Ein Aufbruch ohne Abschluss

25. September 2009, 19:17
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    foto: corn

    ZUR PERSON: Der österreichische Schriftsteller, ("Opernball", "Phi Phi Island") ist seit 1996 Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.  Josef Haslinger: "Was die Menschen des Herbstes '89 erreicht haben, ist ein Gewinn an politischer Freiheit. Ein Gewinn an Sicherheit ist es nicht. Das hat der Wende den Glanz genommen."

Das Gewonnene ist verblasst. Das Verlorene schwelt als offene Wunde. Aber wer sagt denn, dass das, was im Herbst '89 begonnen wurde, schon zu Ende gebracht ist? Erinnerungen eines Teilzeit-Leipzigers - von Josef Haslinger

Dem Herbst '89 verdanke ich einen Verlust von Illusionen und ein seither nicht zum Stillstand gekommenes Grübeln darüber, was noch eine vertretbare Gesellschaftsperspektive sein könnte. Wie lassen sich persönliche Freiheit und soziale Verantwortung des Staates in ein gedeihliches Verhältnis zueinander bringen? Der Herbst '89, das war nicht einfach nur jener Prozess, der zur Erweiterung der Bundesrepublik durch neue Bundesländer führte. Die Wiedervereinigung war bloß der spezifisch deutsche Beitrag zu einer viel umfassenderen Bewegung, die 70 Jahre nach der Oktoberrevolution ein ganzes Gesellschaftssystem zum Einsturz gebracht hat.

Ganz konkret jedoch verdanke ich dem Herbst '89 einen Anruf aus Leipzig, der zu einer gründlichen Veränderung meines Lebens führen sollte. Von Wien kommend hatte ich das Glück, nicht so eindeutig als Proponent der neuen Invasionstruppen wahrgenommen zu werden wie meine westdeutschen Kollegen. Es ist keine Frage, dass bei der Neuverteilung der Möglichkeiten in diesem Land die ansässigen Menschen die Benachteiligten waren. Ich erlebe Leipzig, seit ich hier bin, als eine sich neu formierende Stadt. Die Veränderungen, die oft mit dem Verlust des Arbeitsplatzes und dem Zwang zu einer völligen Neuorientierung in den Lebensvorstellungen einhergingen, mögen für viele Alteingesessene mindestens genauso irritierend gewesen sein, wie in den Fünfzigerjahren für die Bauern der Druck, sich einer LPG anzuschließen.

Für mich hat es von Anfang an etwas Aufregendes gehabt, einer historischen Umbruchsituation beizuwohnen, zusehen zu können, wie eine ganze Innenstadt neu gestaltet wird. Auch wenn zwischendurch immer wieder der politische Mut und die ökonomische Kapazität eingebrochen sind, sodass das Gesamtgebilde nicht einem genialen Wurf gleicht, sondern einem Sammelsurium, in dem sich alte und neue Irrtümer inmitten von alter und neuer Protzigkeit eingenistet haben. Was bislang fehlt, ist die Gelassenheit. Der Wunsch, die DDR zum Verschwinden zu bringen, ist zu einer Zwangsneurose geworden. An den Veränderungen im Stadtbild ist das ablesbar. Die nicht gerade abwechslungsreiche DDR-Architektur wird durch eine Glasarchitektur ersetzt, die längst zum Markenzeichen der neuen Einfallslosigkeit geworden ist.

Als ich in den Achtzigerjahren vom DDR-Schriftstellerverband das erste Mal durch den Arbeiter- und Bauernstaat kutschiert wurde, war mir schleierhaft, warum die mir zugeteilten Begleiter in der Stadt Leipzig so ins Schwärmen gerieten. Während auf der Gesprächsebene historische Namen wie Liebknecht, Goethe, Leibniz, Bach und Mendelssohn wie Glanzstücke herumgereicht wurden, waren in der augenscheinlichen Wirklichkeit nur zerbröckelnde alte Häuser und Plattenbauten zu sehen. Für meinen zugegebenermaßen oberflächlichen Blick von außen, der das spannungsreiche Geistesleben der Stadt nicht kannte, ragte einzig Kurt Masurs neues Gewandhaus in seiner eigenwilligen Form aus dem tristen Anblick heraus.

Ernst Schwarz, der Mann, dem ich meine damalige Lesereise zu verdanken hatte, war, so stellte sich später heraus, um meine Zukunft besorgt. Er stand im Dienste von Markus Wolf. Naiv, wie ich damals war, naturgemäß ohne mich für naiv zu halten, muss ich mich fragen, welcher Art meine Beziehungen zu diesem Land heute wären, wenn es die Wende nicht gegeben hätte.

