Die Rettung des europäischen Amazonas

29. September 2009, 10:47
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    Der Zusammenfluss von Drau und Donau im kroatisch-serbischen Grenzgebiet soll wie die anschließenden Auwälder umfassend geschützt werden.

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    Seltene Vogelarten wie Schwarzstörche (Foto), Kormorane und Seeadler leben im Schutzgebiet.

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    Infografik: Geschützte Gebiete an Mur, Drau und Donau

20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs soll entlang der Flüsse Mur, Drau und Donau ein weltweit einzigartiges Unesco-Flussreservat entstehen, das sich über fünf Länder Mittel- und Südeuropas hinzieht.

Barcs/Osijek/Wien - Diese Artenvielfalt ist einzigartig in Europa. Seeadler kreisen über den ausgedehnten Auwäldern, Kormorane stelzen durch die Flussbänke, Schwarzstörche nisten in uralten Bäumen, und in den umspülten Schotterbänken entlang der Flussufer brüten seltene Zwergschwalben. Diese Vogelart war schon fast ausgestorben. Nur auf einem kleinen Flecken in dem einzigartigen Naturparadies entlang der wilden Fließstrecken der Flüsse Mur, Drau und Donau durch die Länder Österreich, Slowenien, Ungarn, Kroatien und Serbien konnten die Tiere überleben. Nicht umsonst wurde dieser grüne Gürtel, der sich entlang des früheren Eisernen Vorhangs durch das Herz Mitteleuropas zieht, auch als "Amazonas Europas" bezeichnet.

Dieses sensible Flusssystem soll jetzt unter Unesco-Schutz gestellt werden. Am 17. September unterzeichneten die Regierungen von Ungarn und Kroatien in der Grenzstadt Barcs eine gemeinsame Deklaration zur Schaffung eines grenzüberschreitenden Unesco-Biosphärenparks, der insgesamt rund 630.000 Hektar umfassen soll. Die streng geschützte Kernzone von 240.000 Hektar wird von einer Pufferzone im Ausmaß von 390.000 Hektar umgeben. Das Flussauenschutzgebiet beginnt etwa 30 Kilometer entlang der Mur an der steirischen Grenze und erstreckt sich bis zum Zusammenfluss von Drau und Donau bei Osijek nahe der serbischen Grenze. Anfang 2010 wird dann die Anerkennung als internationales Biosphärenreservat durch die Unesco erwartet. Damit geht ein vom World Wide Fund for Nature (WWF) Österreich initiiertes Projekt in die Endphase.

Kopacki Rit als Kernzone

41 einzelne Schutzgebiete entlang des 600 Kilometer langen Flusskorridors wie etwa der Donau-Drau-Nationalpark oder der Naturpark Kopacki Rit müssen dafür zusammengefasst werden, erklärt der WWF-Projektleiter, der Österreicher Arno Mohl. Das seit 1967 streng geschützte Kopacki Rit als eines der wichtigsten Feuchtgebiete des gesamten Donauraums im Länderdreieck Kroatien, Serbien und Ungarn würde etwa Teil dieser Biosphären-Kernzone werden, die insgesamt größer wäre als sämtliche Schutzgebiete Österreichs zusammengenommen. Allein hier gibt es etwa 290 Vogelarten, 40 Fischarten, ist die höchste Brutdichte der ebenfalls bedrohten Seeadler zu finden.

Vier solcher Schutzgebiete befinden sich auf einer Fläche von rund 2100 Hektar an der steirischen Grenzmur. Mohl hofft, dass sich nun auch Österreich, Slowenien und Serbien bald anschließen werden, um so das grüne Band entlang des früheren Eisernen Vorhangs zu festigen. Kofinanziert wird das Biosphärenreservat durch diverse EU-Programme. "Dafür ist es notwendig, dass sich die Staaten zusammentun", sagt Mohl: "Je besser die Kooperation, desto mehr Budget wird zur Verfügung gestellt."

Um diesen Zusammenschluss zu fördern, hat der WWF den Regierungsmitgliedern von Ungarn und Kroatien den internationalen Preis zum Schutz des globalen Naturerbes "Leaders for a living planet" verliehen.

Ein rascher Zusammenschluss ist aber auch aus anderen Gründen dringend notwendig:

Trennte früher der Eiserne Vorhang Völker voneinander, so verhinderte er andererseits aber auch die massive Nutzung dieser grenzübergreifenden, rund 600 Kilometer langen Flusslandschaft.

