Die Grünen und ihre Absage an Populismus

27. September 2009, 18:30

Über die politischen Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich

Zwischen Deutschland und Österreich gibt es seit Jahrzehnten zwei wesentliche politische Unterschiede:

1. Die Nachbarn haben ihre Vergangenheit schneller und gründlicher bewältigt als wir. Versuche, die FDP in eine nationale Partei zu verwandeln, sind rasch verhindert worden. Die Liberalen sind daher immer wieder ein potenzieller Regierungspartner. Jetzt mit dem höchsten Wahlergebnis seit Kriegsende.

2. Die Kombination von Verhältniswahlrecht und starker Persönlichkeitskomponente ("Überhangmandate") erleichtert die Mehrheitsbildung im Bundestag.

Beide Elemente sind an diesem Wahlsonntag wieder schlagend geworden. Und es ist daran zu erinnern, dass eine starke SPD unter Schröder auch mit den Grünen koalieren konnte. In Österreich versuchte es Wolfgang Schüssel mit der Haider-FPÖ. Um beide zu zähmen. Nur bei Haider selbst ist die Rechnung aufgegangen. Die Freiheitlichen sind - zunächst auf Landesebene - stärker denn je. Sowohl in Vorarlberg als auch ob der Enns haben sie sich verdoppelt.

Ein Glück, dass die Grünen wieder in der oberösterreichischen Landesregierung sitzen - so sah es zumindest Sonntagabend aus. Das bedeutet eine Erholung. Denn es grassierte die große Angst vor einem Absturz. Man befürchtete, die Abhalfterung des Europapolitikers Johannes Voggenhuber würde sich dramatisch und negativ auswirken. Das ist nicht eingetreten. Grün kann hoffen. Auch für künftige Bundeskoalitionen.

Nun hat Eva Glawischnig, neben Alexander Van der Bellen die Hauptgegnerin Voggenhubers, ihre Auszeit beendet, ist als voll Verantwortliche an die Spitze der Partei zurückgekehrt und hat im Land ob der Enns ihr politisches Gewicht in die Waagschale geworfen.

Gleichzeitig stand jene Konstellation zur Wahl, die Wolfgang Schüssel 2002 auf Bundesebene offenstand. Damals scheiterte der Versuch, in Oberösterreich wagte man ihn 2003: mit dem Ergebnis eines Zuwachses der Volkspartei und der Behauptung der Grünen als Regierungsfraktion 2009.

Tatsächlich sind sich die deutschen und die österreichischen Grünen ähnlicher geworden: Wenig Populismus, aber erfahren in allen Lagen.

Oberflächlich sieht der Absturz der SPD so aus wie die jüngsten brutalen Niederlagen der SPÖ. Die Ähnlichkeit: Viele Wähler trauen offenbar konservativen Parteien eher zu, die Länder aus der Krise zu führen. Der Unterschied: Oskar Lafontaine und Gregor Gysis Linke sind ein (plausibler) Nachhall der DDR. Andererseits verbindet sich damit ein linker Populismus, der den Verlierern der Krise sympathischer war, als die nur schwach linke SPD.

Die nächste österreichische Wahl steigt in Wien. Was die Linke in Deutschland für das Abschneiden der SPD bedeutete, ist in Wien der H.-C.-Strache-Effekt. Verliert Michael Häupl auch nur halb so viel wie die oberösterreichischen Freunde, dann ist die Krise in der SPÖ voll am Kochen.

Und für die Grünen steigt die nächste politische Prüfung. Maria Vassilakou aber ist kein weiblicher Lafontaine. Aber so bürgerlich wie Rudi Anschober auch nicht. (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 28. September 2009)

Kommentar posten
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1 2
Laird of Glenmore
01
1.10.2009, 13:48
Herr Sperl versucht hier vorausschauend zu kommentieren, vergisst jedoch einiges:

1) Die Krise der europäischen Sozialdemokratien ist hausgemacht, weil die Allgemeinwohlorientierung der politischen Praxis aufgegeben wurde. ArbeitnehmerInneninteressen werden nicht mehr vertreten, was zur Distanz mit den Gewerkschaften geführt hat.
2) SPD und Labour Party haben Punkt 1) besonders verfolgt, aus dieser Entidelogisierung ist eine große inhaltliche Leere entstanden.
3) Der Aufschwung von Linksparteien in Ländern Europas, wo es eine diesbezügliche Tradition gibt, ist eine dieser Folgen (vgl. Portugal, Deutschland, Frankreich, NL, Tschechien etc.)
4) Die Linksparteien versuchen einen Teil des Erbes der siechenden Sozialdemokratie anzutreten, was für die politische Entwicklung positiv ist, um Rechtsextremismus zu verhindern

Demian Höllwarth
 
00
29.9.2009, 10:57

Einmal mehr erinnert sich der Politikinteressierte mit Langzeitgedächtnis an das Jahr 2002.

