Der australische Musiker und Produzent Mick Harvey, langjähriger Wegbegleiter von Nick Cave, erzählt Karl Fluch von den 1980ern, in denen er in der Mauerstadt Berlin lebte und Platten aufnahm
Standard: Sie sind Anfang der 1980er-Jahre mit Nick Cave und der Band The Birthday Party von Australien in die Pop-Metropole London übersiedelt - nur um von dort weiter nach Berlin zu ziehen. Von außen betrachtet eine seltsame Entscheidung.
Harvey:Als wir mit der Birthday Party 1981 erstmals in Europa spielten, waren wir auch in Berlin. Wie bei so viele Leute damals entstand sehr schnell eine Beziehung zu der Stadt. Wir trafen einfach jede Menge ähnlich denkender Leute, waren die ganze Nacht aus und hatten eine fantastische Zeit. Was uns sofort klar wurde, war, dass Berlin jene kulturelle Mischung und Lebendigkeit besaß, die wir in den zwei Jahren in London so vermisst hatten. Berlin wurde sehr schnell eine zweite Heimat. Ich glaube, wir diskutierten schon am nächsten Tag, auf unserem Weg nach Amsterdam, ob wir nicht dorthin umziehen sollten. Schon um unser Seelenheil willen!
Standard: Wie wurden Sie denn in Berlin empfangen?
Harvey: Sehr gut, wir hatten im September 1981 bereits die Berliner Band Malaria in den USA getroffen, was zu allen möglichen Kontakten führte, als wir im November dann dort spielten. Als wir Mitte 1982 zurückkamen, hatten wir schon jede Menge Freunde und Plätze zum Schlafen. Das war mehr, als wir von London behaupten konnten.
Standard: Erinnern Sie sich noch, wie es war, als Sie das erste Mal die Mauer gesehen haben?
Harvey:Ja, ich war bereits 1980 dort gewesen, als Tourist! Die Mauer entsprach so gar nicht dem geistigen Bild, das ich von ihr hatte. Ein durchaus übliches Phänomen, wenn man Plätze oder Objekte betrachtet, die sich nicht allein vom Rechteck einer Kamera einfangen lassen. Die Mauer war unvorstellbar, und das muss sie jetzt wohl auch wieder sein. Es war so ein abscheulicher Bau! Es ist schwierig, die Mauer jemandem zu beschreiben, der sie nie gesehen hat. Ich glaube, ich habe das auch noch nie versucht.
Standard: Mit Nick Cave und den Bad Seeds haben Sie in Berlin einen Neuentwurf des Blues gewagt. Wären da nicht die US-amerikanischen Südstaaten naheliegender gewesen?
Harvey: Ich glaube, Nicks Faszination am Blues kam von einer Quelle in ihm selbst. Berlin hat wahrscheinlich eine europäische Geschmacksnote hinzugefügt, und ich möchte sie nicht missen.
Standard: Wie empfanden Sie die damalige Isolation Berlins, und wie wichtig war sie für die Musikszene?
Harvey:Sie war immens wichtig! Berlin war ein Schmelztiegel, der unzufriedenen Europäern Zuflucht vor dem eigenen nationalen Hader und Voreingenommenheiten bot, weil es eine Art staatenlose und - wie Sie sagen - isolierte Stadt war. Das bestimmte unleugbar, was dort kulturell vor sich ging. Aber Berlin war ja während des gesamten 20. Jahrhunderts ein radikales kulturelles Zentrum. Es besaß also immer eine Anziehungskraft für Leute, die sich damit identifizieren konnten. Und das setzt sich ja bis heute fort, es reflektiert scheinbar immer noch den Zeitgeist, und der war wohl damals ganz speziell.
Standard: Weshalb das Berlin der 1980er gerne mit dem New York derselben Zeit verglichen wurde.
Harvey: Das stimmt, zumindest was die Lebendigkeit der Stadt und ihre Kunstszene betrifft. Berlin gilt außerdem - wie New York - als Stadt, die niemals schläft. Im Gegensatz zu New York kann ich das für Berlin bestätigen.
Standard: Berlin besaß eine üble Drogen-Reputation, das autobiografische Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" von Christiane F. war Pflichtlektüre einer Generation, die Autorin war mit den Einstürzenden Neubauten bekannt, Sie haben bald mit dem Regisseur Wim Wenders zusammengearbeitet. Alles und jeder schien sich zu vermischen.
Harvey: Was Drogen betrifft - keine Ahnung, war nie mein Ding. Ich weiß aber, dass jede Menge Speed im Umlauf war. Später erfuhr man aus Stasi-Akten, dass dieses aus DDR-Laboren stammte. Ansonsten musste man nur bis fünf Uhr morgens in den Bars rumhängen, dann lernte man schnell jeden kennen. So auch Wim Wenders, er hat uns ganz einfach gefragt, ob wir mit ihm arbeiten wollen würden.
Standard: Und wie haben Sie die Einstürzenden Neubauten kennengelernt, deren Sänger Blixa Bargeld Gitarrist der Bad Seeds wurde?
Harvey: Das war in einem Nachtclub in Amsterdam. Einige der Frauen von Malaria haben mich vorgestellt. Sie haben mich ignoriert. Zumindest in dieser Nacht. (Karl Fluch, DER STANDARD, Printausgabe 26.9./27.9.2009)
ZUR PERSON: Mick Harvey wurde 1958 in der australischen Kleinstadt
Rochester geboren. In der Schule lernte er Nick Cave kennen und begann
mit ihm in Bands zu spielen. Der Multi-Instrumentalist war lange
musikalischer Kopf von Nick Cave and the Bad Seeds. Daneben hat er mit
Simon Bonney die Band Crime & The City Solution betrieben, mehrere
Soloalben aufgenommen und Musiker wie Robert Forster von den
Go-Betweens produziert. Zu Beginn des Jahres hat er die Bad Seeds aus
persönlichen und beruflichen Gründen verlassen.