Ein Tweet geht sich immer aus

2. Oktober 2009, 12:10
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Ob die Sportgrößen etwas zu sagen haben oder nicht, mitteilen wollen sie sich immer, mitunter sogar während des Spiels - Österreichs Aktive tratschen kaum mit

Wien - Ausgerechnet Didi Constantini! Es war schon eine größere Überraschung als der ÖFB-Teamchef im August vor dem Testspiel gegen Kamerun mit dem Twittern begann, hatte der Tiroler doch kurz zuvor auf einer Pressekonferenz erklärt, es sei ihm zuletzt unmöglich gewesen, seinen in England weilenden Kapitän Emanuel Pogatetz zu erreichen. Der berechtigte Zweifel lautete: Wenn ein Trainer bereits an der Kontaktaufnahme zu seinen Spielern, also einer relativ leichten Herausforderung in Sachen Kommunikation, scheitert, ist er dann für das große Twittern geschaffen? Muss es nicht fast schon als kleines Fußball-Wunder gelten, dass er überhaupt initiativ wird? Ja, das muss es. Aber für jedes Wunder gibt es auch eine einfache Erklärung, in diesem Fall war es bloß ein sogenannter Fake-Account, wie ÖFB-Pressesprecher Peter Klinglmüller tags darauf - natürlich per Twitter - aufklärte.

Klinglmüller twittert viel und gerne, einerseits schreibt er ganz offiziell und neutral als "oefb1904", andererseits wird er als "pk2604" auch emotionaler und lässt seine 143 Verfolger wissen, dass er den österreichischen Kopfballprofi Stefan Maierhofer "einfach leiwand" findet. Während die erste Variante als Informationsquelle durchaus ihren Nutzen hat, sorgt die zweite für deutlich mehr Überraschung also auch Unterhaltung. Beides nimmt der am heimischen Sport interessierte User dankend an, ist die Auswahl an diesbezüglichen Twitterern doch relativ überschaubar, zu langsam entdecken Vereine und Aktive das Netzwerk für sich.

Österreich als Nachzügler

Vorreiter in der Fußball-Bundesliga ist die Wiener Austria, ihre Tweets gehen zwar kaum über die auf der hauseigenen Webseite gebotenen Informationen hinaus, aber selbst mit dieser schlichten Präsenz ist der Wettkampf um die Twitter-Vorherrschaft bereits entschieden. Etwas enthusiasmierter geht es da schon im Unterhaus zu: Austria Salzburg tickert gleich ganze Spiele über Twitter, bringt Fotos in Echtzeit, will also Begeisterung transportieren. Herrscht von offizieller Seite totale Funkstille, kann immer noch, und darauf scheint man sich in Österreich gerne zu verlassen, der Fan einspringen: Frei nach dem Motto "Von Fans für Fans" agieren zum Beispiel "Sturm12" oder auch "AustriaLustenau", vermutlich euphorischer, umfassender und gewitzter als so mancher vereinsinterne Schreiber dazu in der Lage wäre.

Die österreichischen Aktiven gehen ebenso zaghaft an die ganze Sache ran, ÖFB-Teamspieler Manuel Ortlechner prescht vor, kommuniziert fleißig mit anderen Usern und demonstriert immer wieder sein Faible für die englische Sprache, da heißt es dann mitunter: "Hangin at the hotel lobby, downloading some stuff & listening to some weird electronic beats" oder auch "Goto timetable and find out woz up 2today". Ortlechner twittert vor dem Spiel, nach dem Spiel, aber nicht während dem Spiel. Würde er dies tun, wären wir schließlich in den USA.

Tweets in der Halbzeit

Der US-Basketballprofi Charlie Villanueva vom NBA-Verein Milwaukee Bucks war es nämlich, der in der Halbzeit gegen die Boston Celtics, die Anweisungen seines Trainers per Mobiltelefon online weitergab. Dies las sich dann wie folgt: "In da locker room, snuck to post my twitt. We're playing the Celtics, tie ball game at da half. Coach wants more toughness. I gotta step up." Sein Coach Scott Skiles fand das Mitteilungsbedürfnis des Spielers allerdings weniger unterhaltsam, er untersagte Villanueva zukünftige Halbzeit-Tweets, um zumindest den Anschein von Seriosität zu wahren. Mittlerweile verbot die NBA den Aktiven das nutzen sozialer Netzwerke während der Spiele.

