Das Ende einer "Volkspartei"

27. September 2009, 16:11

Die Sozialdemokratie hat sich selbst verloren - dass die Wähler auf den Fuß folgen, kann man ihnen nicht vorwerfen

Für die österreichische Sozialdemokratie müsste die Wirtschaftskrise eigentlich der größte anzunehmende Glücksfall sein. Plötzlich darf ungehemmt über gierige Kapitalisten geschimpft werden, selbst altbewährte Neoliberale nehmen Worte wie „Solidarität" und „Verstaatlichung" in den Mund. Der Sozialstaat muss plötzlich zeigen, was er kann - auch zu Gunsten von Menschen, die ihm vor nicht allzu langer Zeit noch nichts abgewinnen konnten. Der verunsicherte Bürger will, dass sich jemand um ihn und seine gefährdete Existenz kümmert. Eine große Krise würde Raum für große soziale Ideen bieten - wenn es sie denn gäbe.

Stattdessen sitzt die SPÖ vor HC Straches FPÖ wie das Kaninchen vor der Schlange und versucht, einen Spagat zwischen rechtem Populismus und Sozialdemokratie zu schaffen, quasi ein Gesamtpaket für alle vom Ausländerfeind bis zum linken Jungrevoluzzer zu bieten. Dass sie damit scheitert, ist nicht wirklich überraschend. Dass sie ihre Fehler nicht und nicht einsehen will, schon eher. Wie viele Wahlen muss eine Partei verlieren, wie viele Wähler vergraulen, bis sie innehält und umdenkt? Und nein, Umdenken bedeutet nicht, die an die Blauen verlorenen Wähler mit einem neuen „Integrationsprogramm" zu locken.

Die Konsequenz der Verblendung: Gerade in einer Phase, die linken Ideen genug Aufwind bieten sollte, schlittert die SPÖ in die wohl größte Krise seit Existenz der Partei. Wobei das Wort "schlittern" die Eigenart der Bewegung eigentlich nicht treffend wiedergibt - in Wahrheit marschiert man mehr oder weniger geschlossen auf den dauerhaften Bedeutungsverlust zu. Jede neue verlorene Wahl wird kleingeredet und schnell hinter sich gelassen, jeder Rückschlag ins Positive umgedeutet.
Dabei ist eines nicht zu übersehen: Die SPÖ verliert entweder ihre Stammwähler (an die FPÖ) oder kann sie nicht motivieren, sich zur Wahlurne zu bewegen. Zugleich gelingt es ihr nicht, neue Wählerschichten anzusprechen. Wie auch? Keine Linie, keine Lösungen, keine Überzeugungen - wer so agiert, wird nicht gewählt.

Das Dilemma der Sozialdemokratie ist eine Kombination aus Bewegungslosigkeit und leichtfertiger Aufgabe von Prinzipien.
Unbeweglichkeit in den Bereichen, in denen Unbeweglichkeit tödlich ist - nämlich da, wo es gilt, Veränderungen im Gesellschaftsgefüge widerzuspiegeln. Und ein Einknicken da, wo sozialdemokratische Werte Beständigkeit brauchen würden - nämlich beim konsequenten Eintreten für die sozial schwachen, unterdrückten und armen Menschen, die eine Lobby wirklich brauchen würden.
Dass die Wähler diese Profillosigkeit nicht goutieren, kann man ihnen nicht vorwerfen. Sie zurückzuholen wird beinharte Arbeit, und mit schönen Worten wird es nicht getan sein. Jeder einzelne Funktionär, jedes kleine Rädchen der Partei muss hinausgehen und mit "den Menschen" sprechen, wie es immer so vollmundig angekündigt wird. Jeder einzelne kleine Bezirksrat und jeder sozialistische Gewerkschafter muss sich wohl oder übel anhören, was die Wähler wollen und dann nach Lösungen suchen - und zwar nicht ein paar Wochen vor der Wahl sondern täglich. Das ist unangenehm, unbequem, vielleicht demütigend und sicher eine schweißtreibende Angelegenheit. Aber es ist die letzte Chance, den Sturzflug aufzuhalten.

