Libyens Diktator legt Wert auf beduinische Tradition, erklärt Arabistik-Professor Stephan Prochazka
UserIn fluffy9 fragt:
Ich frage mich wieso der Gaddafi immer unbedingt überall zelteln muss. Eine seltsame Angewohnheit . Was steckt denn dahinter, liebe Redaktion?
derStandard.at antwortet:
Muammar al-Gaddafi ist nicht nur Revolutionsführer, Diktator und völkerrechtlich nicht anerkannter Staatschef Libyens, sondern auch König von eigenen Gnaden. Genauer gesagt: König der Könige von Afrika. Als solcher legt er, wie er immer wieder betont, Wert auf Tradition. Und diese Tradition ist, wie Arabist Stephan Prochazka von der Uni Wien erklärt, eine beduinische: "Libyen war bis vor wenigen Jahrzehnten ein Land ohne echte urbane Zentren. Was zählte waren Stämme, Beduinentraditionen und der Islam." Dazu passend der Gedichtband, den Gaddafi 1995 herausgab: "Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde".
Und wenn der libysche Diktator in den verruchten Westen reist, wie etwa jüngst nach New York, kommt sein Zelt eben mit. Gaddafi will also mit seinem für unsere Augen seltsam anmutenden Spleen auf die Degeneration des Westens hinweisen und sein Volk vor „schädlichen Einflüssen" bewahren. Dabei, so der Prochazka, sei es keineswegs eine spezifisch libysche Eigenart, ein einem Zelt zu wohnen: „Aber gerade in Libyen wurde die beduinische Tradition in den vergangenen Jahren besonders stark betont." Im so genannten Grünen Buch, Gaddafis islamosozialistischer Propagandaschrift, finden sich viele Hinweise auf die beduinische Tradition, die es hochzuhalten gelte.
Mit dem Islam habe die Behausung Gaddafis hingegen gar nichts zu tun, so Prochazka: „Prophet Mohammed hat ja auch nicht in einem Zelt gewohnt, sondern in einem Haus." (red, derStandard.at, 29.9.2009)