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25.09.2009 17:32

"Man muss aufhören, sich das schönzutrinken"
Sven Regener, Sänger von Element Of Crime, erzählt was ihm am Berlin der 1980er gefallen hat und warum er Mauernostalgie und Kriegsgeschichten ablehnt - 1 Foto

Standard: Sie sind geborener Bremer, wann kamen Sie nach Berlin?

Regener: Ich habe von 1985 bis 1997 in Kreuzberg gewohnt, vorher drei Jahre in Schöneberg. Wegen David Bowie und Iggy Pop bin ich da hingezogen - und weil ich da 'ne Wohnung gefunden habe. Ich war einer der wenigen, die ihre erste Wohnung nicht in Neukölln oder Moabit nehmen mussten.

Standard: Ihr 2001 erschienener Roman "Herr Lehmann" war ein Bestseller der Wende-Literatur. Parallel gab es die Ostalgie, die die Mauerzeit verklärte.

Regener: An der Mauer war nichts Gutes. Und aus dem Schlechten kommt nichts Gutes. Man muss aufhören, sich das schönzutrinken. Mit Nostalgie ist da nichts zu machen. Es war nicht gut, aber es war trotzdem lustig. Wir hatten Spaß, weil wir jung waren. Es war immer Party und immer Kunst.

Standard: Wissen Sie noch, wo Sie waren, als die Mauer fiel?

Regener: Im Madonna, einer Bar an der Ecke Wiener Straße / Ohlauer Straße in Kreuzberg.

Standard: 20 Jahre nach dem Mauerfall veröffentlicht "Der Spiegel" ein Sonderheft über die Generation Krise. Darin scheint das Krisenzentrum der Prenzlauer Berg zu sein. Ist der Bezirk ein Abbild Deutschlands?

Regener: Der Prenzlauer Berg ist das Arschloch von Deutschland! Da wird alles reinprojiziert! Da scheint die Sonne niemals! Krisenkinder - geschenkt! Schauen Sie sich das hier einmal genauer an, das ist eine Krise auf sehr hohem Niveau.

Standard: Wie sehr strapaziert das Mauerfalljubiläum nun den Autor Regener?

Regener: Ich habe wegen der Herr Lehmann-Sause in den letzten Monaten 15, 20 Anfragen bekommen. Diskussionsveranstaltungen, Doppelinterview mit einem von Rammstein über Rockmusiker in Ost, der ganze Kack. Wahnsinnig interessant - aber so sehr dann auch wieder nicht. Es ist ja alles erforscht und dokumentiert, wie das mit der Rockmusik in Ost- und Westberlin war. Da muss ich mich nicht auf meine alten Tage hinsetzen - das ist ja total peinlich. Und das wollte man ja nie sein. So ein Veteran. Die Hose hochkrempeln und zeigen: Hier ist mein Knieschuss von Stalingrad. Echt nicht. Wenn diese Typen ihre alten Kriegsgeschichten erzählen und sagen, die Jugend von heute sei total abgeschlafft. Genau wie die alten Kriegssäcke, als ich klein war. Das ist Scheiße. Das ist auch meine Kritik an so Büchern wie Verschwende deine Jugend (ein Buch über deutschen Punk der 1970er und 1980er, Anm.).

Standard: Aber für Nachgeborene ist es ja interessant zu lesen, was, sagen wir, der Peter Hein von Fehlfarben über diese Zeit erzählt.

Regener: Ach, der Peter Hein, der war ja die ganze Zeit leitender Angestellter bei Rank Xerox. Deshalb sind sie, glaub ich, damals nicht auf Tournee gegangen und haben sich getrennt. Ich hab ihn ja noch erlebt, als er mit der Band Family 5 hier rüberkam und in der Villa Kreuzberg am Wochenende den wilden Mann machte. Am Montag saß er dann wieder mit Vorzimmerdame bei Rank Xerox. Den konnte man ja gar nicht erreichen! Der Uwe Bauer von unserer Band wollte den mal anrufen, da hieß es nur, "der Herr Hein ist für Sie aber nicht zu sprechen" . So kann man natürlich auch Punkrock machen. Fehlfarben, alles super, aber man darf das nicht so ernst nehmen, was einem die Leute so erzählen.

Standard: Trotzdem war die Zeit pophistorisch interessant: wegen den drei Alben, die David Bowie in Berlin aufgenommen hat, Iggy Pop, den Einstürzenden Neubauten, Nick Cave zog nach Berlin ...

Regener: ... das war schon eine herrliche Zeit, aber es ist so wie in Sonnenallee, dem Film von Leander Haußmann, wo es am Ende heißt: "Ich lebte in einem seltsamen Land, und es war die schönste Zeit meines Lebens. Denn ich war jung und verliebt." Das ist der Punkt. Wir waren damals 20 bis 25 und haben hier super Punk gemacht, waren jeden Abend besoffen - und am nächsten Morgen wieder frisch! Ich war der König der Welt. Das macht man halt eine Zeitlang, dann muss man sich aber auch etwas anderes überlegen, weil sonst wird es irgendwann tragisch. Wenn ich das an meinem 40. Geburtstag immer noch mache, bin ich bisschen peinlich. Es war weniger die Zeit, sondern das Alter. Aber in jeder Generation gibt's dann ein paar, die sagen, die jungen Leute haben es gar nicht mehr drauf.

Standard: Das sagen meist jene, die es sich im Establishment gut eingerichtet haben.

Regener: Und das nervt! Klar wollen alle wie die jungen Leute sein. Die haben die bessere Leber, die schlankere Figur und können all den Scheiß machen, den man sich selber nicht mehr traut. Das sind heute dieselben Leute, die uns früher vom Rasen gescheucht haben.

Standard: Weil da muss jetzt der Hund mal kurz ...

Regener: Ja, genau. Der braucht seine Ruhe, sonst klappt's nicht. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27. September 2009)

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Zur Person

Sven Regener, geboren 1961, ist Sänger und Texter der Berliner Band Element Of Crime sowie Autor der Romantrilogie "Herr Lehmann" , "Neue Vahr Süd" und "Der kleine Bruder" .

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