Nach dem heutigen desaströsen Ergebnis der Sozialdemokratie werden Köpfe in der SPÖ rollen müssen. Aber das alleine ändert gar nichts, ist nicht viel mehr als eine optische Korrektur. Auch am Parteichef wird Kritik laut werden, und das nicht zu Unrecht. Und doch: Selbst wenn man Werner Faymanns profillosem Konsenskurs nur wenig abgewinnen kann, muss man zugeben: Er ist nicht die Krankheit, sondern das Symptom. Er ist der Parteichef einer Partei, die sich selbst verloren hat - und die keine Anstalten macht, auf die Suche zu gehen. Wenn sie es jetzt nicht tut, werden wir uns in ein paar Jahren an die Zeit erinnern, in der die Weichen für das Ende einer „Volkspartei" gestellt wurden. (Anita Zielina, derStandard.at, 27.9.2009)

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00
10.10.2009, 14:32
nächster schritt

häupl wird wieder die absolute einfahren und die spö denken, es sei eh alles in ordnung

Johnny Brainstorm
00
29.9.2009, 11:33

Wahre Worte...

pace e bene
00
28.9.2009, 18:40
Sozialdemokratie und Gerechtigkeit

Soweit ich mich erinnern kann hat die Sozialdemokratie irgendwie etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Die Geschichte der Sozialdemokratie zeigt das. Hat sich in den letzten 20 Jahr da vielleicht etwas geändert?
Neoliberal und sozial - geht das zusammen?
Christlich sozial und neoliberal - geht das zusammen. Politik neu denken ist angesagt. Bei aller Parteikritik - seinen wir dankbar für unsere Demokratie und dafür, dass wir wählen können.

peterkbm
02
28.9.2009, 18:36
Seltsame Ansichten und Vergleiche der Autorin

Ich sehe einen Kuschelkurs mit der ÖVP aber nicht mit der FPÖ (bzw. deren Wähler). Außerdem, wer von einer Mitte-Links Partei zu einer äußerst rechten wechselt, dem sollte Verwirrung attestiert werden. Die Parteien bieten, im Gegensatz zu von Regimen regierten Staaten, dem Wähler Programme ja nur an. Die Autorin beschreibt hier mehr eine Anleitung was der Bürger zu tun und glauben hat, wie es die ÖVP praktiziert. Dann klingt hier noch heraus, dass die Schwarzen und Blauen alles richtig und toll machen, nur weil sie die letzten Landeswahlen "gewonnen" haben. Ich bin selbst zwar kein Roter, aber ich habe das Gefühl, die Sozis bekommen für alles den "Schwarzen Peter" zu geschanzt, wie die FPÖ damals in der schwarz-blauen Regierung.

Johnny Brainstorm
11
29.9.2009, 11:37

Was reden Sie für einen Unsinn... Hier wird lediglich zusammengefasst, was die SPÖ falsch macht und das wissen wir auch alle.

Das heißt nciht, dass es die ÖVP und die FPÖ von der Sozialdemokratischen Warte her richtig machen, aber was diese ohne Zweifel richtig machen, ist Wähler zu ködern...

Die Autorin spricht auch nirgendwo von einer Anbiederung an die FPÖ... Nein, es geht um eine Anbiederung an die FPÖ Politik.
Der Fehler, der gravierendste Fehler, den die SPÖ hier macht ist der, dass, anstatt eigene, bessere Lösungen zu bieten, um die Wähler zurückzuholen, die Politk von der Partei nachgeahmt wird, zu der die Wähler abwandern.

Klara Hellsicht
01
29.9.2009, 09:58
Populismus ist farbenblind!

Die SPÖ ist die alte ausgediente Populistenpartei, die früher mit schönen Versprechungen und unbezahlbaren Geschenken die geiz-ist-geil-Bevölkerung angezogen hat.

Nun gibts halt einen neuen Populisten, der neue Versprechungen macht... Der materialistischen geiz-ist-geil-Gesellschaft sind die Farben wurscht. Ihnen gehts nur um Geschenke!

