Die "anti-revolutionäre" Generation

1. Oktober 2009, 16:26
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Studie: Politische Kommunikation muss komplett neu gedacht werden, wenn man Jugendliche für Politik interessieren will

Der Politiker, der der Jugend mit der „Zukunft" kommt, hat schon verloren - überspitzt formuliert. Denn wenn es nach der neuesten Untersuchung des Instituts für Jungendkulturforschung geht, dann ist die Diagnose der heutigen Jugend keine schmeichelhafte - zumindest nicht seitens derer, die verklärt auf die revolutionären 60er und die darauf folgenden Jahrzehnte blicken und sich den Kampf gegen das Establishment auch von der heutigen Jugend erwarten.

Unglücklich, aber auch nicht visionär

„Vier Jahrzehnte nach Woodstock und 25 Jahre nach Hainburg ist die Jugend mit der Gesellschaft, in der sie lebt, zwar noch immer nicht wirklich glücklich, sie blickt aber nicht mehr visionär in die Zukunft, geht nicht mehr auf Konfrontation zum Bestehenden, spinnt keine großen Gegenentwürfe, solidarisiert sich nicht und ergreift auch nicht die Initiative, sondern wirkt, was eine nach eigenen Vorstellungen oder auch ganz konkreten Bedürfnissen gestaltbare Zukunft betrifft, wie gelähmt. Und um nicht in Depression und Lethargie zu verfallen, taucht sie in hedonistische Konsumfreude, politisch zahme Style-Revolten und Event-Euphorie ab - so scheint es". So lautet die Diagnose von Studienautorin Beate Großegger, die sie nach Gesprächen mit 17 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 16 bis 26 Jahren im Rahmen eines Grundlagenforschungsschwerpunktes stellte.

Die Kommuniaktionsfehler der Politik

Politiker wie Medien waren nach den Nationalratswahlen ratlos, warum überwiegend die vermeintlich Falschen, sprich: die FPÖ, bei der Jugend angekommen waren. FPÖ und BZÖ zusammen erreichten bei den Nationalratswahlen 2008 bei den Unter-30-Jährigen 43 Prozent. SPÖ und ÖVP haben in dieser Gruppe die meisten Stimmenverluste hinnehmen müssen. Auch den Grünen gelang es nicht, die Jungen ausreichend zu mobilisieren. Für die Jugendforscherin Beate Großegger gab und gibt es drei Kommunikationsfehler:

  • Erstens: Politik denke sich die jungen Wähler frei von Wünschen. Politische Subjekte seien aber (meistens) nicht so rational, wie die Parteien, der Politikjournalismus und die politische Bildung es sich wünschen
  • Zweitens: In der Thematisierung gesellschaftspolitischer Fragen würden die Lebenswelten der Adressaten ignoriert. Der Alltag, in dem Jugendliche leben, umreiße aber den Deutungshorizont für ihre Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen der Zeit.
  • Drittens: Politiker würden auf blanke Diskursrationalität setzen und hoffen, dass Jugendliche wie gewünscht darauf reagieren. "Abstrakte Begriffe gehen Jugendlichen am A vorbei und werden teils auch gar nicht verstanden, gute Geschichten und die richtigen Bilder bleiben hängen", sagt Großegger.

Noch immer zählt die Verpackung mehr

Einer, der das offenbar richtig macht, ist laut Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. "Zwei Berufsschülerinnen in Wien haben mir erzählt, dass Strache sogar auf deren Geburtstagsfeiern gekommen ist." Und wenn die Schülerinnen in der Schule von türkischen Mitschülern beschimpft werden, dann sei in der Wahlzelle klar, dass Strache gewählt werde. Weder die Untersuchung, noch Heinzlmeier geben freilich eine Antwort darauf, wie Politiker anderer Parteien bei der Jugend ankommen, ohne zu "Straches" zu werden. Klar ist für den Jugendforscher allerdings eines: Nicht auf den Inhalt, sondern auf die Verpackung komme es an: Bei Jugendlichen sei der Stil, das Auftreten eines Politikers wichtiger, als das Gesagte. Gute Bildkommunikation sei auch hier der Schlüssel.

"Ich bin mein eigenes Geschöpf"

Die politische Generationenforschung nennt die Jugend post-heroisch, Großegger sagt, sie folge den SSS-Prinzipien: Selbstverwirklichung, Stimulation und Sicherheit. Dass Werte wie Sicherheit bei den Jugendlichen viel zählen, sei nicht verwunderlich: „Sie wollen immer das, was der Gesellschaft fehlt", sagt die Studienautorin. 

