Jan Josef Liefers stand am 9. November 1989 im Osten auf der Bühne und feierte wenig später in Westberlin
Stress und Hektik. Das ist das Erste, woran sich der Schauspieler Jan Josef Liefers (Tatort) erinnert, wenn er an seinen persönlichen 9. November 1989 zurückdenkt. "Ich war am Abend in meiner Wohnung und schon in Eile, weil auf dem Weg ins Deutsche Theater" , sagt er zum Standard. Kurz vor dem Weggehen schaltet er noch den Fernseher ein. Dort läuft eine dieser endlosen Politpressekonferenzen. Für den 9. November sind Neuigkeiten zum Reisegesetz angekündigt. Liefers: "Der übliche Polit-Jargon."
Doch an diesem Abend ist irgendetwas anders. Unter dem Druck der Demonstrationen will die SED verkünden, dass Bürger leichter Privatreisen in den Westen beantragen können. Das Wort hat Politbüro-Mitglied Günter Schabowski. "Ab wann?" , will der italienische Journalist Ricardo Ehrmann wissen. "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort ... unverzüglich" , antwortet Schabowski und sichert sich damit seine fünf Minuten in der Weltgeschichte.
Liefers ist noch nicht besonders elektrisiert: "Das klang nach Ordnung, es war überhaupt noch nicht klar, was dann losbrechen würde." Denn die Grenzposten hatten andere Informationen: Erst ab vier Uhr früh sollte die neue Regel gelten.
Nach der Vorstellung sitzt Liefers noch mit Freunden in der Theaterkantine. Sie wissen noch nicht, dass draußen gerade die DDR zusammenbricht. Denn direkt nach der Pressekonferenz stehen die ersten Ostberliner an den Grenzübergängen, und minütlich werden es mehr. "Sofort" , hat Schabowski gesagt, also bitte, sofort hoch mit den Schlagbäumen!
Die Grenzer sind völlig überrascht. Der Druck wächst. Harald Jäger, Oberstleutnant vom Grenzübergang Bornholmer Straße, sieht sich kurz vor 23 Uhr mehreren tausend Ausreisewilligen gegenüber. Aus Sorge, die Situation könnte eskalieren, befiehlt er ohne Rücksprache mit seinem Vorgesetzten: "Wir fluten jetzt." Dann geht der Schlagbaum hoch.
Kurz vor Mitternacht bricht auch Liefers auf, um seine Freunde zum Grenzübergang Friedrichstraße zu bringen. "Schon auf halbem Weg kamen wir kaum noch vorwärts" , erinnert er sich. An einen Mann erinnert sich Liefers besonders gut: "Der lief permanent über die Grenze. Und er rief: ‚Ich kann es nicht glauben!‘" Liefers selbst hatte plötzlich "große Erleichterung" und "viele Möglichkeiten" im Kopf. Zunächst schlägt er sich bis Kreuzberg durch, um mit Freunden zu feiern. Westgeld hat er keines. Egal, in dieser Nacht werden alle Ostdeutschen eingeladen. Doch schon in der ersten Nacht hört er auch kritische Töne. Ein türkischer Gemüsehändler klagt: "Hoffentlich kehren die Ossis nicht alle zurück. Die kaufen ja nicht, die schauen nur." Für Liefers ist diese Szene ein Vorgeschmack auf viele Missverständnisse, die im deutsch-deutschen Verhältnis noch folgen sollten: "Die DDR-Bürger dachten, sie bekämen mit der Wiedervereinigung einen Platz an der Sonne" , meint er, "aber dort waren die Plätze schon von Wessis besetzt."
Er selbst bleibt nach dem Mauerfall nicht lange im Osten, 1990 wechselt er ans Thalia-Theater in Hamburg. Aber in den folgenden Wochen fährt er oft nach Westberlin. "Ich wollte cool sein und war bemüht, hektische Flecken zu vermeiden" , sagt er. "Stundenlang lief ich einfach durch Westberlin, kaufte ein Eis oder eine Banane. Und tat so, als sei es ganz normal." (Birgit Baumann, DER STANDARD/Printausgabe 26.9./27.9.2009)