Deutschland, deine Wahlsieger

27. September 2009 18:29

Bilanz eines Wahlkampfs mit vorhersehbarem Ausgang – Als hätte der Mauerfall nie stattgefunden, als gäbe es das gemeinsame Europa nicht, als wäre die Finanzkrise nur eine unbedeutende Randerscheinung - Von Peter Schneider

Vor zwanzig Jahren fiel die Berliner Mauer - es war der Beginn eines seismischen Bebens, das die Grenzen der alten Bundesrepublik und Westeuropas um Hunderte von Kilometern nach Osten verschob. Konnte und musste dieser Vorgang nicht ein Anlass für einen Streit über die Erfolge und Defizite der Wiedervereinigung und für den Versuch sein, eine Vision für Deutschland und Europa in den nächsten 20 Jahren zu entwerfen?

Ein Politiker, der Visionen hat, hat Ex-Kanzler Helmut Schmidt einmal gesagt, sollte zum Augenarzt gehen. Diese Warnung hatte in den Siebzigerjahren Sinn, als selbst junge SPD-Abgeordnete von einer Weltrevolution träumten. Schmidt hat sich wohl nicht träumen lassen, dass die Anfälligkeit für Visionen unter Deutschlands Politikern inzwischen etwa so häufig vorkommt wie die Cholera. Das Thema "Wiedervereinigung" und "Europa" ist in diesem Wahlkampf nur am Rande aufgetaucht. - Im Herbst 2008 gab es ein anderes Großereignis, das nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt an den Rand des Abgrunds gebracht hat Das Schlimmste ist zwar in den reichen Ländern durch eine beispiellose öffentliche Verschuldung gemildert und vernebelt worden, aber jeder ökonomisch halb gebildete Bürger weiß, dass noch die nächste und die übernächste Generation für die Exzesse der Investment-Banker wird zahlen müssen. Man kann nur staunen, wie diskret das Thema im Wahlkampf behandelt wurde.

Fragt man bei den Partei-Strategen nach, so erfährt man, die Finanzkrise sei ein Thema für Verlierer, die Wähler wollten Positives hören. Tatsächlich sind der Krisenschock und die anfängliche Wut über Millionen-Boni für CEOs, die ihre Betriebe an die Wand gefahren haben, rasch abgeflaut. Die Autonomen in Berlin-Kreuzberg vergnügen sich weiterhin damit, sogenannte Luxusautos anzuzünden - doch nicht eine einzige Schaufensterscheibe eines Bankhauses ist in Deutschland zu Bruch gegangen. Nicht ein einziger von jenen kriminellen Zockern, die die Bankenaufsicht mit manipulierten Zahlen über die wahre Lage ihrer Bank getäuscht haben, ist vor Gericht gestellt worden - im Gegenteil, die Bankrotteure gehen vor Gericht, um die Millionen-Boni einzuklagen, die ihnen dank einer perversen Geschäftskultur auch im Falle des Versagens zustehen. Nur schüchtern erinnern einige Unentwegte an die aufrührerische Frage von Mackie Messer aus Bert Brechts Dreigroschenoper: "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie?" Aber dieser Slogan stammt bekanntlich aus den 20er-Jahren und mutet wie die nostalgische Erinnerung an einen Aufruhr an, den man sich lieber auf der Bühne - in einer Inszenierung von Robert Wilson - anschaut.

Das größte Wunder des Wahlkampfs 2009 war aber zweifellos die Wiederauferstehung der FDP. Eigentlich würde die deutsche Parteienlandschaft nichts so dringend brauchen, wie eine echte - im amerikanischen Sinn des Wortes "liberal" - liberale Partei. Also eine Partei, die die Freiheit des Individuums auf ihre Fahnen schreibt. Leider ist die FDP trotz unstreitiger historischer Verdienste auf diesem Feld unter der viel zu langen Herrschaft ihres Vormanns Guido Westerwelle zu einer Partei verkommen, die vor allem die Freiheit einiger privilegierter Individuen verteidigt - die Freiheit der Banker und der Unternehmer.