Nachdem ich im Sommer 1989 aus den USA zurückgekommen war, machte ich mich daran, eine Ausgabe der Zeitschrift wespennest über die neuesten Entwicklungen der DDR-Literatur zusammenzustellen. Zu diesem Zwecke traf ich einen mittlerweile im Westen lebenden Dichter vom Prenzlauer Berg, der mir den blassen 5. Durchschlag einer Samistad-Ausgabe von neuer Lyrik überreichte. Ich hatte damals in den USA gerade begonnen, mich mit Computern zu beschäftigen, umso kostbarer wirkten diese dünnen, fast durchsichtigen Blätter, auf denen manche Buchstaben deutlich lesbar, andere nur erahnbar waren. Die wespennest-Anthologie kam nicht zustande, sie wurde von den politischen Ereignissen des Herbstes '89 überrollt. Aber der Mann, der mir damals so sympathisch wie hilfreich war, sollte bald von Wolf Biermann einen Beinamen bekommen, den er nie wieder richtig los wurde. Biermann nannte ihn Sascha "Arschloch" Anderson. Er war ein Stasi-Spitzel.

Wenn ich heute meine damaligen Kontakte zu den Menschen der DDR überblicke, dann muss ich mir eingestehen, dass es mir nur ganz selten gelang, die politisch gesteuerte Ebene der Begegnungen zu verlassen. Für jemanden, der mit dem Spitzelsystem leben gelernt hat, sieht die Sache sicher anders aus als für jemanden, der sich der Totalität dieses Systems erst im Nachhinein bewusst wurde. Ein in der DDR nicht unbedeutender Dichter sagte neulich zu mir: Weißt du, Kollege, das mit der Stasi ist so eine Sache. Wenn über einen Bericht erstattet wurde, war man sicher blöd dran. Aber noch blöder dran war man, wenn kein Bericht erstattet wurde.

Vielleicht kann man das als Beteiligter so sehen, und der Kollege ist aus dem Schneider, denn er hat das Glück, dass über ihn eine Stasi-Akte existiert. Ich wollte ihm schon nahelegen, sich bei denen, die diese Akte angelegt haben, zu bedanken.

Was die Menschen des Herbstes '89 erreicht haben, ist ein Gewinn an politischer Freiheit. Ein Gewinn an Sicherheit ist es nicht. So wie man die politische Freiheit zu schätzen lernt, wenn man sie nicht hat, so mag es auch mit der sozialen Sicherheit sein. Und das hat der Wende den Glanz genommen. Das Gewonnene ist verblasst, das Verlorene schwelt als offene Wunde. Aber wer sagt denn, dass das, was im Herbst '89 begonnen wurde, schon zu Ende gebracht ist? Die Menschen am gesellschaftlichen Reichtum zu beteiligen und ihnen Schutz zu bieten, ohne sie politisch zu gängeln, das wäre doch noch eine Perspektive, ein würdiger Abschluss für jenen Aufbruch, der im Herbst '89 mit fast spielerischer Leichtigkeit den linken Totalitarismus kippte. (Josef Haslinger, DER STANDARD/Printausgabe 26.9./27.9.2009)


    Robert Stanggeler
    00
    27.9.2009, 06:27
    Die Erde ist eine Scheibe und Haslinger ist ihr Prophet

    "Die Menschen am gesellschaftlichen Reichtum zu beteiligen"
    Kleines Problem: Gesellschaftlicher Reichtum entsteht nur durch Privateigentum an den Produktionsmitteln und er verschwindet sofort wieder bei deren Vergesellschaftung! Das wurde nun wirklich intensivst durchprobiert!

    chiwato
    00
    27.9.2009, 12:38
    verzeihung,

    fehler.

    es muß heißen: privater reichtum entsteht nur durch privateigentum an den produktionsmitteln.

    die gier einzelner führt nicht zum wohlstand der gesellschaft. das wurde nun wirklich und blah, blah...

    Außerirdischer
    00
    26.9.2009, 12:17
    War hier und habe den Artikel gelesen!

    Andronikos
    00
    26.9.2009, 18:43
    Erinnert mich an eine neue Radiowerbung.


    Warum sagst du mir das?

    Ja, weils nix kostet!

    omar chamra
    01
    26.9.2009, 07:21
    Manche tun so, als ob die Probleme der Länder des ehemaligen "realen Sozialismus"

    erst nach der Wende begonnen haben. In Wirklichkeit
    war alles schon da, nur dass die meisten westlichen Journalisten nichts davon bemerkt haben.
    Neonazis gab es bereits in der DDR und die wurden in der Regel durch die Staatsmacht geduldet. Als die Oppositionellen sich in der Berliner Zionskirche sammelten, ließ die Stasi die Neonaziprügelgarde in die Kirche.
    Diskriminierung von Zigeunern in Ungarn und noch brutaler in Rumänien gab es bereits vor der Wende
    usw.

    lessismore
    00
    25.9.2009, 22:56

    Ich dachte damals: "Wir werden sehen. Wenn der Sozialismus noch einmal zurückkommt, dann ist er wahr."

    heiliger strohsack!
    00
    25.9.2009, 22:50
    ... und?

    passante
     
    10
    25.9.2009, 20:19
    Herr Haslinger,

    Freiheit und Sicherheit sind ein gegensätzliches Paar.

    Sie könnten ja mal zur Abwechslung ihre "kuenstlerische" Freiheit aufgeben und auf Nummer Sicher einen Weltbestseller veröffentlichen.
    Oder doch lieber auf die Sicherheit verzichten ?

    Ich bin schon absolut zufrieden mit meiner relativen Sicherheit und meiner relativen Freiheit.


    mfg
    Passante, ihr Strich der Kreis vorbeigeht

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