Zwischen Vergessen und Erinnern

6. Oktober 2009, 15:20
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Nichts zu vergessen ist für Betroffene nicht weniger belastend als der absolute Gedächtnisverlust - Hirnleistungstraining hilft amnestischen Patienten

Henry Gustav Molaison ging als berühmtester amnestischer Patient in die Geschichte der Gedächtnisforschung ein.1953 wurden ihm wegen schwerer Epilepsie im Alter von 27 Jahren Teile beider Schläfenlappen chirurgisch entfernt. Die Konsequenz aus dieser gewagten Operation: Dem Mann blieben weitere epileptische Anfälle Zeit seines weiteren Lebens erspart. Sein Gedächtnis verlor er jedoch für immer.

Für die Medien ein gefundenes Fressen, für die Neurowissenschaft indessen ein hochinteressanter Fall, aus dem Forscher in der Folge einige wichtige Informationen bezogen. Schläfenlappen und Hippocampus wurden neben weiteren Hirnregionen als gedächtnisrelevante Strukturen identifiziert und auf derartig großzügige operative Resektionen im Großhirn seither weitgehend verzichtet. Der bekannte deutsche Gedächtnisforscher und Neuropsychologe Hans-Joachim Markowitsch beschreibt eine Erkenntnis als besonders wegweisend: „Das menschliche Gedächtnis ist kein Monolith, sondern ein Netzwerk aus mehreren Gedächtnissystemen."

Anfällige Autobiografie

Eine komplexe Verknüpfung aus Nervenzellen hilft dem menschlichen Gedächtnis also im besten Fall lebenslang auf die Sprünge. Neuronale Ausfälle infolge traumatischer Hirnschäden oder psychischer Traumata erzeugen indessen ganz unterschiedliche Formen von Erinnerungslücken. „Besonders anfällig für Amnesien, zeigt sich das sogenannte episodisch autobiografische Gedächtnissystem", weiß Markowitsch. Dabei geht es immer um die ganz persönliche Lebensgeschichte eines einzelnen Menschen. Der Beinbruch im Jahr 1982, die erste Liebesnacht mit XXY - all das, sind Erinnerungen, die sich jederzeit zeitlich wie örtlich abrufen lassen und die immer im Kontext mit einer bestimmten Emotion stehen.

Auch H.M. litt unter einem inkompletten Verlust seines episodischen Gedächtnissystems. Seine Störung betraf vor allem die Speicherung jeglicher Neuinformation. Zeitlich betrachtet litt der Mann unter einer sogenannten anterograden Amnesie, der Unfähigkeit zur Neugedächtnisbildung. Er war keine fünf Minuten in der Lage sich irgendetwas neu Erlebtes zu merken. Über Ereignisse vor der Operation, Kindheitserinnerungen wusste er jedoch über weite Strecken bestens Bescheid.

Prozedural und semantisch

Gehen, Schuhe zubinden und Fahrradfahren, all das bereitet H.M. ebenfalls keine Probleme. Diese an Bewegungen gekoppelten Gedächtnisinhalte blieben unbeeinträchtigt, finden sie doch ihren Ursprung im Kleinhirn und in den Basalganglien. Die Speicherung dieser prozeduralen Informationen passiert unbewusst. Abruf und Ausführung der Bewegungsabläufe erfolgen automatisiert und es fällt daher schwer, diese nachvollziehbar zu beschreiben.

Prozedurales Wissen ist robust und bleibt auch bei Demenzerkrankungen lange Zeit unangetastet. „Bei der Demenz wird vor allem das autobiografische Gedächtnissystem zum Problem", erklärt Markowitsch. Das Allgemeinwissen, auch semantisches Gedächtnis genannt, bleibt dagegen lange erhalten, bevor es dann bei fortschreitender Demenz ebenfalls abnimmt. Woher die eine oder andere Information im semantischen System ursprünglich kommt, lässt sich oft nicht eruieren, da sich auch hier die Speicherung einer bewussten Kontrolle entzieht.

Selektion der Erinnerungen

Bewusst oder unbewusst - noch ist die Neurowissenschaft weit davon entfernt zu verstehen wie menschliche Informationsverarbeitung im Detail funktioniert. Erkrankungen die mit Gedächtnisstörungen einhergehen liefern zwar wichtige Hinweise, jedoch ist der Prozess des Vergessens nicht ausschließlich mit Krankheit assoziiert. Das menschliche Gehirn selektiert auch bei gesunden Menschen permanent und folgt dabei einer relativ einfachen Regel: Wenig berührende Ereignisse werden schneller aus dem Gedächtnis gedrängt, also solche die mit starken Emotionen assoziiert sind.

Lückenloses Gedächtnis

Betrachtet man die persönliche Lebensgeschichte von Jill Price, dann ergibt diese Autonomie des Gehirns Sinn. Die Amerikanerin verfügt über ein außergewöhnliches Gedächtnis und ist dabei nicht zu beneiden. Sie kann nicht vergessen, erinnert sich Jahrzehnte später noch an jedes Detail in ihrem Leben zurück bis in das achte Lebensjahr. Nicht nur erlebte Enttäuschungen oder Fehler drängen sich ständig in ihr Bewusstsein, auch die Banalität der meisten Tage bleibt ihr nicht erspart. Datum genau kann sie wiedergeben, was sie an jedem Tag ihres Lebens gegessen hat, wie das Wetter war oder welche Sendung im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Besonders tragisch: Den Tag an dem Jill Price ihren Mann Jim Price an den Folgen seiner Diabeteserkrankung verloren hat, erlebt sie immer und immer wieder. Für die Wissenschaft ist auch sie ein bemerkenswerter Fall. Ihre unglaubliche Gedächtnisleistung bezeichnen Experten als Hypermnestisches Syndrom.

Hirnleistungstraining gegen das Vergessen

Aus therapeutischer Sicht sind Amnestiker ein bisschen im Vorteil. Denn vergessen lernen wird Jill Price wahrscheinlich nie. „Der amnestische Patient hat eine Chance seine Gedächtnisleistung wieder zu verbessern, allerdings nur wenn nicht in beiden Hirnhälften relevante Bereiche zerstört sind", betont Markowitsch, der als Leiter der Gedächtnisambulanz der Universität in Bielefeld seinen Patienten ein spezielles Hirnleistungstraining anzubieten hat. Merkhilfen wie Notizzettel und eine psychotherapeutische Begleitung helfen Betroffenen ihren Alltag besser zu bewältigen. Ob und wann die Erinnerung allerdings wiederkommt, weiß auch Markowitsch nicht zu prognostizieren. (Regina Philipp, derStandard.at, 06.10.2009)

Buchtipp

Jill Price: Die Frau, die nichts vergessen kann

Leben mit einem einzigartigen Gedächtnis.

ISBN: 3783132924
EAN: 9783783132922
Libri: 8219974

Kreuz Verlag, Juli 2009

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    Besonders anfällig für Amnesien ist das autobiografische Gedächtnis.

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