Noch bis vor einem Jahr huldigte sie der Religion der amerikanischen Neocons, wonach Märkte sich selber regulieren. Folglich bekämpfte sie erbittert alle halbherzigen Versuche der großen Koalition, die Finanzwirtschaft zu regulieren. Noch im Mai 2009 machte sich die Partei für die Eigentumsrechte des amerikanischen Großaktionärs und Milliardärs Christopher Flowers an der bankrotten deutschen Bank HRE (Hypo Real Estate) stark - einer Bank, die gar nicht mehr existieren würde, wäre sie nicht mit über 100 Milliarden Staatsgarantien, also mit dem Geld der Steuerzahler, vor dem Untergang bewahrt worden. Aber Wunder über Wunder: ausgerechnet diese Partei, die statt der Freiheit des Individuums die Freiheit der Zocker verteidigt, stieg wie keine andere in der Wählergunst. Fragen Sie den Autor dieser Zeilen nicht, wie er sich diesen Erfolg erklärt. Es käme nur ein Pamphlet über das kurze Gedächtnis und die Dummheit von Wählern dabei heraus.

Ich glaube nicht an die ehernen Gesetze der Geschichte, die der große Analytiker und grotesk irrende Visionär Karl Marx verkündet hat. Aber ein Gesetz scheint doch zu gelten: In einer ungeheuren Wirtschaftskrise halten sich die Wähler an die Leute, denen sie bisher wirtschaftliche Kompetenz zutrauten - also an die Leute, die sie ins Verderben führten.

Halt. Wie immer gibt es eine Ausnahme von der Regel. Die Ausnahme ist die Nachfolgepartei der ehemaligen SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Regierungspartei der ehemaligen DDR), die sich zunächst als PDS (Partei des demokratischen Sozialismus) neu formierte - ein Kürzel, das meine Freunde aus der DDR-Opposition zutreffend mit "Praktisch Das Selbe" - übersetzten.

Die Praktisch-Das-Selbe-Partei verspricht alles, was nicht finanzierbar ist: höhere Renten, einen Mindestlohn von zehn Euro, staatliche Investitionsprogramme, die die Arbeitslosigkeit auf null senken - kurz: ein neues sozialistisches Paradies, das in der ehemaligen DDR nicht blühen wollte. Natürlich drängt die Partei, die immer noch eine Menge ehemaliger Stasi-Mitarbeiter in ihren Reihen führt, auch auf eine Neubewertung der DDR; der Ausdruck "Diktatur" für diesen Lebensabschnitt vieler Veteranen der Partei gilt als obszön. Neben der FDP profitierte also auch diese Partei vom halbherzigen Umgang der großen Volksparteien mit der Weltwirtschaftskrise und erhielt neuen Zulauf.

Der einzige "wirkliche" Sieger des 27. September wird aber wohl einmal mehr die Partei der Nichtwähler sein. Ich sympathisiere nicht mit dieser Partei, verstehe aber, dass die Nichtwähler von den Parteien, die zur Wahl standen, nur noch eines erwarten: praktisch dasselbe. (Von Peter Schneider/DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2009)

Zum Autor:

Peter Schneider (geb. 1940 in Lübeck) ist Essayist und Romancier und zählte einst zu den Wortführern der deutschen Studentenbewegung; sein neuestes Buch "Rebellion und Wahn" behandelt die Erfahrungen des Jahres 1968.

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    1 2
    Protagoras v. Abdera
    28.09.2009 11:42
    "Ich galube nicht an die ehernen Gesetze der Geschichte..."

    Wie schön, Marx nämlich auch nicht. Diese Interpretation seines Werkes lieferte erst der Dialetische Materialismus, der eine Art offzielle Lesart der realsozialistischen Regime war. Marx hingegen glaubte, ganz zentral in seinen Feurbachthesen, daß der Mensch seine eigene Geschichte macht und zar durchs eine eigene Praxis. Der Sieg der FDP verdankt sich mit großer Wahrscheinlichkeit der Nichtwählerschaft traditioneller SPD-Wähler, die auch für die niedrige Wahlbeteiligung verantwortlich ist. Diese Depolitisierung des Prekariats ist zu einem guten Teil die Schuld der SPD selbst, die durch Sozialstaatsreformen zur sozialen Segregation beigetragen hat.