Bedrohtes Paradies

So konnte sich - vom Menschen ungehindert - eine Urlandschaft mit zahlreichen Flussarmen, Sandbänken, Au- und Urwäldern als "grünes Tor zum Balkan" ausbilden. Doch jetzt sei dieses einzigartige Flusssystem bedroht, warnt WWF-Experte Mohl. "Denn man möchte die enorme Wasserkraft nutzen und Schotter und Sand, den die Flüsse anschwemmen, abbauen. Das passiere bereits vor allem an der Drau, und man scheue sich auch nicht, vor allem an der kroatisch-serbischen Grenze tonnenweise Sand und Schotter auszubaggern.

Das aber schade dem Ökosystem der Flüsse ganz enorm, weiß Arno Mohl: "Damit vertieft sich der Fluss, die Fließgeschwindigkeit wird immer schneller, und zahlreiche Sandbänke am Ufer, in denen viele unterschiedlich Tierarten leben, werden einfach weggeschwemmt." Durch die höhere Fließgeschwindigkeit des Flusses komme es aber auch zu immer weniger fruchtbaren Überschwemmungen. Die angrenzenden Auwälder würden unweigerlich austrocknen, Seitenarme der Flüsse und damit generell Lebens- und Erholungsraum für Mensch und Tier verschwinden, warnt Mohl.

Immer wieder gebe es aber auch Pläne, die Flüsse künstlich zu regulieren. Solche Flussbegradigungen würden dem sensiblen Ökosystem ebenfalls erheblichen Schaden zufügen, befürchtet der WWF-Flussexperte.

So plante etwa die kroatische Regierung, einen Teil der unteren kroatischen Drau zu begradigen und sie etwa über eine Strecke von 56 Kilometern in ein "Korsett" zu zwingen, um sie für Schifffahrt und Tourismus nutzbar zu machen. Dafür wären etwa 20 Millionen Euro notwendig. "Das wäre absolut lächerlich, denn auf der ganzen Flussstrecke gibt es keine nutzbare Schifffahrt", erklärt Mohl.

Doch mit der Unterzeichnung des bilateralen kroatisch-ungarischen Abkommens über die Errichtung eines fünf Länder übergreifenden Biosphärenparks sei eine wirtschaftliche Radikalnutzung des Donau-Drau-Mur-Ökosystems vorerst gestoppt, hofft man beim WWF.

Für das gewaltige grüne Schutzprojekt waren der WWF Österreich gemeinsam mit dem Donau-Karpaten-Programm des WWF International mit zahlreichen lokalen NGOs in den betroffenen Ländern federführend. "Damit wird es zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhang in dieser Region möglich, dass Europa nicht nur politisch, sondern auch ökologisch enger zusammenwächst." (Elisabeth Steiner/DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2009)

Wissen: Unesco-Schutz über fünf Länder

Rund 4000 Quadratkilometer soll der Unesco-Biosphärenpark umfassen, der entlang der Fließstrecken der Flüsse Mur, Drau und Donau entstehen soll. Der Flusskorridor erstreckt sich etwa 600 Kilometer lang von der steirischen bis hinunter an die serbische Grenze bei Osijek. Die Kernzone des geplanten grenzüberschreitenden Naturparks wird rund 240.000 Hektar umfassen, der sie umgebende Puffer noch einmal 390.000 Hektar.

Die Artenvielfalt dieser Region Mittel- und Südosteuropas zählt zu den reichsten des europäische Kontinents und wird nur von den tropischen Regenwäldern übertroffen.

Damit wird sich erstmals weltweit ein Schutzgebiet über insgesamt fünf Länder - Österreich, Slowenien, Kroatien, Ungarn und Serbien - erstrecken. Derzeit ist das gesamte Gebiet in 41 einzelne Schutzgebiete aufgesplittert mit unterschiedlichen Richtlinien und gesetzlichen Grundlagen. Vier dieser Schutzgebiete befinden sich an der Mur entlang der steirischen Grenze, etwa die Natura 2000 Mur-Auen oder das Oststeirische Hügelland. Durch den Unesco-Schutz sollen die unterschiedlichen gesetzlichen Bestimmungen unter ein gemeinsames Dach gebracht werden.

Damit wird eine koordinierte Planung möglich, die Länder können sich mit ihren jeweiligen Vertretern in einer übergreifenden Naturschutzorganisation verständigen. Bis 2010 soll das völkerverbindende Unesco-Biosphärenprojekt umgesetzt werden. (stein/DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2009)

Sieh an
00
30.9.2009, 21:59
... ein Schutzgebiet nach dem Vorbild der ehemaligen Innerdeutschen Grenze?

... eine gute Idee... das wäre einerseits eine europäische Aufgabe und man könnte viele selten gewordenen Pfanzen und Tiere retten... finde ich gut!

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