Eduard Geyer war der letzte Fußballteamchef der DDR, die ihr letztes Pflichtspiel in Wien gegen Österreich mit 0:3 verlor. An dieses und an andere Begebenheiten erinnert sich Geyer
Standard: Welche Erinnerung ist Ihnen geblieben vom Spiel gegen Österreich am 15. November 1989?
Geyer: Die Erinnerung an eine ganz große Chance, zur WM zu fahren. Und an die Enttäuschung, dass wir das nicht geschafft haben. Natürlich hat diese Öffnung der Mauer alles durcheinandergebracht.
Standard: Hat der Schiedsrichter damals gut gepfiffen?
Geyer: Dieser Werner, dieser Pole. Irgendwie war das gekauft. Das war nicht mehr normal. Ich würde ihm heute noch nicht die Hand geben. Vielleicht war's auch gar nicht mehr gewollt. Das wäre ja auch komisch geworden, wenn wir uns qualifiziert hätten, und dann die ganze Wendezeit, man hätte gar nicht gewusst, wie man damit umgeht.
Standard: Dem österreichischen Fußballfan sind wohl die Pfiffe gegen den dreifachen Torschützen Toni Polster in Erinnerung.
Geyer: Mir auch. Der Toni ist ja ein sehr charmanter Kerl. Wenn ein Mann drei Tore macht, kann man ihn doch nicht auspfeifen. Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Auch dass der Schiedsrichter bei 0:0 schon zwei Elfmeter für uns nicht gegeben hat, dann aber einen fragwürdigen Elfer für Österreich.
Standard: Als Beobachter hatte man den Eindruck, dass die Spieler der DDR-Auswahl mit den Köpfen nicht mehr bei der Sache waren.
Geyer: Das war auch so. Ich war damals noch Trainer in Personalunion bei Dynamo Dresden und bei der Nationalmannschaft. Die sind von überall auf die Spieler draufgegangen, jeder wollte was vom Kuchen abhaben. Wir hatten ja genügend gut ausgebildete Fußballer. Die wurden kontaktiert, und andere Spieler wiederum sind in den Westen gefahren und haben sich angeboten für die Bundesliga. Es war eine bizarre Zeit, für einen Trainer eine sehr unangenehme.
Standard: Die Vermittler rannten den Spielern nach und umgekehrt, auch in Wien?
Geyer: Ja sicher. Es sind junge Leute, die haben vieles eben doch falsch gemacht, aber grundsätzlich kann man viele Dinge verstehen. Es ist ja auch einmalig, was da passiert ist. Ich habe damals die Mannschaft übernommen, wir hatten drei zu sieben Punkte. Wir haben uns reingekämpft, ich bin noch in die Türkei gefahren, hab Österreich verlieren gesehen. Dadurch hätte uns schon ein Remis gereicht, um die Qualifikation zu schaffen. Ich weiß noch, wir waren in Leipzig in der Sportschule zur Vorbereitung, dann kam das mit der Maueröffnung. Und dann war der Kuchen gegessen.
Standard: Wie schafft man es als Trainer, so eine Mannschaft zusammenzuhalten?
Geyer: Zusammenhalten ging schon noch. Aber die Köpfe zu beeinflussen, ich denke, das hätte niemand geschafft. Du konntest, was auch normal war, die Spieler nicht mehr erreichen. Die Spielervermittler, die da aufgekreuzt sind, haben sich benommen wie die Schweine, das muss ich sagen.
Standard: Beim 1:1 gegen Österreich im Mai in Leipzig waren nur noch 20.000 Zuschauer im riesigen Zentralstadion und pfiffen die eigene Mannschaft aus. Da war noch Ihr Vorgänger Manfred Zapf verantwortlich. Hat man noch an die Zukunft geglaubt, sportlich betrachtet?