Daß der neue Populist potentiell gefährlicher ist, ist den heute jungen leider, aber doch verständlicherweise wurscht: Pensionen so unsicher wie noch nie, Gesundheitssystem marod, jegliche Reformversuche wurden stets gedämpft, erstickt!

M K
 
00
28.9.2009, 18:30
Klar und deutlich

Dieser klarsichtigen und deutlichen Bestandsaufnahme ist wenig hinzuzufügen.
Das Ende der SPÖ ist in Denknähe gerückt. Noch ein paar Jahre ohne Änderungen und das Weiterführen der Erstarrung in überholten Mustern, und das Ende ist in reale Nähe gerückt.
Was der Beitrag allerdings verschweigt: Ohne neue Personen geht es nicht. Und da ist nicht Faymann das einzige, ja nicht einmal das größte Problem!
Wer kennt einen roten Minister oder eine rote Ministerin, deren Ausscheiden aus der Regierung zu bedauern wäre? Der/die hätte mir etwas voraus.

clementinchen
00
28.9.2009, 17:40
zirkuspolitik

die krise ist keine chance für die spö sondern für die övp. wenn im zirkus einem drahtseilartisten das seil reißt und er im netz landet wird er sagen: "gut dass das netz da war, aber jetzt brauch ich jemanden der mir ein neues seil verkauft".

gaisbock
00
28.9.2009, 18:11
und die övpler sind einfach die besseren seilverkäufer, da hab`ns recht

Maxtax
20
28.9.2009, 17:14
schlechter Kommentar

aber für die rosa Community reicht's schon

Rote bashen, Grüne ignorieren, vor den Schwarzen kuschen und sich heimlich den HaChe wünschen ...

Yes I can!
20
28.9.2009, 17:03
spö verzockt genauso gerne geld wie alle anderen

die "krise" ist nicht das argument für die spö. denn spö-nahe manager und politiker fallen wie alle anderen auf leere versprechungen und gewinnprognosen herein, siehe die abenteuer der frau schmied. sie entlässt genauso mitarbeiter, um sich zu konsolidieren, siehe frau ederer bei siemens.

das haben die leute auch begriffen.

krawuzl
12
28.9.2009, 16:54
Beobachtung

Ich will der SPÖ keine guten Ratschläge geben. Das tun ohnehin schon sehr viele. Ich will nur eine Beobachtung vom Wahlabend (vor dem TV-Gerät sitzend) wiedergeben und hoffe für die SPÖ, ohne Mitglied zu sein, dass ich mich täusche: Die Wiedergabe aus der ÖVP-Wahlkampfzentrale zeigte nicht nur aber auch sehr viele junge Menschen, fast schon meine Enkelgeneration. Aus der SPÖ-Zentrale kamen praktisch ausschließlich Bilder mit gesetzten Damen und Herren, ich würde sagen Mindestalter 35-40. Meine Nachfrage bei KollegInnen ergab, dass ich mich wahrscheinlich nicht getäuscht habe.
Das ist kein Zukunftsszenario, sondern entweder Inzucht oder Endzeit. Und ich bin, wie schon erwähnt, nicht wirklich jung.

Laborchef Dr. Klenk
12
28.9.2009, 16:42
Das *Ende* einer Volkspartei ??


Nachdem ich gestern den Cap beim runden Tisch gesehen habe, würde ich das als Verwesung bezeichnen.

Dieser Auftritt war an hilflosem, dummschwätzigem, hohlphrasendreschendem und in jeglicher Hinsicht peinlichem Elend nicht zu überbieten. Da machte sich irgendwie Verwesungsgeruch breit ...

M K
 
00
28.9.2009, 18:31

Hab´s nicht gesehen (meine masochistischen Neigungen nehmen ab), kann mir aber sehr gut vorstellen, dass Sie Recht haben.

Claidheamh Mòr
01
28.9.2009, 17:16
das Capperl

war vor 30 Jahren auch nicht anders.

