Zwei Berliner Bürgermeister vergleichen ihren Job in der geteilten und vereinten Stadt
Sie sind beide Sozialdemokraten. Sie wissen beide, was es heißt, Berlin zu regieren. Und dennoch gibt es wohl keine Bürgermeister, die die Politik in "ihrer" Stadt so unterschiedlich erlebten wie Walter Momper und Klaus Wowereit. Momper war 1989 Bürgermeister von (West-)Berlin, Wowereit regiert heute die wiedervereinigte deutsche Hauptstadt. der STANDARD bat sie zum gemeinsamen Gespräch.
STANDARD:: Herr Momper, tut Ihnen Kollege Wowereit leid? Er regiert eine arme Stadt. Sie aber konnten sich auf die Berlin-Zulage des Bundes verlassen.
Momper: Ohne die ging es nicht. In einer Stadt, die so weit entfernt von Westdeutschland und zudem noch ungesichert war, wanderten viele Schlüssel- und Zukunftsindustrien ab. Dafür waren die Subventionen eben nötig. Man darf nicht vergessen, dass gerade nach dem Mauerbau viele Leute und Firmen die Möbelwagen packten und nach Westdeutschland gingen."
STANDARD:: Herr Wowereit, Sie würden wahrscheinlich dennoch nicht tauschen wollen?
Wowereit: Der Mauerfall ist das Beste, was dieser Stadt passieren konnte. Aber natürlich hatten wir Schwierigkeiten, als Anfang der Neunzigerjahre viele industrielle Arbeitsplätze weggefallen sind - durch das Kollabieren der DDR-Kombinate und der hoch subventionierten, nicht konkurrenzfähigen Westberliner Wirtschaft. Das war ein riesiger Aderlass, und das aufzuholen ist ein langer Prozess. Der ist auch noch nicht abgeschlossen."
STANDARD:: Herr Momper, worin unterschied sich das Regieren?
Momper: Es gab neben den Zuständigkeiten für die S-Bahn bis zur Gaslaterne auch noch die internationale Ebene. Man hatte Kontakte zu den Westalliierten (USA, Frankreich, England, Anm.) und zur Sowjetbotschaft in Ostberlin sowie der SED-Führung in der DDR. Man musste auch permanent erklären, warum Politik in Berlin so läuft und nicht anders. Und mit der sowjetischen Seite überhaupt einen Kontakt zu haben, das war ja für andere deutsche Landespolitiker nicht üblich.
Wowereit: Heute ist Berlin dafür der einzige Ort in Deutschland, wo Ost und West von Anfang an zusammenleben mussten. Da prallten zwei Systeme aufeinander. Wir mussten ein Abgeordnetenhaus schaffen, ein Verkehrssystem, einen Wasserbetrieb. Leicht war das anfangs nicht, es gab auf beiden Seiten durchaus Unverständnis.
STANDARD:: Welche Erinnerung haben Sie an die Mauer?
Wowereit: Sie strahlte immer eine Bedrohung aus. Spätestens wenn man die Stadt verlassen wollte, wurde man damit konfrontiert - mit der eigenen Hilflosigkeit und mit der Willkür der Grenztruppen.
Momper: Sehr unschön war diese Situation des Eingemauert-Seins. Viele, die neu in die Stadt kamen, gingen bald wieder, weil sie einen Insel-Koller bekamen. Andererseits war Berlin zur Zeit der Teilung überschaubarer, es war ja nur halb so groß. Und in jeder Himmelsrichtung war Osten. Berlin war die einzige Großstadt mit Hauptstadt-Angebot, aber ohne Durchgangsverkehr.
STANDARD:: Wie verlief Ihr persönlicher 9. November 1989?
Wowereit: Ich war damals Stadtrat im Bezirk Tempelhof und zu Hause. Ein Nachbar rief an und sagte: "Mach mal den Fernseher an,die Mauer fällt." Ich dachte erst, das sei ein Scherz. Aber dann habe ich natürlich fasziniert vor dem Fernseher gesessen. Am 10. November fingen wir sofort an, die Begrüßung der DDR-Bürger zu organisieren.
Momper: Ich war bei einer Preisverleihung, als mich meine Mitarbeiter ins Büro riefen. Trotz aller Freude hatte ich schon einen Gedanken im Kopf: Wie transportiert man diese Menschenmassen zwischen Ost und West hin- und her? Also sagte ich im Fernsehen: Wir freuen uns, dass Sie zu uns kommen. Aber bitte lassen Sie Ihre Trabis zu Hause. Kommen Sie mit der U-Bahn und der S-Bahn. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2009)