Die Jahrhundertchance auf eine schwarz-grüne Koalition ungenützt verstreichen zu lassen, war der mit Abstand größte politische Fehler der vergangenen Jahre.

Wie gut die Politik die dabei herauskommt sein kann, sieht man in Oberösterreich.

Und die SPÖ hätte in der Opposition weitaus besser die Chance gehabt, den Freiheitlichen das Wasser abzugraben - Und Österreich sinnvolle Alternativen für 2006 ff.

Tobias Wimmer
00
29.9.2009, 09:59
verhältniswahlrecht

so toll kann das bilden von mehrheiten durch überhangmadate in dtl. nicht sein wenn der vgh bis 2011 eine frist zur dessen abschaffung gesetzt hat...

M K
 
10
28.9.2009, 18:17
Erfolg? Stagnation!

Ich höre ständig von Grün-Erfolgen bei den Wahlen in Vorarlberg und OÖ. Von den Grünen selber und auch in Kommentaren wie diesem.

Ich halte das für Wunschdenken oder Geschwätz.
In Wahlen, in denen es die Roten zerbröselt, stagnieren die Grünen. Erfolg?
Diese Sekte (in Österreich, in Deutschland ist es anders) bleibt auf ihre Stamm-Gläubigen beschränkt.
Voggenhuber hätte das Potential darüber hinaus gehabt. Glawischnig hat das wohl instinktmäßig erfasst und diesen Konkurrenten rechtzeitig abserviert.
Der Preis ist Stagnation, und die bleibt!
Auch wenn der Sperl das gerne anders hätte.

Schnabeltierfresser
00
28.9.2009, 17:52
"Überhangmandate"

sind aber doch die Verhältniskomponente im deutschen Wahlrecht?

peter schmidt
 
03
28.9.2009, 17:29
aus den postings hie rund in anderen threads kann ich folgendes entnehmen

Die grünen sind nicht wählbar weil sie

1. zu weit links stehen

2. zu weit rechts stehen

3. nicht konstruktiv mitarbeiten und in eine regierung wollen

4. weil sie machtgeil sind und dauernd in eine regierung wollen

5. weil die glawischnig unsymphatisch ist


Kanns sein das die Grünen einfach eine recht schwierige und pingelige (potentielle) Wählerschaft haben?

Abgesehen davon, dass sowieso jeder 2. österreicher offenbar immer die grünen gewählt hat aber eben jetzt nicht mehr.

bloody-nine
01
29.9.2009, 14:18
weiters:

- dass sie ausser öko und gender nix zu bieten haben

- dass sie zu allem was sagen müssen und ihre kernkompetenz ökologie vernachlässigen

peter schmidt
 
00
29.9.2009, 15:34
weiterer grund

a) sie sind eine müde altherrenpartie

b) die frauen lassen niemanden bei den grünen eine chance

mayall
01
28.9.2009, 15:58
Ich würde

den Grünen nicht raten mit der ÖVP auf Bundesebene zu
koalieren. Ihnen würde das gleiche Schicksal wie der Haider-FPÖ und jetzt der SPÖ ins Haus stehen.

Saddams Onkel
 
31
28.9.2009, 15:53
Sie vergessen aber eine wichtige Sache! Es gibt da eine große Ähnlichkeit zwischen Deutschland und Österreich:

Beide haben eine sehr populistische Partei, die regierungsunfähig ist und immer stärker wird. Österreich hat die FPÖ. Die Deutschen haben die "Linkspartei". Mit der kann man auch nicht regieren. Bei der letzten Wahl gab´s CDU-SPD, weil eben diese Linkspartei schlicht nicht regierungsfähig ist. Sie ist europafeindlich wie die FPÖ, Ausländerfeindlich auch und bei ihr tummeln sich jede Menge Ex-Stasi-Leute.

Diesmal wurde es sehr knapp. Die (schlechte) Alternative wäre Rot-Rot-Grün gewesen und dann hätte es wohl wieder eine große Koalition gegeben.
Also, ich sehe da kaum einen Unterschied zu Österreich!

Laird of Glenmore
00
1.10.2009, 14:14
Also wer die FPÖ mit der Linken vergleicht,

hat von Politik keinerlei Ahnung:
http://die-linke.de/wahlen/positionen/

super1
00
28.9.2009, 18:11
ausländerfeindlich?

seit wann ist die linke ausländerfeindlich?

Susanne_B
05
28.9.2009, 14:27

Der Unterschied zwischen D und Ö liegt auch darin, dass D eine Partei, die sich den Schutz der Grund- und Freiheitsrechte auf die Fahnen geheftet hat, hat (FDP - man denke nur an Leuthauser-Schnarrenbergers Rücktritt seinerzeit). Diese PAAtei fehlt in hier Ö. Niemand tritt gegen Rastenfahndung, Lauschangriff, Einschränkungen der Unschuldsvermutung auf. Die Grünen haben es zwar im Parteiprogramm, sind aber quasi unsichtbar.

