Auch Gutes tun und klug geben will gelernt werden, weil auch Notleidende Unternehmungsgeist und Wiederverwertungsideen haben und Not erfinderisch macht. In Linz beginnt's ...
Geben macht seliger als Nehmen: Nichts scheint prima facie leichter - und befriedigender, beglückender - als vorhandenen Reichtum zu verteilen.* Doch die Sozialmärkte Soma mussten erst lernen, wie fair verteilen wirklich funktioniert - solange statt Gutschein- oder direkter Warenzuteilung (wie bei der Wiener Tafel) Geld und (wenn auch nur symbolische) Preise im Spiel bleiben. Und dass es harte Arbeit sein kann, nicht nur Waren durch Wiederverwertung vor der Vernichtung zu retten, sondern auch Wiederverwertungsdrang und Unternehmungsgeist Not leidender Empfänger von "Über-Lebensmitteln" umzulenken.
Die Soma-Prinzipien bestimmen einen "Verkauf zu symbolischen Preisen, es werden keine Produkte verschenkt." An Stelle potentiell demütigender, stigmatisierender Wohltätigkeit über karitative "Suppenküchen" solle richtiges Geld für richtige Waren zu allerdings "symbolischen" Preisen gezahlt werden. Damit wird über den zumindest virtuellen Cash-Nexus echten Geldes (statt Essen oder Essensmarken) die Würde eines normalen (wenn auch über die subventionierten Güterpreise gesponserten) Konsumenten aufrecht erhalten, dessen Handlungsvermögen sich in Markwirtschaften bekanntlich über seine Kaufkraft (und sein Wissen bzw. Marktkenntnisse) definiert. Waren werden niemals zugekauft, sondern ausschließlich aus Spenden acquiriert, um nicht als Billigstbieter oder Superdiscounter die Soma-Idee zu torpedieren.
Die Preise sind durchwegs "symbolisch", eindrucksvoll gering: 10 Portionen Schupfnudeln um 1 Euro, 10 Portionen Broccoli-Käsesauce 1 €, 1 kg Birnen 20 Cent, 1 kg Äpfel 30 Cent, Bioaufstrich und Fruchtjoghurt 20 Cent, 4 Actimel 20 Cent, Yakult, Brot und Strudel gratis. Es gibt auch eine "Kunst- und Keramik-Ecke" mit Waren aller Art von Penny- und Merkur-Märkten, von Schulartikel für Kinder, Spielsachen und Kinderschminksets über Kerzen, Vogel- oder Hundefutter bis hin zu alten Computern mit Freeware-Programmen aus dem Demontage- und Recycling-Zentrum (D.R.Z.) um 50 Euro.
Die nunmehrigen Regeln des Einkaufs bei Soma erwuchsen einem durchaus lehrreichen Lernprozess der Betreiber. Da "Not erfinderisch macht", wie Präsident Steiner lakonisch vermerkt, fanden sich bald nach Eröffnung des ersten Sozialmarkts, "in Linz beginnt's", zahlreiche Waren in den Regalen nahe gelegener anderer Geschäfte wieder - zu üblichen Marktpreisen für übliche Kunden. Findige Zuwanderer ("Österreicher waren entweder nicht arm und hungrig oder nicht schlau genug") hatten sich reichhaltig mit preisgestützten Waren zu "symbolischen Preisen" bei Soma eingedeckt.
Diese Waren wurden dann gegen eine saftige Zwischenhändlermarge - die Arbitrage der Textbuchökonomie als berechtigter Unternehmerlohn - mit Gewinn an Händler am ersten, offenen Markt weiterverkauft, die selbst wiederum angesichts der hohen Preisunterschiede von Soma und regulärem Lebensmittelhandel weitere gute zusätzliche Ertragschancen lukrieren konnten. Als besonders kühne Soma-Kunden sogar Waren (die zufällig gar nicht mehr im Sortiment waren) zwecks Reklamation und "Umtausch" bzw. geforderter "Rückzahlung" in dm-Märkte zurückbrachten, flog der rege Schwarzhandel auf.
Vom Einkaufspass als Lösung demnächst. (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2009)