STANDARD-Interview

"Verdrängen ist keine gute Methode"

25. September 2009, 17:22
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    foto: standard/fischer

    ZUR PERSON: Joachim Gauck (69) war Pfarrer in Rostock und 1989 Mitbegründer der Bürgerbewegung "Neues Forum". Nach der Volkskammerwahl im März 1990 zog Gauck ins DDR-Parlament ein. Von 1990 bis 2000 war er Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Die Bundesbehörde wurde bald nur noch "Gauck-Behörde" genannt.

Unter Unrecht darf kein Schlussstrich gezogen werden, sagt Joachim Gauck - Er war in der DDR Sprecher des "Neuen Forum", nach der Wende Kopf der Behörde zur Aufarbeitung der Stasi-Akten

Standard: Im Herbst 1989 flüchteten zehntausende DDR-Bürger in den Westen. Hatten Sie auch mal das Gefühl: Es reicht, ich gehe.

Gauck: Flucht hat es auch in meiner eigenen Familie gegeben, aber für uns Oppositionelle war immer klar: Wir bleiben im Land, weil wir hier etwas verändern wollen. Aber beeindruckt haben mich diese unglaublichen Massen in der Prager Botschaft schon. Da waren Familien mit kleinen Kindern, die alles aufgegeben hatten.

Standard: War Ihnen klar, dass diese Massenflucht der Auftakt zur Revolution war?

Gauck: Die hat uns vom Neuen Forum insofern geholfen, als die Botschaften plötzlich auf fruchtbaren Boden fielen. Wenn Sie Jahrzehnte lang in einer festgefügten Macht-Ohnmacht-Konstellation leben, dann können Sie sich gar nicht mehr vorstellen, dass sich das ändert. Sie hoffen einfach nur noch, dass der König milde ist.

Standard: Was änderte sich in diesen Tagen konkret?

Gauck: Vorher dachten viele DDR-Normalbürger: Ach, die von der Opposition, die spinnen, die riskieren zu viel. Aber als die Staatsführung die Flüchtenden verhöhnte und ihnen nachrief "Wir weinen euch keine Träne nach" , da entstand plötzlich Wut im Volk.

Standard: Sie führten Demonstrationen gegen das Regime an.

Gauck: Diese Demos gingen ja überall von den Kirchen aus. Da wir uns an Martin Luther King orientierten, blieb alles friedlich. Das hat uns später geholfen, als es darum ging, die Stasi-Zentrale zu besetzen. Da gingen die neuen Kräfte der SED mit uns eine Art Sicherheitspartnerschaft ein.

Standard: Dennoch gelang es der alten Führung, in letzter Minute viel Stasi-Material zu vernichten. Hatten Sie Sorge, dass Aufarbeitung nicht mehr möglich sein könnte?

Gauck: Nein, es war schon 1989 klar, dass bedeutend mehr vorhanden als vernichtet ist. Damit machte es Sinn, die Unterlagen zu verwenden. Was weg ist, sind die Unterlagen über die Auslandsspionage. Daher gibt es auch kaum etwas über West-Deutsche, Österreicher oder Amerikaner.

Standard: Wann haben Sie Ihre eigene Stasi-Akte zum ersten Mal gesehen?

Gauck: Das war im Sommer 1990. Dass Verrat existierte, war uns schon vorher klar gewesen. Aber ich war dann doch recht überrascht, was ich dort auf 1200 Seiten lesen konnte. Man wunderte sich, wer alles IM (inoffizieller Mitarbeiter, Anm.) war.

Standard: Warum haben Sie sich so für die Stasi-Aufarbeitung eingesetzt?

Gauck: Verdrängen ist keine gute Methode, das wissen wir doch aus der Nachkriegszeit. Da kam dann alles eine Generation später, bei den 68ern, hoch. Darauf habe ich schon als Abgeordneter der DDR-Volkskammer verwiesen: Wir wollen nicht vertuschen, wir wollen keine Schlussstrichmentalität. Es sollte anders sein als in der Adenauer-Ära nach dem Krieg.

Standard: Die CDU war anfangs recht skeptisch.

Gauck: Viele, auch in der Bevölkerung, sagten: Was nicht strafrechtlich relevant ist, muss dann ja auch nicht aufgearbeitet werden. Aber das stimmt nicht. Schuld ist auch eine politische Kategorie. Wir wollten der unterdrückten Mehrheit der Bevölkerung Zugang zum Herrenwissen ihrer einstigen Machthaber verschaffen.

Standard: Was bewegte Sie in den Jahren an der Spitze der Behörde am meisten?

Gauck: Die unglaublich große Rolle von Angst. Wenn eine Gesellschaft autoritär geführt wird, ist Angst ein Ratgeber der Menschen.

Standard: Wie lange braucht Deutschland die Behörde noch?

Gauck: Eine Generation lang. Es werden jetzt noch jährlich zehntausende Akten eingesehen. Viele Leute trauen sich erst jetzt.

Standard: Viele junge Ostdeutsche glauben heute, die Stasi sei ein "normaler Geheimdienst" gewesen.

Gauck: Für sie ist das Spruchgut der Eltern maßgebend. Und das lautet: Früher war nicht alles schlecht. Da hat man natürlich ein unangenehmes Déjà-vu und erinnert sich an die Generation, die erklärt: Bei Hitler gab es auch Vollbeschäftigung. Das kennen Sie ja auch aus Österreich. Insoferne kann der Österreicher den Original-Ossi gut verstehen. Aber man muss schon sagen: Das Areal der Aufgeklärten ist heute schon viel größer. (Birgit Baumann, DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2009)


Gorilla Quondam Gorillaque Futurus
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26.9.2009, 10:59
die Generation, die erklärt: Bei Hitler gab es auch Vollbeschäftigung. Das kennen Sie ja auch aus Österreich. Insoferne kann der Österreicher den Original-Ossi gut verstehen.

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