Mauerfall

Er machte die Bilder, die alle sahen

25. September 2009, 17:30

Der TV-Journalist Siegbert Schefke schmuggelte die ersten TV-Bilder der Montagsdemonstrationen auf abenteuerliche Weise in den Westen - Dem STANDARD erzählte er seine Geschichte

Irgendwann einmal überriss sogar der Stasi-Oberkommandant, wie der Journalist Siegbert Schefke ihn an der Nase herumgeführt hatte. Das war aber erst im Frühjahr 1990, die Berliner Mauer war längst gefallen. Anfang Oktober 1989 war Schefke aus dem Fenster seiner Wohnung am Prenzlauer Berg gestiegen und über die Dächer geklettert, um den Stasi-Agenten vor seinem Haus zu entkommen. Er hatte ein paar Straßen weiter den Trabi eines Freundes genommen und war mit seinem Mitstreiter Aram Radomski nach Leipzig zu den Montagsdemonstrationen gefahren. „Wir wollten das filmen und das Band in den Westen schaffen. Damit alle sehen, was sich in der DDR abspielt", sagt Schefke heute zum STANDARD. Westjournalisten hatten nämlich keinen Zugang mehr zu Leipzig. 

Das war am 2. Oktober. „Das Regime wollte die Demonstrationen noch runterspielen und offiziell den Eindruck vermitteln, dass da sich nur ein paar Betrunkene trafen." Doch es waren gut 30.000 Menschen, „ganz und gar nicht besoffen". Schefke und Radomski gingen mit, trauten sich aber nicht, die Kamera, die sie vom Bürgerrechtler Roland Jahn erhalten hatten, auszupacken und einzuschalten. „Wir hatten Schiss." Die beiden Journalisten versuchten es eine Woche später, am 9. Oktober, noch einmal. Diesmal kletterten sie auf den Turm der Reformierten Kirche und filmten von dort die Demonstration. „Ich sah vom Turm aus vis-à-vis auf den Dächern Stasi-Agenten. Und sagte zu Aram: Wenn wir die sehen können, können die uns auch sehen." Als sie genug Material hatten, erkundete der Sohn des evangelischen Pfarrers die Lage. „Wir dachten, dass die Stasi vor der Kirche wartet." Da war aber niemand. Schefke und Radomski suchten mit dem brisanten Bildmaterial im Gepäck das Weite. Mit Spiegel-Redakteur Ulrich Schwarz war „ein vages Zeitfenster" für die Übergabe des Bandes vereinbart - in einem Hotel. In dessen Drehtür traf man sich schließlich. Schefke übergab das Band, „und Ulli steckte es in die Unterhose, obwohl er diplomatischen Status und nichts zu befürchten hatte". So kamen die ersten Aufnahmen von den Montagsdemonstrationen zum Fernsehsender ARD.

"Ich glaube Ihnen kein Wort"

„Wir hatten schon so genug von der Gängelung", resümiert Schefke. Und erzählt von Reisen nach Ungarn und ihrem traurigen Ende. „Als ich zurückkam, nahm man mir die dort gekauften Bücher weg." Schefke war, seit er ARD-Filme über Städtezerfall und Umweltverschmutzung in der DDR drehte, ein rotes Tuch für die Führung im Arbeiter- und Bauernstaat. Was ihn nicht daran hinderte, für die linksalternative taz zu schreiben. Sein Pseudonym: Sieglinde Schaf. Ab und zu lag dann ein Zettel im Briefkasten. „Der Oberstleutnant will Sie zum Verhör sehen." Einer der Stasi-Männer stellte dann Fragen, einer beobachtete den Journalisten, „und hinter einem Spiegel standen auch noch welche". Gegen Ende des Verhörs dann der zynische Kommentar des Gegenübers: „Ich glaube Ihnen kein Wort, aber Ihre Berichte sind rund." 

50 Jahre alt und Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk, ist Schefke heute ein Teil deutscher Geschichte. Dankbar ist er, dass es damals nicht so viele Sender wie heute gab. „So entgingen kaum jemandem unsere Bilder." Journalisten hätten daher 1989 auch „3000 Prozent mehr Macht gehabt als heute". Alle fünf Jahre erzählt er nun das Abenteuer von den ersten TV-Bildern der Montagsdemonstrationen. Manchmal ärgert er sich, dass damals „viele Journalisten aus Feigheit nichts machten", und wünscht sich, dass auch heute anderswo der Mut zum Durchbruch kommt. Aber das wäre eine neue Geschichte. (Peter Illetschko, DER STANDARD; Printausgabe, 26./27.9.2009)

Schlapsi
10
26.9.2009, 08:30

Heute würd ich dem Oberstleutnant, falls er noch mit seinem Atem die Luft verpestet, die Filmkasetten nicht in die Unterhose sondern in den A. stecken.

alla riscossa
00
27.9.2009, 13:43
ja heute, aber damals hättest ihn auch auf grundeis gehabt!

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