Vier Minuten für die Kulturrevolution

1. Oktober 2009, 10:31
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Die kommunistische Führung in Peking versucht sich mit kulturellen Großprojekten zu legitimieren

Das revolutionäre Pathos dabei trübt allerdings den Blick auf historische Fakten deutlich.

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Das Bühnenbild schimmert dunkelblau. Der Chor der Sänger verschwindet im Dunkeln. Auf der Leinwand im Hintergrund tobt ein Sturm. Zwei Personen treten hervor, gefolgt von gebeugten Gestalten. Das Paar trägt ein Gedicht vor, das im Programmheft mit dem Titel Reflektion und Entscheidung angekündigt wird. Während sie noch ihre Verse deklamieren, zucken Blitze durch schwarze Wolken. Donner dröhnt durch Pekings "Große Halle des Volkes" .

Eigentlich sitzen hier Chinas höchste Parteiführer. Einmal im Jahr dirigieren sie vom Präsidium aus für 14 Tage die Parlamentssitzungen des Volkskongresses in einem der größten Säle der Welt. In den ledergepolsterten Sesseln der Abgeordneten sitzen am Wochenende aber fast zehntausend Zuschauer. Pekings Führung hat aus Anlass der Nationalfeiern am 1. Oktober die Große Halle zur Bühne für die Aufführung des patriotischen Musikdramas Chinas Weg der Auferstehung gemacht. Die Zuschauer können die Texte in Leuchtzeichen an den Seiten der Bühne mitlesen. Auch die Zeilen des im Sturm deklamierten Gedichtes: "Das weite Land sagt: Schon zehn Jahre hängen Wolken schwer über mir: und machen mich so müde / Der hohe Himmel klagt: Es sind bittere Jahre, wo ich auf das Wirrwarr unter mir schaue / Das zarte Gras sagt: Der Sturm bricht selbst die Bäume / Das Volk fragt: Wann hat es ein Ende?" Der Verfasser Liu Xing änderte seine Verse zwanzigmal ab. Dann erst segnete das Politbüro sein Gedicht ab, das auf die Zeit der Kulturrevolution nur anspielen darf, ohne das Wort Kulturrevolution zu nennen. Wenigstens, so schrieb am Tag nach der Premiere die Kantoner Tageszeitung, kommt das tabuisierte Thema vor: "Vier Minuten gab es für die Kulturrevolution."

Zweieinhalb Stunden dauert das Revolutionsepos, das zum Flaggschiff der Kulturpropaganda für die 60-Jahr-Feiern geworden ist. Mit 3200 Mitwirkenden ist Chinas Weg der Auferstehung die aufwändigste Aufführung unter einem Dutzend vom Staat arrangierten Ausstellungen, Spielfilmen und Fernsehserien. Pekings Führer spannen Kunst und Kultur ein, um die Gründung der Volksrepublik und ihre Neugeburt als Globalmacht feiern zu lassen. Die Partei, die ihre Alleinherrschaft von politischen und ethnischen Feinden herausgefordert sieht, sucht nach neuer Legitimation und Anerkennung. Armeedramaturg Zhang Jigang, der an der Eröffnungsgala für die Olympischen Spiele 2008 unter Starregisseur Zhang Yimou mitarbeitete, hat den Weg der Auferstehung choreografiert.

Die Erwähnung der Kulturrevolution im Musikdrama bleibt aber die Ausnahme von Chinas Regel, alle Vergangenheitsbewältigung von seinen 60-Jahr-Feiern fernzuhalten. Im neuen Nationalmuseum stehen tausende Exponate in der hochmodern ausgestatteten, die Zeit von 1840 bis 2009 umspannende Ausstellung Chinas Weg der Auferstehung. Chinas Umgang mit der historischen Wahrheit ist dagegen nicht mehr zeitgemäß. In der Ausstellung wird nicht nur die Kulturrevolution mit keinem Wort erwähnt, ganz zu schweigen von dem Tiananmen-Massaker 1989. Die Geschichte vollzieht sich nach 1949 nur noch als Serie von Erfolgen, für die es vier Verantwortliche gab und gibt: Mao Tsetung, Deng Xiaoping, Ex-Parteiführer Jiang Zemin und der heutige Parteichef Hu Jintao.

Das gilt auch für die anderen Spielfilme, Fotoausstellungen, Theaterstücke. Sie appellieren an den Patriotismus und setzten sich über die Wahrheit historischer Ereignisse hinweg. Die Manipulation entwertet nicht nur alle offiziellen zeitgenössischen Ausstellungen des angeblichen Kulturlandes China. Sie ist auch ein schlechtes Omen für die heute als Weltnation auftretende Großmacht, die von sich behauptet, globale Verantwortung übernehmen zu wollen. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2009)

 

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    "Die rote Befreiung der Frauen"  – auch tänzerisch wird der Jahrestag gefeiert, mit einem Ballett über eine Bauerntochter, die Soldatin in der Volksbefreiungsarmee wird.

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