Geyer: Wir sind immer gesteuert worden von der Sportführung. Der Fußball hatte schlechte Karten. Er war zwar die Nummer eins im Sport, aber die Leistung kam nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Beim Schwimmen, im Rudern, in der Leichtathletik, überall war die DDR Spitze. Im Fußball haben wir zwar 1976 Olympiagold gewonnen, aber es war schwer, sehr kompliziert. Wir haben alles selber entwickelt. Dann sind die mit Vorschlägen gekommen. Die Zielstellung war ein Sieg gegen die Türkei. Dann haben wir verloren. Aber eine Qualifikation wird nicht in einem Spiel entschieden. Die Trainer haben das nie so gesehen. Die Funktionäre haben das immer total falsch eingeschätzt.
Standard: Welche Gefühle hatten Sie im September 1990, beim letzten Länderspiel der DDR, das in Brüssel gegen WM-Teilnehmer Belgien mit 2:0 gewonnen wurde?
Geyer: Da wusste man schon, wo der Hase hinläuft. Die Gefühle hielten sich in Grenzen. Es war für einen Trainer, der nicht die große Politik sieht, eine komische Angelegenheit. Ich habe viele Spieler, die damals keine Rolle mehr spielten, zurück in die Mannschaft geholt und die Parole ausgegeben: Wir wollen uns ordentlich verabschieden. Wir haben jahrelang zusammen gespielt, gekämpft. Dann trinken wir ein Bier zusammen, und es geht weiter.
Standard: Wurde etwa Andreas Thom, der als Erster offiziell gewechselt ist, von Dynamo Berlin nach Leverkusen, einberufen?
Geyer: Wie viele andere. Die meisten haben abgesagt. Der Matthias Sammer ist gekommen, sah, dass die anderen abgehalten sind, wollte wieder abreisen, ist aber doch geblieben und hat sich mit den zwei Toren gegen Belgien ein Denkmal gesetzt. Es waren nur 14 Spieler in Brüssel, wir haben trotzdem ein gutes Spiel gemacht. Zuvor hatte ich mit den Vereinstrainern gesprochen. Wir brauchen die Spieler fürs Punktspiel, sagten sie. Es war eine sehr miese Einstellung.
Standard: Sie persönlich haben es nach der Wende nicht so leicht gehabt, als Trainer Fuß zu fassen. Weil Sie als Teamchef auch als Repräsentant des politischen Systems gegolten haben?
Geyer: Das ist doch Pfeffer. Es war ja nicht nur im Fußball so, dass die Trainer der DDR keine Chance hatten in Deutschland. Es gab eine unheimliche Voreingenommenheit. Ich wusste, dass das zu Ende geht. Aber als erfolgreicher Trainer dachte ich, das wird schon irgendwie klappen.
Standard: Im Endeffekt hat es ja geklappt mit Cottbus.
Geyer: Ja, aber es war mühsam. Ich habe von ganz unten angefangen. Ich hätte gerne eine Mannschaft trainiert, die im Europacup spielt.
Standard: Jetzt sind Sie Privatier?
Geyer: Ich habe mich immer gewundert, dass man so faul sein kann. Aber zurzeit mache ich nichts. Und bin offen für alles. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 26. September 2009)
ZUR PERSON:
Der Dresdner Eduard Geyer (64) spielte 112-mal für Dynamo, wurde 1986 Cheftrainer, 1989 Meister, erreichte das Uefa-Cup-Halbfinale. Naturgemäß Informant der Stasi. Letzter DDR-Teamchef von 1989 bis 1990. Nach der Wende ging er nach Ungarn, dann zu Sachsen Leipzig, gewann die 3. Liga, doch dem Klub wurde die Lizenz für die 2. Liga verweigert. 1994 übernahm er Cottbus, führte den Klub aus der Regionalliga in die Bundesliga (2000-2003). 2004 Beurlaubung. Gastspiel in Dubai, dann wieder Leipzig und Dresden. Dynamo brachte er in die 3. Liga. Entlassung 2008 nach Meinungsverschiedenheiten.