundert mich nicht, dass sie so einen schmarrn machen wie DSDS! die können es selbst nicht fassen, dass es da nichts besseres geben kann?

http://www.zeit.de/2009/39/P... istelmeyer

Peter Klein
13
2.10.2009, 12:43

wie auch immer man zu dem apfelmannalbum steht, der kinderfernsehenvergleich ist eine sehr gute beschreibung dessen, was sich damals im blätterwald abgespielt hat.

mayall
00
2.10.2009, 11:01
Sieht aus

wie der Austriagoalie Safar.

bitte nicht
01
2.10.2009, 09:04

war bis zu letzt ein großer blumfelde fan - habe sogar die tiere platte noch ok gefunden.
jetzt bin ich zum ersten mal von distelmeyer enttäuscht. bis auf die zwei hitsingles recht schwaches album: und vor allem - das klingt genauso wie früher. wozu also die band auflösen. und was mich am meisten stört: live spielt er das gleiche material wie während der letzten 15 jahren. und interpretiert es auch genauso. wozu das ganze also?

Animal Spirits
01
2.10.2009, 11:13
Vielleicht will er die Gage nicht mehr teilen ..?

Mondmann
311
2.10.2009, 08:53
"Klemmis"...

"Klemmis" verstehen also nicht, wenn Disti von Herz und Schmerz singt und sein Poesialbum, das er seit der mittleren Reife führt noch immer für seine Liedtexte zu Rate zieht. So einfach sollte man es auch nicht sehen: Es wäre doch auch möglich, daß man einfach seine Musik unsäglich banal und seine dröge Stimme schrecklich findet. So wie ich.

giovantetto
11
2.10.2009, 09:05

Ja, gut möglich.
Ich bin erst mit den Verbotenen Früchten auf Blumfeld gestoßen und find es ab und zu irre entspannend, den Schneeflocken beim leisen Fallen zuzuhören oder mir den, der sich dachte, vorzustellen.
Kitschig? Sicher ein wenig. Mal leicht, mal schwer, aber auch schön...

Curzon Dax
00
2.10.2009, 08:24
Wenig später wird mein Körper eine Narbe aus Beton sein

"Gottseidank," wird sich der Herr Distelmeyer denken, "gottseidank gibt's das deutssprache Feuilleton, das nicht müde wird, meine Botschaft in die Welt zu tragen."

"Montagmorgen erwachte ich als Missgeburt -
halt’ mich trotzdem fest.
Ich will morden den Apparat, der Dich und mich
bloß Apparat sein lässt.
Sind zwei zuviel um frei zu sein?"

?

Hmmnnnjaaaa ... ja, zwei klingt ganz OK.

Terence Lennox
12
2.10.2009, 02:03
ich kenne keinen, der so polarisiert..

..verachtung oder anerkennung. für mich ist er ein neuer udo jürgens. texte im mainstream, leicht verständlich, etwas peinlich, doch letztlich oft perfekt (lass uns liebe sein, wohin mit dem hass). etwas fremdschämen, aber gut so..

schluss mit unlustig
00
3.10.2009, 08:52
genau.

Animal Spirits
22
2.10.2009, 08:53
Peinlich ist eine Untertreibung.

Erbärmlich trifft es wohl eher.

Dr. Fu
00
2.10.2009, 11:24

Objektiv gesehen ist vieles subjektiv.

Terence Lennox
12
2.10.2009, 09:40
naja..

..wenn man in der deutschen sprache so gut zu hause ist wie sie (und viele österreicher), dann stimmt das auch. sie sagen sicher auch mittelstand statt mittelschicht, oder?..

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