Ja, Sportler können auf Twitter richtige Plaudertascherln werden, deswegen warnten die Veranstalter der US Open die Tennis-Profis in der Players Lounge mit Zetteln vor der Benutzung des Netzwerks. Die Anti-Korruptions-Regeln könnten durch "Insider-Informationen" untergraben werden. Berichtet ein Profi beispielsweise, dass er verletzt sei, könnte dies die Quoten bei Sportwetten beeinflussen. Der Weltranglisten-Fünfte Andy Roddick reagierte darauf mit Unverständnis: "Man müsste schon ein Irrer sein, um Insider-Infos per Tweet zu versenden." Der US-Profi berichtet auch lieber, dass er sich am 31. November mit Elton John trifft. Um kurz darauf zu twittern: "Ich bin ein Idiot".

Die Großen nutzen Twitter

Roddick sendet seine Kurznachrichten an 125.948 Abonnenten, das mag im Vergleich zu Ortlechners 196 Verfolgern vielleicht gigantisch klingen, ist aber gegenüber den mehr als zwei Millionen von NBA-Riese Shaquille O'Neal relativ bescheiden. O'Neal ist mit dieser Heerschar an Fans auch die Nummer 1 unter den Sportlern, heftig getratscht wird auch von Tennis-Profi Andy Murray ("Hatte einen Anruf von Sean Connery") sowie der inhalierenden Schwimm-Ikone Michael Phelps ("Ich schwimme gerne") und dem sprintenden Evolutionsbeweis Usain Bolt. Die Rakete aus Jamaika hat auch eine Frage für die nicht existierende Konkurrenz parat: "Wer ist schneller?"

Radsport-Legende Lance Armstrong gibt sich über Twitter volksnäher denn je, zuletzt lud er seine knapp zwei Millionen umfassende Community zum gemeinsamen Radausflug durch die schottischen Lowlands ein. Glücklicherweise kamen nicht gleich alle zum Treffpunkt, aber 300 Radler schwangen sich schließlich in den Sattel, um mit dem siebenfachen Sieger der Tour de France vierzig verregnete Kilometer zu absolvieren. "Nächstes Mal versuche ich die Sonne mitzubringen. Und Ihr bringt einen Übersetzer", hieß es anschließend.

Eine praktische Sache

Für Armstrong ist Twitter ein Glücksfall. Mit den Medien konnte er auch aufgrund der Doping-Gerüchte nie wirklich gut, nun kann er sich die Fragen selber stellen und, noch viel besser, auch gleich die dazugehörigen Antworten geben. Freilich wird das Thema Doping nicht ausgespart, mit 140 Zeichen wird es dann aber ähnlich abgehandelt wie das Mittagessen mit Freunden oder der Urlaub auf den Bahamas. Twitter als perfektes Medium zur Image-Pflege und Selbstpräsentation.

Selbst präsentiert sich auf Twitter mittlerweile auch derStandard.at/Sport. Und schon jetzt kristallisiert sich eine der Frequently Asked Questions heraus: "Warum tickert Ihr die Spiele nicht gleich live über Twitter?" Standard-Antwort: "Weil wir eigentlich die User von Twitter zu uns bringen wollen und nicht umgekehrt." Das leuchtet ein, das ist schon so banal, dass es unbedingt getwittert werden muss. (Philip Bauer; derStandard.at; 2. Oktober 2009)

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    Followers verfolgen Lance Armstrong auch im echten Leben.

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    Michael Phelps gibt Überraschendes zu Protokoll: "Ich schwimme gerne."

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    Charlie Villanueva findet auch in der Pause noch Zeit für einen Tweet.

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