    Dormouse
    28.09.2009 12:57

    stimmt, und es wird sich dann ändern wenn die SP komplett in die linke übergeht oder man wieder mit sozialen absichten zur wahl antritt und nicht einen kniefall vor den ausbeutern macht!

    dölerich hirnfidler
    28.09.2009 11:13

    auch diese analyse greift zu kurz, das umdenken muss viel breiter sein. nicht nur investmentbanker und manager sind schuld an der krise, sondern die gier von jedermann. der kleine, der seine 2.000 eur bei mel anlegte, weil er mit den sparbuchzinsen nicht zufrieden war, genau so! ja, es wird immer zocker geben, die viel geld verdienen. aber gier kann kein system sein: weder für manager noch für unternehmenseigentümer, die super-boni genehmigen - und auch nicht für alle anderen. was kommen muss, ist eine zeit der vernunft, der eigenverantwortung, des sozialen miteinanders. sonst hangeln wir uns von krise zu krise.

    Orakel1
    28.09.2009 09:30
    Herr Schneider.

    Sie sollten bei der Wahrheit bleiben. Die von Ihnen gelobten Visionen hat Helmut Schmidt samt und sonders als Kanzler a.D. entwickelt. Zu seiner Amtszeit war er ein knochentrockener Pragmatiker.

    Sie machen es sich sehr einfach. Vom grünen Tisch weg und ohne Verantwortung läßt sichs einfach schwadronieren und laut tönen, wie aus Ihrer Sicht alles sein könnte.

    Ausserdem stellen Sie die Mehrheit der Deutschen als Deppen hin. Dies ist die Arrgoganz der Ohnmächtigen.

    Dormouse
    28.09.2009 13:00

    die mehrheit wars dann halt doch nicht wirklich zählens die prozente von CDU/CSU/FDP zusammen - wenns auf über 50 kommen geb ich einen aus...

    Orakel1
    29.09.2009 19:10
    Das ist klar, dass Sie die durchgefallenen Splitterparteien und...

    die von Ihnen vereinnahmten Nichtwähler bei Ihrem Wahlrecht zur schweigenden Mehrheit zählen.

    Belacqua
    28.09.2009 08:59

    Wer Marx "grotesk irrend" nennt, sollte ein wenig in Bildung investieren. Vor allem in die eigene.

    Andres Wood
    28.09.2009 02:31
    Jetzt kann man's machen,...

    ... wie der Autor und an der Zurechnungsfähigkeit der WählerInnen zweifeln, wenn exakt die Partei großen Zulauf erhält, die Lobbyist der Krisenverursacher und hemmungslos sich kriminell Bereichernden ist.

    Meine Vermutung und Befürchtung ist eine andere:
    Da gibt's bereits/noch immer/schon wieder genügend Gewinnler der Krise, dir sehr guten und rational nachvollziehbaren Grund zu haben, FDP zu wählen.

    "Die schützt meine Millarden!"

    Leopold R.
    28.09.2009 09:24

    Aber 14,8%? das sind ein paar Millionen Menschen...soviele sollen ihrer Meinung nach an der Krise gewonnen haben?

    3ch0
    28.09.2009 10:39

    Bei guten Investitionen (Freibier, Polonäse,?) bedeutet Geld Stimmen...

    Ehemaliger ösi
    28.09.2009 09:15
    Ihre Vermutung ist richtig...

    ...nur warum soll es eine Befürchtung sein ?
    Es gibt in der Tat ein ganze Reihe von Leuten, auch in der Mittelschicht, die keine Modernisierungsverlierer sind.
    Und die hatten sehr wohl gute Gründe, FDP zu wählen.
    Die wenigen Superreichen allein könnens auf keinen Fall gewesen sein. Die wurden eh schon ins Ausland vertrieben.

