In Leipzig organisierte Christian Führer in der Nikolaikirche jene Montagsgebete, die das Ende der DDR einleiteten
Leipzig - Manchmal, wenn Christian Führer durch den Seitenausgang der Leipziger Nikolaikirche ins Freie tritt, hat er die Bilder von damals gleich wieder im Kopf. "Da standen sie, Tausende, alle mit Kerzen in den Händen" , sagt er und deutet auf jenen berühmten Platz, über den 20 Jahre danach Touristen schlendern, Eis essen oder die berühmte Kirche fotografieren. Dann hält er kurz inne und lächelt. Ohne den ehemaligen Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche wäre der Mauerfall undenkbar gewesen. Eine Figur der Zeitgeschichte ist er. Und dennoch: Nicht der 9. November war sein Tag, sondern der 9. Oktober, ein Montag.
Wie jeden Montag in den Jahren zuvor hatte Führer in seiner Kirche zum "Friedensgebet" gerufen. Jahre zuvor war das eine recht überschaubare Veranstaltung gewesen. "Doch dann, ab 1986 wurde das Brodeln in der DDR immer lauter" , erinnert er sich im Gespräch mit dem Standard . Nicht allein Christen kamen in seine Kirche, sondern immer mehr, die gegen Staat und Partei protestieren wollten, weil sie sie nicht ausreisen ließen.
1989 war sein montägliches Gebet bereits zu einer von der Staatssicherheit misstrauisch beäugten Großveranstaltung geworden. Die Zufahrtswege zur Kirche wurden blockiert, Autos nicht in die Leipziger Innenstadt gelassen. Trotzdem schlugen sich immer mehr Leute durch.
"Furchtbare Angst"
"Furchtbare Angst hatte ich am Morgen des 9. Oktober" , sagt Führer. Zwei Tage zuvor hatte die DDR ihren 40. Geburtstag gefeiert und die Staats- und Parteiführung wollte sich die Proteste nicht länger bieten lassen und hart durchgreifen. Ein Gerücht nach dem anderen jagte durch die Stadt: Die Krankenhäuser hätten ihre Blutkonserven aufgestockt, da mit vielen Schussverletzten zu rechnen sei. Schließlich hatten die Kommunisten ja auch in China Anfang Juni die Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz blutig erstickt. Aufzugeben, das Gebet abzusagen - das kommt für ihn jedoch nicht infrage. Also tritt er - wie jeden Montag - vor die Leute. Kirchenschiff wie Emporen sind überfüllt, junge Menschen sitzen auf dem Boden. Und Führer zitiert aus der Bergpredigt: "Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben."
Man merkt dem kleinen Mann, der stets mit Jeans und Jeansjacke auftritt, noch heute die Emotionen an. Die unendliche Erleichterung, dass die Menschen vor der Kirche ebenso wie die Kirchenbesucher Kerzen in den Händen halten. "Wer eine Kerze in der Hand hat, signalisiert: Ich habe keine Hand frei, um Steine zu werfen" , erklärt er. Dann geschieht das "Wunder" .
Nach dem Gebet öffnet Führer die Kirchentür. Menschen strömen aus der Kirche auf den ohnehin schon überfüllten Platz. "Seid friedlich, geht ruhig voran" , mahnt der Pfarrer noch. Die ersten setzen sich in Bewegung, gehen Richtung Leipziger Ringstraße, ziehen mit brennenden Kerzen an der Stasi-Zentrale vorbei. Insgesamt sind es 70.000 - die größte nichtgenehmigte Demonstration, die es je in der DDR gegeben hat.
Es bleibt friedlich, den ganzen Abend, die ganze Nacht lang, obwohl tausende Einsatzkräfte vor Ort sind. Sie hatten den Befehl, gegen gewaltsame Demonstranten rigoros vorzugehen. Auf die friedliche Masse waren sie nicht eingestellt. Für Pfarrer Führer ist klar: "Die DDR ist an diesem Abend nicht mehr die gleiche wie am Morgen." Exakt vier Wochen später fällt die Berliner Mauer. (bau/DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2009)