Die Lust aufs Nichtvorhandene

27. März 2003, 17:04
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Alfred Pufitsch, seit einem Jahr Managing Director bei Colt Telecom Austria, schätzt schwierige Herausforderungen und die Neugier auf das, was noch nicht da ist. Genau diese Eigenschaften bevorzugt er auch bei seinen Mitarbeitern - Teil 12

Die Telekombranche befindet sich in einer schwierigen Lage. Viele Mitbewerber verschwanden vom Markt. Colt Telecom Austria fuhr im abgelaufenen Jahr einen harten Restrukturierungskurs mit einer Reduktion der Mitarbeiter von 138 auf 72.

Erreicht wurde eine Umsatzsteigerung von 18,6 Prozent auf 41,02 Mio. Euro gegenüber 34,59 Mio. Euro im Jahr 2001. Der Ebitda-Verlust (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) wurde von minus vier Mio. Euro auf minus 880.000 Euro verringert. Ab Juni 2002 war das EBITDA monatlich positiv.

Der Mann dafür: Alfred Pufitsch. "Unsere Ziele sind damit mehr als erfüllt. Die Colt International und damit unser gesamtes Netzwerk steht auf sicheren Beinen. Fidelity Investment hält einen Anteil von 54 Prozent. Für Infrastrukturinvestitionen braucht man einen Investor mit langem Atem," erläutert Pufitsch.

Die Colt Telecom Group plc wurde 1992 in London gegründet, kam 1998 nach Österreich und konzentriert sich ausschließlich auf Geschäftskunden in der Bereitstellung von Telefonie-, Daten- und Internet-Gesamtlösungen über Glasfaserleitungen mit hohen Bandbreiten.

Vernetzte Metropolen

Mittlerweile verfügt Colt über 32 City-Netzwerke in 13 europäischen Ländern. "Der Aufbau der Glasfasernetzwerke bestand darin, Leitungen zu graben und in den Boden zu verlegen, denn diese existierten nicht. Ausgehend von London wurden die europäischen Finanzzentren von Frankfurt über Paris bis zu Wien erschlossen," so Pufitsch.

Der Kernkundenstock besteht aus Finanzdienstleistern, Banken und Versicherungen. In Österreich etwa der Börse, Vontobel und Meinl Bank, neuerdings Siemens Österreich oder IT Austria. "Hier waren Mitarbeiter gefordert, die sich in den Aufbauprozess mit eingebracht haben, die bereit waren, etwas Nichtvorhandenes zu nehmen und es als Herausforderung zu begreifen, sich und das Unternehmen vorwärts zu entwickeln", meint Pufitsch.

"Diese Start-up-Philosophie ändert sich in der Harvest-Phase, doch braucht es weiterhin Mitarbeiter, die über hohe soziale und emotionale Kompetenz verfügen, einen internationalen Fokus und Sprachgewandtheit besitzen, bereit sind, sich auf komplexe Strukturen einzulassen, und die Fähigkeit haben, im eigenen Netzwerk entrepreneurhaft zu agieren."

Für Pufitsch ist klar, dass Mitarbeiter heute nicht mehr "abgeholt" werden, dass es gilt, sich aktiv einzubringen und sich auf internationale Jobannoncen zu bewerben. Mitarbeiter müssen remotegesteuert agieren und lokale Aufgaben in einem globalen Umfeld zentral gemanagt bewältigen können, also in der Lage sein, selbstständig Feedback zu geben und die Ressourcenlage im europäischen Kontext zu erkennen. Das erfordert Initiativkraft und Teamfähigkeit. Der eigene Weg führte den 1963 geborenen Alfred Pufitsch vom elterlichen Dorfgasthaus in Kärnten über eine Privatmittelschule mit Schlossergesellenprüfung in Salzburg nach Wien an die WU.

Schon während des Studiums jobbte er bei HP, wechselte 1990 zu Oracle, wo er sechs Jahre verschiedene Sales-Management-Positionen innehatte und noch sehr jung aktiv in Reorganisationsaufgaben eingebunden war. Weitere Stationen: Ericsson, Motorola Center Computersysteme, wo Pufitsch den Verkauf an Bull Österreich leitete und schließlich Vorstandsvorsitzender wurde.

Der schwierige Turnaroundprozess wurde mit der Umwandlung des Unternehmens in die Integris AG abgeschlossen. Das Management-Buyout scheiterte, weswegen Pufitsch zu Colt wechselte.

Emotionale Stabilität

Die Entwicklung zum "Troubleshooter" kam nicht zufällig: "Man geht auf solche Situationen zu, sie überfallen einen nicht. Mir wird nachgesagt, dass ich in einem stürmischen Umfeld durch emotionale Stabilität unabhängig von sozialem Feedback einen geraden Weg gehen kann." Dafür sind ein In-sich-Stehen, Direktheit und Konsequenz vonnöten.

"Ein wichtiger Punkt ist der Umgang mit Menschen. Es gilt, in Krisensituationen immer die Würde der Mitarbeiter zu wahren, sie nie aus ihrer Persönlichkeit zu entwurzeln und ihnen zu ermöglichen, ohne Bruch aus dem Szenario hinauszukommen. Das erfordert moralisch-ethische Grenzen und das nötige Augenmaß. Der Businessplan darf nicht immer an erster Stelle stehen." (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.3.2003, Matthias Raftl)

  • "Der Troubleshooter bin ich nicht zufällig geworden", erklärt Pufitsch, "man geht auf solche Situationen zu."
    foto: urban

    "Der Troubleshooter bin ich nicht zufällig geworden", erklärt Pufitsch, "man geht auf solche Situationen zu."

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