Werner J. Haider
15
28.9.2009, 16:21
Strukturanpassung

Mir fiel als Student auf, dass die wichtigste Voraussetzung für SPÖ-Jungpolitiker der unbedingte Gehorsam gegenüber den Alten ist. Leider verstärkt sich das mit zunehmenden Dienstjahren und produziert Parteisoldaten, die, ähnlich vieler Muslime, in ghettoisierten Parallelgesellschaften arbeiten, heiraten und auf Beförderungen hoffen. Wenn sich die wirtschaftl Rahmenbedingungen zu schnell ändern, ist ein derartig starrer Apparat politisch handlungsunfähig.
War einmal bei der VSSTÖ. Hab dort keine Querdenker oder Visionäre getroffen. Dafür viele Söhne und Nichten von Abgeordneten und Karrieristen. Ich passe nicht in deren Anforderungsprofil, weil zu frech. Dabei wäre ein wenig Frechheit dann und wann ganz hilfreich.

Independent Living
00
28.9.2009, 17:52
Öllinger und Pilz von den Grünen

ist in den 70-er Jahren Ähnliches passsiert.
Aber so kraß wie in den letzten Jahren, siehe Blaha, war es damals nicht.

Mr. Spock
20
28.9.2009, 16:17

guter Kommentar!

meno heiki
02
28.9.2009, 15:39
politisch denken

die SPö sollte wieder politisch zu denken lernen, der letzte SPÖler, der politisch denken konnte, war Kreisky. In den letzten 10 Jahren hat die SPÖ alles versucht: Spin Doktoren, Kommunikation nach außen, nur eines nicht: poltisch denken. So hat die SPÖ nur mehr Verpackung und keinen Inhalt.

vi-de dot com
 
21
28.9.2009, 14:57
die österreichische Politik hängt nicht von den Parteien ab

sondern von der Kronenzeitung.

Grob geschätzt wählen

Kronenzeitungsleser x 0.75 genau das was ihnen die Kronenzeitung nahe legt ... und das sind viele Menschen.

Phosphoenolpyruvat
02
28.9.2009, 14:50
Richtig. Die ...

... Sozialdemokraten müssen wieder lernen, mit den Leuten zu reden, sich ihre (kleinen?) Sorgen und Nöte anzuhören. Sie müssen bei ihnen sein und nicht nur ein paar Wochen vor der Wahl.
Diese kleinen Leute wissen doch sehr wohl, dass selbst die SP in diesem veränderten globalisierten Gefüge nicht viel ändern kann, aber man muss ihnen das Gefühl geben, sie anzuhören.
Das ist ein Kernpunkt sozialdemokratischer Basispolitik.
Dazu muss man, wie Kreisky einst sagte, die Menschen allerdings mögen ...

Happel, Ernst
01
28.9.2009, 14:46
Das Problem ist der Parteivorstand

in der Basis gibt es viele die noch die wahren sozialdemokratischen Werte vertreten. Nur in der Spitze sind die nicht mehr vorhanden. Solange es nicht wirklich rumpelt in der SPÖ werden weiterhin Leute wie Faymann das Auslangen finden. Möglichst nicht anecken, alle lieb haben, die "Mitte" suchen. Wohin dieses tolle Konzept führt sieht man, in die Mitte der Bedeutungslosigkeit. Wann kapieren auch politische Kommentatoren, das sich die Leute gern knackige und kernige Aussagen wünschen und wissen wollen woran sie ungefähr sind.

Das die Sozialdemokraten europaweit verlieren, liegt nicht daran das die Neoliberalen die Krise verursacht haben, sondern die Sozialdemokraten zugeschaut oder teilweise (Schröder) sogar mitgemacht haben.

yomo
02
28.9.2009, 13:57

mittelgute analyse.

herr haider verkörpert doch das ideal, das frau z. beschreibt - redet mit dem kleinen mann, spricht seine sprache, poltert, ist ein populist, hat klare forderungen, ist politisch links, sprich: all das, dessen abwesenheit faymann mit einem lächeln überspielen will. haider ist der ideale sozialdemokrat (nach z.), der hat seine kilometer auf den straßen abgespult, face to face mit echten menschen mit wirklichen problemen.

nur hat es trotzdem nix gebracht.

Independent Living
00
28.9.2009, 17:54
Authentisch?

nie und nimmer!

castor&pollux
10
28.9.2009, 14:50
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