Das DDR-Theater als Erblast für das "Regie-Theater"
Berlin/Wien - Als im Herbst 1989 tausende bürgerrechtsbewegte Menschen auf die Straße gingen, um ihre Unzufriedenheit mit der sklerotischen Greisenherrschaft der SED zu bekunden, da zündeten nicht von ungefähr die Theater am schnellsten. "Die Unterhaltungskünstler der DDR" verabschiedeten geharnischte Resolutionen. Einzelne Theater hielten Versammlungen ab; laufende Probearbeiten wurden um Diskussionsrunden erweitert. Ganze Betriebsbelegschaften schlossen sich den Demonstrationen an.
Die ostdeutschen Theaterschaffenden, gewohnt, sich auf den untersten Kreisleitungsebenen mit dem Kunstdiktat bankrotter Staatssozialisten herumzuschlagen, sogen die neue Aufbruchsstimmung begierig in ihre Nüstern.
Ihre Standesvertreter waren es gewohnt gewesen, mit konfuzianischem Eifer über die Maßgaben der "Staatskunst" zu diskutieren. Wer Theater machte: Stücke schrieb oder inszenierte, wer spielte, ausstattete - der musste damit rechnen, kontrolliert und ideologisch reglementiert zu werden. Das System gestand seinen Künstlern Privilegien zu; im Gegenzug fühlten sich die Theaterschaffenden ihrerseits dazu verpflichtet, den Aufbau des "Sozialismus" beratend zu unterstützen.
Das DDR-Theater kann man sich daher getrost als ein nationales Consulting-Unternehmen vorstellen. Weil Bertolt Brecht seit den 1950er-Jahren als Praktiker zwar geachtet wurde, als Theatertheoretiker aber verpönt war, galt ein windschiefer, bürgerlich verrotteter Realismus als ästhetische Norm.
Wer darauf verzichtete, die vielfachen "Widersprüche" der Aufbauarbeit (fehlende Demokratie, Gängelung, schlechte Versorgung) als nicht so schlimm darzustellen, der galt, höflich gesprochen, als Außenseiter - oder war zumindest schwer vermittelbar. Spätere Weltkünstler wie Heiner Müller oder Einar Schleef wurden zeitweise mundtot gemacht. Manche Theatermacher wie Adolf Dresen, wie Jürgen Gosch oder der Brecht-Meisterschüler Peter Palitzsch zogen es ihrerseits vor, dem Arbeiter- und Bauernstaat freiwillig den Rücken zu kehren.
Es gehört daher zu den Pointen der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte, dass die formalen Errungenschaften bedeutender Ex-DDR-Künstler sich tief in die westliche Theaterlandschaft einprägten. Manche meinen sogar, das übel beleumundete "Regietheater" sei ein Abfallprodukt jener Republikflüchtlinge, die ihre Verschlüsselungstechniken auf kapitalistischen Bühnen weiter verfeinerten.
Spätestens in den 1980ern ersetzten die DDR-Bühnen dem Publikum jene Foren, auf denen öffentliche Kritik hätte geübt werden können. Assoziativer Anspielungsreichtum half mit, im Licht der Überwachungslampen den "Klartext" zu ersetzen. Jedes auf der Bühne gesprochene Wort besaß zweierlei Wertigkeit: Es sprach aus, was es sagte. Es reichte aber auch hinab in die Bezirke des Unausgesprochenen. Nach der "Wende" zerriss das dicht gewobene Netz der DDR-Theater ruhmlos. Es fehlte schlicht - am Geld. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 26.9./27.9.2009)