Der Trend gehe in Richtung Subjektivierung: Die Jugend denke nicht mehr in großen Zusammenhängen. Die eigene Befindlichkeit, die Innenwelt, werde zum zentralen Referenzpunkt des Denkens, Fühlens und politischen Handelns. „Politikvermittlung, die einseitig auf Diskursrationalität setzt, geht an vielen Jugendlichen vorbei, nach dem Motto: Scheiß‘ auf die Systemrederei", sagt Großegger. Weltanschauungsdruck nerve demnach. Was zähle, sei das eigene Anliegen, nach Coco Chanels Motto: „Ich bin mein eigenes Geschöpf."

Erwachsenen-Sprech kommt nicht an

Erwachsene redeten von Nachhaltigkeit und von Planung der Zukunft, die Jugend denke und fühle eher zukunftslos. Warum? „Die Halbwertszeiten für gesellschaftlich relevantes Wissen werden kürzer, Lebensplanung ist aufgrund von Ent-Standardisierungsprozessen der Arbeitswelt kaum möglich", sagt die Jugendforscherin.

„Man kann so und so nichts ändern. Bevor man die Zeit vertut mit Veränderung, passt man sich eben an", dieses und ähnliche Statements bekam Großegger in ihren Tiefeninterviews oft zu hören. Teilweise können Jugendliche mit Erwachsenen-Sprech nichts anfangen. Zum Beispiel fragte Großegger: „Wie findest du das: Förderung von finanzieller Unabhängigkeit Jugendlicher ist eines der großen Ziele der europäischer Jugendpolitik?" Antwort einer Jugendlichen: "Ich finde finanziell unabhängig sein wichtig. Ich weiß aber nicht, wie die EU das machen will, weil die EU kann ja nicht allen Jugendlichen ein Gehalt geben."

Die fünf Jugend-Typen

"Jugend denkt materialistisch, handelt post-demokratisch und spürt Politik (nur) innerhalb des eigenen Tellerrandes. Das gilt zumindest für drei von fünf Haltungstypen, die im postheroischen Zeitgeist auszumachen sind", lautet die Analyse.

Diese Haltungstypen seien: Die breite Basis der Pyramide, die

  • „passive Fun-Fraktion“ und die
  •  „gleichgültige Scheiß-drauf-PhilosophInnen“: Politische Beteiligung reduziert sich auf Stimmabgabe am Wahltag. An der Verhandlung politischer Themen teilzuhaben, ist uninteressant. Es ist eine Sehnsucht nach neuen HeldInnen da, die auch für desinteressierte Jugendliche Fürsorge übernehmen. Diese Jugendlichen tendieren laut Großegger dazu, FPÖ zu wählen, sind aber nicht neo-nazistisch.
  • Die breite Mitte machen die „ergebnisorientierten PragmatikerInnen“ aus. Hier ist die Politik Dienstleistung an die Bürgern – nach dem Motto: Es muss mir etwas bringen.  Was sich also nach einem engangierten Gewerkschaftsmitglied anhört ist aber gefährlich, denn: Wenn Solidarität gelebt wird, dann interessensbasierte und nicht altrustische Solidarität.
  • Die qualifizierte Minderheit, die vierte Gruppe, sind die „Reflektiert-Selbstbestimmten“: Sie üben Kritik aus einem Beobachter-Status. Sie wagen den Blick über den eigenen Tellerrand, sind aber anti-kollektivistisch und mit Empörungsrhetorik nicht zu erreichen.
  • Die Avantgarde sind die „hedonistisch-idealistische Rebellen“: Sie sind nicht nur outputorientiert, sondern auch input-generierend. Sie (er)leben Autonomie nicht emanzipatorisch, sondern im Sinne von Selbstwirksamkeit. Sie sind post-ideologisch und was zählt, sind neue Wege und eigene Regeln. (Marijana Miljkovic, derStandard.at, 1. Oktober 2009)
  • Hat die Revolution ausgedient? Ja, sagen Jugendforscher - die Jugend von heute sei "materialistisch".
    foto: epa/diego azubel

    Hat die Revolution ausgedient? Ja, sagen Jugendforscher - die Jugend von heute sei "materialistisch".

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