    Christian S
    28.09.2009 01:56
    FDP wurde von vielen CDU-Sympathisanten gewählt, die

    aber eine schwarz-gelbe Koalition anstelle der rot-schwarzen haben wollten.
    Diese taktische Ausgangssituation hat der FDP sehr geholfen; man sieht es eindrucksvoll am Stimmen-Splitting.
    Damit erklärt sich einiges vom FDP-Erfolg.

    jack johnson
     
    28.09.2009 11:53
    Danke!

    Dieses herumideologisieren hier ist ja unnötig.

    Die Deutschen hatten zwei Optionen: Schwarz-gelb oder Schwarz-rot. und sie haben sich entschieden.

    Lang Zu
    28.09.2009 15:51
    ... und sie haben sich entschieden.

    Diese Dummies werden sich nach der Wahl erheblich wärmer anziehen müssen. In Verbindung mit Gelb kann Merkel endlich die Sau raus lassen.

    Was schlimmeres als Schwarz/Gelb gibt es für Deutschland nicht!

    byron sully
    28.09.2009 01:50
    wenn die fdp

    aufgrund ihres einstehens für bürgerrechte und privatsphäre gewählt wurde, würde ich mich sehr freuen. sollte sie aufgrund ihrer wirtschaftspolitischen vorstellungen gewählt worden sein, fände ich es sehr traurig.

    Tan S. Taafl
    28.09.2009 08:26
    Sie glauben also ....

    .... dass es Bürgerrechte und individuelle Freiheit geben kann, wenn die Staatsquoten bei 50% liegen, Staatsposten nach Parteibuchausstattung statt nach Kompetenz vergeben werden und die Hälfte der Bevölkerung staatliche Transfers bekommt, die zuvor der anderen Hälfte weggenommen werden?

    flotter denker
    28.09.2009 08:19
    Ich sehs genau umgekehrt

    piwizz
    27.09.2009 23:51
    ich kapiers auch nicht - die fdp als wahlsieger

    ?????????????????????????????
    ????????????
    ??

    flotter denker
    28.09.2009 08:19
    Die Leut sind halt schlauer, als Du denkst.

    Dormouse
    28.09.2009 13:11

    das wird erst die zukunft zeigen...

    Leopold R.
    28.09.2009 09:26

    oder dümmer. Jenes Denkschema, das gerade mit Vollgas an die Wand gefahren wurde, zu stärken, das hat schon was Groteskes an sich.

    3ch0
    28.09.2009 11:05
    Welches andere Denkschema wäre denn im Groben noch zu wählen gewesen?

    Urlaub für Alle? Nieder mit Hartz? Weg mit Atomkraft? Heil Dingsbums?

    Die Leute sind.. sind einfach. Lasst ihnen doch das Wahlvergnügen ("ui! soviel bunte Farben, kann mich gar nicht entscheiden...")

    Die Elite ist sowieso farblos. Und neoliberalistisch.
    so what?


    Tan S. Taafl
    27.09.2009 21:21
    Das Beispiel der FDP zeigt auch ...

    ... dass es nicht Ziel einer liberalen Partei sein kann, sich als Abteilung der Sozialdemokratie zu positionieren so wie das hierzulande versucht wurde. Aber das lag wohl daran, dass keine der involvierten Personen (Schmidt und ihren Freunde aus der Partei der nationalen Sozialisten, der von Staatsaufträgen lebende Haselsteiner, der Lobbyist Zach und seit kurzem der Ex-Trotzkist Pohoryles) einen liberalen Background hatten.

    Leopold R.
    28.09.2009 09:27

    In Ö gibt's keine liberalen - will man hier was reissen, dann muss man mit Christian Konrad und Erwin Pröll wallfahrten gehen.

    max mayer
    27.09.2009 21:06

    "doch nicht eine einzige Schaufensterscheibe eines Bankhauses ist in Deutschland zu Bruch gegangen."

    Das ist ja fast ein Aufruf!

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    Posting 1 bis 25 von 56
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