Der Unterschied ist auch, dass die CDU zwar konservativ ist, aber nicht annähernd mit einer ÖVP vergleichbar. Eine Von der Leyen wäre in Ö nicht einmal in der SPÖ denkbar.

Und selbst trotz NPD und Co ist die Politik in D nicht so widerlich und niveaulos wie in Ö. Woran immer das liegen mag!

We can't all be lion tamers!
00
28.9.2009, 15:59

habe wir... das lif! leider will der wähler keine partei mit solchen forderungen in ö. siehe ooe gemeinderatsw.

Demian Höllwarth
 
00
29.9.2009, 11:12

Weil das LIF für einen Liberalen wirtschaftspolitisch nicht ernst zu nehmen war.

Ich denke nach wie vor, dass 5-6 Prozent für eine liberale Partei auch in AUT unter normalen Umständen möglich sind.

Aber dann muss sie sich in allen Bereichen überzeugend aufstellen und nicht in der Wirtschaftspolitik glauben, die SPÖ links überholen zu müssen.

Sonst wähl ich gleich die Grünen, da krieg ich fast das gleiche Package aber ökologische Ansätze noch gratis dazu.

vi-de dot com
 
10
28.9.2009, 15:21
was du beschreibst

wird das Thema der Piratenpartei werden. In 15 Jahren sind die ein politischer Faktor, wenn sie es klug angehen ... 5 Jahre schneller wenn sie zusätzlich einen andren Namen finden

slaine mcroth
00
28.9.2009, 16:07


Mit dem Namen gibt es überhaupt keine Chance, nicht in 10, nicht in 50 Jahren. Ich mein, was soll der Sch***, Piratenpartei???

ChesneyB
00
29.9.2009, 13:39

In Deutschland haben sie die anderen Parteien aber einige Stimmen gekostet.

Mucosaprolaps
00
28.9.2009, 15:52

So wie die Yogischen Flieger damals, oder?

Warpsignatur
23
28.9.2009, 11:30

im gegensatz zu deutschland, wo sich die grünen eindeutig im linken spektrum positionieren und koalitionen mit der spd anstreben, sind österreichs grüne unter vdb nicht mehr an linken mehrheiten interessiert. man sucht die schwarz-grüne koalition, wo immer möglich. für einen links-wähler bieten sich die grünen also überhaupt nicht an. und das wird dafür sorgen, dass sie bei ihren 10% bleiben werden...

pivos pivos
00
28.9.2009, 15:29
wer waehlt dann gruen?

fuer mich als buergerlichen sind die gruenen seit einiger zeit nicht mehr waehlbar(in manchen bereichen ist links schon wichtiger als gruen)

M K
 
00
28.9.2009, 18:20

Die österreichischen Grünen bewegen sich eiligen Schrittes auf eine Spießer-Sekte mit Öko-Touch zu.
Viel Erfolg dabei (es bleiben 10 %).

Ausgeflippter Lodenfreak
01
28.9.2009, 17:10

Grün ist eine Partei für eine vom Marketing schon längst entdeckte Gruppe: die LOHAS und Bobos oder die mitfühlenden Konservativen (USA), und es gibt noch einige andere Namen.
Grob gesagt gibt es Menschen aus dem Bildungsbürgertum, die nicht mehr nur konservativ denken, sondern an einer besseren Welt interessiert sind (Umweltschutz, Fairtrade, Nachhaltigkeit, Geschlechtergerechtigkeit, Weltoffenheit, usw.). Im Bezug auf Bildung, Jobs, Einkommen sind das aber klassische Bürgerliche mit durchaus bürgerlichen Werten (Familie, Bildung und Wohlstand ist wichtig).
Dazu passt sehr gut das Design und die Sprache der Grünen, die aber andere die mit dieser "Oberschichtattitüde" nicht anfangen können, abschrecken.

Hubert Ungeist
 
02
28.9.2009, 15:28
VdB ist ein ehemaliger Sozi..

der Versuch die Grünen als konerbative zu beschreiben ist einfach falsch. Sie sind schon links, aber halt oft aus gutbürgerlichen Hause.

champagne
01
28.9.2009, 14:36

die grünen in ö sind zwar um einiges "rechter" als ihre kollegen in dtland, tatsache ist aber auch, dass dort wo rot-grün möglich war (z.B. salzburg 04), es einfach nicht zustande gekommen ist, aus welchen gründen auch immer.
vl wirds ja nach den landtagswahlen in wien dort was mit rot-grün, ich würds mir wünschen...

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