Melanocortine sind am Heißhunger schuld

3. Oktober 2009, 18:04
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Forscher haben herausgefunden, dass das Hormon AGRP viel stärker ist als angenommen - Forschungsergebnisse könnte Behandlungen von Übergewicht und Magersucht beeinflussen

München - Verschiedene Hormone wie etwa Insulin spielen bei der Regulierung des Körpergewichts eine Rolle. Ein Forscherteam der Münchner Universität LMU ist solchen Hormonen, den bisher kaum erforschten Melanocortinen, auf der Spur. Ihre Bindung an den zugehörigen Rezeptor hat eine appetithemmende Wirkung. Gleichzeitig gibt es ein weiteres Hormon, das so genannte AGRP, das bei Bindung an den gleichen Rezeptor appetitfördernd wirkt. "Diese Tatsache hat uns als Wissenschaftler sehr fasziniert", erklärt Andreas Breit vom Walther Straub Institut für Pharmakologie und Toxikologie an der LMU. Breit und Thomas Gudermann von der LMU München haben entdeckt, dass AGRP diese Funktion nicht nur durch einen passiven, sondern auch durch einen aktiven Wirkmechanismus ausübt.

AGRP hat mehr Macht

"Wir haben entdeckt, dass AGRP viel stärker ist und viel mehr Macht hat als bisher angenommen", so Breit. Was die Forscher dabei vor allem interessiert, ist die doppelte Wirkung. "Das bedeutet, dass es nicht nur einen Weg gibt, sondern eine Weggabelung", meint der Wissenschaftler. Durch das Verständnis der beteiligten Prozesse könnten in Zukunft Medikamente entwickeln werden, die Übergewicht aber auch Magersucht gezielt entgegenwirken. "Ehe das soweit ist, wird es allerdings noch lange dauern, da wir bisher erst an Zellkulturen arbeiten und versuche mit einem Organismus, wie etwa einer Maus, noch nicht erfolgt sind." Die Forscher rechnen, damit noch sehr viele Hürden bis dahin überwinden zu müssen. "Melanocortin ist nur eines von rund 20 Hormonen, die bei dieser Regulierung eine Rolle spielen. Schaltet man ein solches Hormon oder eine Vorstufe eines solchen aus, ist das ganze System dennoch mehrfach abgesichert", so Breit. "Die Nahrungsaufnahme und das Körpergewicht werden eben durch sehr komplexe Prozesse gesteuert."

Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Wirkstoffe

Ähnlich wie das Insulin, das neben dem Zuckerabbau im Blut dem Körper signalisiert, dass genügend Energie aufgenommen wurde, funktioniert auch das Melanocortinsystem. Die Melanocortine üben ihre Wirkung am Melanocortinrezeptor (MC-Rezeptor) im Hypothalamus aus - einer kleinen Region im Gehirn, die Vorgänge wie Körpertemperatur, Schlaf und Nahrungsaufnahme reguliert. "Dieser ist jedoch unabhängig vom Blutzuckerspiegel und reguliert das Körpergewicht eher im mittel- bis langfristigen Bereich. Im Prinzip sorgen Melanocortine dafür, dass das Gewicht über die ganze Lebenszeit konstant bleibt", erklärt Breit. Bekannt ist, dass es im Falle eines Gendefekts zur Fehlregulation des Melanocortinsystems kommt, die Folge ist eine massive Fettleibigkeit. "Im Moment wird diskutiert, dass ein hoher Fettanteil des Körpers das Melanocortinsystem durcheinanderbringt, so dass die natürliche Regulation des Appetits nicht mehr funktioniert." Daher ist dieser Regelkreis ein wichtiger Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Wirkstoffe, die Übergewicht entgegenwirken können.

Breit und Gudermann haben aber auch das AGRP, ein weiteres Hormon, das das Melanocortinsystem beeinflusst und an den MC-Rezeptor bindet, untersucht. "Bislang wurde angenommen, dass AGRP lediglich die Bindung der Melanocortine an den Rezeptor blockiert und daher den Appetit nur passiv reguliert", so Breit. Durch die Untersuchung ist es nun gelungen, neue Aspekte der komplizierten Wechselwirkung zwischen Melanocortinen, AGRP und dem MC-Rezeptor aufzudecken. "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass das Melanocortinsystem beim Menschen sowohl appetithemmende als auch appetitfördernde Prozesse anstoßen kann", betont Breit. (pte, red)

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