Mauerfall

Kurze Frage, enorme Wirkung

25. September 2009, 17:21

Der Journalist Riccardo Ehrman fragte bei einer Pressekonferenz am 9. November Politbüro-Mitglied Günter Schabowski nach der Reisefreiheit - Mit der Antwort "ab sofort" war der Mauerfall offiziell proklamiert

"Fragen", wehrt Riccardo Ehrman ab, "sind nie wichtig. Antworten dagegen können den Lauf der Geschichte verändern." Es war der heute 80-jährige Journalist, der auf der "berühmtesten Pressekonferenz der Geschichte" ("Der Spiegel") die alles entscheidende Frage stellte. Zu der am 9. November 1989 um 18 Uhr einberufenen Konferenz kommt der Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa zu spät, weil er keinen Parkplatz findet. "Alle Stühle waren besetzt. Also setzte ich mich aufs Podium zu Füßen von Politbüromitglied Günter Schabowski, der die Pressekonferenz leitete", schildert Ehrman.

Die DDR-Führung stand unter Druck, zwei Tage vorher war Ministerpräsident Willi Stoph nach Massenprotesten zurückgetreten. "Ich habe mich eine Stunde lang immer wieder gemeldet, doch Schabowski hat mich ignoriert. Die Pressekonferenz war fast beendet, als er sagte: 'Jetzt erteilen wir unserem italienischen Freund das Wort‘." Ehrman machte Schabowski mit einer Frage zur Reisefreiheit nervös: "Er antwortete sieben Minuten lang und las aus einem Beschluss des Ministerrats vor, der Privatreisen ins Ausland gestatten sollte. Ich fragte „ab wann?", und er sagte "sofort".

"Bist du verrückt?"

Keiner der Journalisten begriff, dass die Antwort die Öffnung der Mauer bedeutete. "Ich war wohl der Einzige, der es sofort verstanden hatte. Fast alle hatten die Sensation im Bürokratenjargon des Zentralkomitees nicht mitbekommen. Außer mir lief nur noch der ständige Vertreter der Bundesrepublik in Ostberlin aus dem Saal, um Bundeskanzler Kohl zu informieren" so Ehrman, dessen Eilmeldung nur fünf Worte hatte: "Caduto il muro di Berlino" (Berliner Mauer gefallen). "Da rief mich der Chefredakteur an und fragte erregt: "Bist du verrückt?" 

Die Frage entsprang aber keiner spontanen Eingebung. "In den elf Jahren in Ostberlin hatte ich mir einige Quellen erschlossen. Offiziell war ja nichts zu erfahren", erzählt Ehrman. Der Rat, nach der Reiseregelung zu fragen, kam vom Chef der DDR-Nachrichtenagentur ADN, Günter Pötschke. Auch die Meldung von Erich Honeckers Herzattacke sei ihm zugespielt worden. "Ich habe sie allerdings nicht veröffentlicht, weil es unmöglich war, eine offizielle Bestätigung dafür zu erhalten." Ehrman, der einer jüdischen Familie aus Lemberg entstammt und heute in Madrid lebt, wurde für die Frage ("einer der besten Momente meines Lebens") mit dem Bundesverdienstkreuz belohnt. 

Der frühere Bundeskanzler Willy Brandt kleidete den historischen Auftritt in vier Worte "Kurze Frage, enorme Wirkung". (Gerhard Mumelter, DER STANDARD; Printausgabe, 26./27.9.2009)

Chaton bleu
 
00
8.11.2009, 10:43
da beanspruchen aber mehr leute diese ehre für sich:

http://www.youtube.com/watch?v=u... KKRrC5RGo, 5:40

im übrigen ein beispiel, wie man im nachhinein die geschichte TV-manipuliert; dieser beitrag:

http://www.youtube.com/watch?v=T... re=related

ist offenbar geschnitten worden, vgl. zu:

http://www.youtube.com/watch?v=p... re=related

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