Wissenschaft im Osten

Wendehälse und blaue Listen

25. September 2009, 18:20
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    foto: corn

    Der Historiker Mitchell Ash beschäftigt sich seit den 1990er-Jahren mit der deutsch-deutschen Wissenschaftsgeschichte.

Der Historiker Mitchell Ash untersucht am Beispiel der DDR, wie man nach 1989 die Forschung abwickelte, und zieht eine zwiespältige Bilanz

Wien - Angela Merkel war eine von ihnen, Tom Rapoport ein anderer. Wie insgesamt rund 32.000 andere Forscher arbeiteten die beiden in den 1980er-Jahren an Instituten der Akademie der Wissenschaften der DDR. Rapoport war am Zentralinstitut für Molekularbiologie, die Diplom-Physikerin Merkel am Zentralinstitut für Physikalische Chemie tätig, wo sie 1986 auch promovierte.

Was nach 1989 aus Angela Merkel wurde, weiß man. Weniger bekannt ist, wie es 1989 mit Tom Rapoport weiterging. Und was geschah eigentlich mit den Instituten der ostdeutschen Akademie der Wissenschaften? Sie wurden, so wie es der Einigungsvertrag vorsah, Ende 1991 völlig aufgelöst. Zum Teil wurden sie in Trägerschaft anderer Organisationen wie der Max-Planck-Gesellschaft überführt oder unter neuem Namen wiedergegründet - sowie wie das Zentralinstitut für Molekularbiologie, aus dem das Max-Delbrück-Center entstand. Tom Rapoport forschte dort bis 1995, ehe er als Professor für Zellbiologie an die Harvard-Universität in die USA wechselte. Das machte seine Karriere zu einer der nicht allzu häufigen Erfolgsgeschichten, die man gerne über das Schicksal von DDR-Wissenschaftern nach 1989 erzählte.

Mitchell Ash, Professor für neuere Geschichte an der Uni Wien, hält von dem Beispiel nicht allzu viel: zum einen, weil Rapoport eben eher die Ausnahme von der Regel darstellt, zum anderen ist Ash angesichts zehntausender betroffener Wissenschafter grundsätzlich eher an strukturellen Fragen interessiert, wenn es um die ostdeutsche Forschung vor und nach 1989 geht: Welche Disziplinen und Forschungsinstitutionen waren am stärksten vom politischen Umbruch und der "Abwicklung" begriffen? Welche Bereiche der Wissenschaft blieben auf der Strecke? Lässt sich dieser Wissenschaftswandel mit jenem nach 1945 vergleichen?

Der aus den USA stammende Wissenschaftshistoriker forscht seit den 1990er-Jahren über das (forschungs-)politisch brisante Thema. Erst kürzlich war er wieder in Berlin, um im Bundesarchiv Akten zur Ent- und Abwicklung der DDR-Wissenschaft zu studieren. Das Erstaunliche: "Die ostdeutschen Dokumente aus der Zeit kurz vor 1989 sind viel besser zugänglich als die westdeutschen" , so Ash.

Apropos: "Verwestdeutschung" , das sei das Schlüsselwort für das Schicksal der DDR-Wissenschaft nach 1989. Es gelte freilich nicht für alle Bereiche gleichermaßen: "Nach Disziplinen betrachtet, waren - wie nicht weiter verwunderlich - die politiknahen Fächer wie die Philosophie, die Geschichtswissenschaft oder die Jurisdiktion am stärksten betroffen." In diesen Bereichen wurden ganze Institute geschlossen und/oder mit Personal aus dem Westen besetzt. "Es gab auch Ausnahmen" , so Ash: "Geisteswissenschaften wie etwa die Germanistik oder die Afrikanistik waren kaum betroffen." Auf der Ebene der Universitätsstrukturen hingegen sei es nach 1989 zu einer vollständigen "Verwestlichung" gekommen: Der in der DDR starke Mittelbau wurde geschwächt, und die Mitarbeiter auf den unteren Hierarchieebenen erhielten nur mehr zeitlich begrenzte Dienstverträge.

Veraltete Strukturen

Und da gibt es ein weiteres Paradoxon: Die Übertragung der westdeutschen Uni-Strukturen ließ für einige Jahre vergessen, dass diese Strukturen selbst längst veraltet und reformbedürftig waren.

Die deutsch-deutsche Einigung führte laut Ash aber gerade auch in den neuen Bundesländern zu institutionellen Innovationen im Gefolge der Wende. "Vor allem aus den aufgelassenen Akademie-Instituten sind viele auch strukturell innovative Einrichtungen hervorgegangen: besonders die sogenannten Blaue-Liste-Institute, die in der Leibniz-Gesellschaft zusammengefasst sind."

Auf rein personeller Ebene fällt die Bilanz allerdings bitter aus. Allein von den Forschern an den vormaligen Akademie-Instituten verloren mehr als 10.000 ihren Job. An den vormaligen DDR-Unis blieben noch mehr Doktoren und Dozenten, die vielfach wissenschaftlich positiv evaluiert worden waren, auf der Strecke: "Viele von ihnen gingen mit gerade einmal 50 in den Vorruhestand oder die schlecht bezahlte Pension" , so Ash. "Viele davon zogen sich in Bitterkeit und die innere Emigration zurück. Allzu viel Reflexivität - wie sonst unter Wissenschaftern nach politischen Strukturbrüchen üblich - kam jedenfalls nicht auf" , sagt Ash im Vergleich etwa zur Situation nach 1945. Angesichts der Dimensionen des wissenschaftlichen Aderlasses mag die kollektive Verbitterung freilich auch ihre Gründe haben. Schließlich verloren ja nicht nur tausende Akademie-Forscher und noch mehr Uni-Angehörige ihre Jobs, sondern noch mehr Fachkräfte, die im F&E-Bereich der Industrie tätig waren.

Deutschland müsse ziemlich reich sein, meinte der Berliner Historiker und Journalist Götz Aly in diesem Zusammenhang einmal sarkastisch, um sich den Verzicht auf all diese DDR-Wissenschafter leisten zu können. Dieser Einschätzung kann auch Ash einiges abgewinnen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27. 9. 2009)

pike bishop
02
27.9.2009, 18:22

"Auf der Ebene der Universitätsstrukturen hingegen sei es nach 1989 zu einer vollständigen "Verwestlichung" gekommen: Der in der DDR starke Mittelbau wurde geschwächt, und die Mitarbeiter auf den unteren Hierarchieebenen erhielten nur mehr zeitlich begrenzte Dienstverträge"

Ersetzt man hier das Wort DDR duch Österreich dann sind wir bei unserer gloreichen Universitätsreform angekommen.

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