Wer diesen Herbst Berlin besucht, hat den Wind der Geschichte um die Nase: ein Lüftchen Mauerfall-Jubel und eine steife Brise DDR-Vergangenheit
"Wenn angemeldete Besucher kommen, bitte ich sie immer, die Leute draußen auf der Straße nach dem Weg zu fragen. Die werden dann garantiert in die falsche Richtung geschickt oder kriegen gar keine Antwort." Uwe Hillmer, Vorstandsmitglied im Trägerverein der Forschungs- und Gedenkstätte, Normannenstraße, Ruschestraße 103, Haus 1, vulgo Stasi-Museum im Berliner Stadtteil Lichtenberg, amüsiert sich dann still und leise und ein wenig bitter. Denn er sitzt mit seinem Museum, dem ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit der DDR in der Normannenstraße, mitten im Wohnbezirk des Personals der berüchtigten Institution.
Um die 20.000 "offizielle Mitarbeiter" trugen hier Akten über die Bürger der DDR zusammen, werteten Ton- und Filmdokumente aus, sortierten alles, was die „inoffiziellen Mitarbeiter" vulgo Spitzel heranschafften, bastelten an Überwachungszubehör und hielten sich für die Elite des Arbeiter- und Bauernstaats. Und viele wohnen immer noch hier, in den Wohnblocks rund um die Normannenstraße.
Wenn sie an der bieder wirkenden Architektur der 1950er-Jahre (eher Plattenbau als staatstragendes Monumentalgebäude) vorbeigehen, würdigen sie die langgestreckten Bürohausblöcke kaum eines Blickes. Als würden sie sich einfach nicht mehr damit beschäftigen wollen, was hier vor 1989 passiert war, als hätten sie vergessen, dass in den Tagen nach dem Mauerfall die Motoren der Reißwölfe durchbrannten, weil in der Eile ganze Aktenkonvolute reingestopft worden waren. Man mag sich wohl auch nicht mehr an die Zeit erinnern, als man noch dachte und einander versicherte, dass man das Richtige getan hatte und dass jeder Staat Mitarbeiter, wie man selbst einer sei, notwendig braucht. Und man mag sich schon gar nicht erinnern, dass man in den Monaten und Jahren nach 1989 feststellen musste, dass man das Unrichtige getan hatte und dass diese Arbeit in dem neuen Deutschland nicht so hoch angesehen war.
Und Uwe Hillmers Arbeit ist folglich die unangenehmste, die sich die Anrainer vorstellen können. Sein Job ist Aufklärung. Wie die Staatssicherheit funktioniert hat, wie viele Akten, Geruchsproben etc. katalogisiert wurden, welche Spionagetechnologien entwickelt wurde, wer was wusste und - noch wichtiger - wer was nicht wissen durfte. Das zu vermitteln ist seine Mission. Er macht das mit einer Gründlichkeit, die jene Touristen, die sich in Berlin einen zeitgeschichtlichen Vergnügungspark erwarten, ernüchtert zurücklässt.
Das Entree des Hauses hat den Charme einer polnischen Provinzbank. Uwe Hillmer führt die Besucher über die Stufen des sonnigen, über alle Stockwerke verglasten Treppenhauses an den Pflanzentrögen vorbei ("Alles original Stasi-Pflanzen") ins Zentrum der Macht, in das Büro von Erich Mielke, dem letzten Stasi-Chef. Spätestens dort würde man Machtentfaltung erwarten, weitläufige Gänge, respekt-gebietende Sitzungssäle, einen Schreibtisch, der die Position des Subjekts dahinter deutlich macht. Weit gefehlt. Popelige Gardinen, mit Polyester bezogene Sitzmöbel, die dekaden-typisch furnierten Kästen, hinter denen sich allerdings die Panzerschränke befinden, in denen die wesentlichen Erkenntnisse aus den Millionen Akten gesammelt waren, die aneinander geschlichtet eine Strecke von ca. 150 Kilometern ergeben hätten. Der Brandstifter war ein Biedermann.
Einziger "Prunk" sind die West-Fernsehgeräte. "Man wollte ja schließlich die West-Nachrichten ohne Flimmern und Rauschen konsumieren", meint Uwe Hillmer mit mildem Sarkasmus. Der schnell in Bitterkeit umschlägt, wenn er etwa erzählt, wie vor nicht allzu langer Zeit die Abflussrohre im zweiten Stock in Profi-Manier blockiert wurden, wodurch so schwere Wasserschäden in Plafonds und Fußböden entstanden, dass der Trägerverein des Museums in seiner finanziellen Existenz bedroht war. Man konnte sich dann doch mit dem Hausherrn, dem Land Berlin, gütlich einigen.
Bei allem gebotenen Historikerernst kommt bei Kaffee und Kuchen im sogenannten „Casino" doch noch ein wenig "Good-bye Lenin"-Stimmung auf im unveränderten Ambiente der Gediegenheit der 1950er-Jahre mit niedrigen Fauteuils und Tischchen, in dem Mielke, Wolf und Kader-Konsorten einen erfolgreichen Arbeitstag mit Hochprozentigem von der Krim, aus Russland, vielleicht auch aus Schottland oder der Champagne ausklingen haben lassen.
An anderen Orten muss sich Berlin mehr anstrengen, das andere Deutschland zu evozieren, das Touristen sehen wollen. Nach 1989 wurde umgegraben und abgerissen, die Bausünden der DDR eliminiert. Was da tatsächlich eine Sünde war und ob nicht das eine oder andere, das nach der Wende gebaut wurde, die viel größere Sünde ist, diskutieren die Berliner gern und viel.
Fest der Freiheit
Aber Berlin ist erfinderisch und versucht, das Beste draus zu machen - zumindest für den Tag des 20. Jubiläums des Mauerfalls. Die Mauer, die es nicht mehr gibt, wird für diesen Tag nachgebaut und zu Fall gebracht.
Für das „Fest der Freiheit" am 9. November werden 1000 mauerhohe Domino-Steine, die von internationalen Künstlern, Schülern und Studenten bemalt wurden, vom Potsdamer Platz bis zum Reichstag aufgestellt. Bürgermeister Wowereit wird den ersten Stein kippen. Und dann ist die Freiheit nicht mehr aufzuhalten.
Auch die Luxuskategorie der Berliner Hotellerie gedenkt - auf komfortablem Niveau. Das Berliner Ritz Carlton etwa, an der geschichtsträchtigen Adresse Potsdamer Platz, bietet Nostalgikern bis Ende des Jahres ein "Remember the Wall"-Package an: Gorbatschow-Cocktail, ein originales Stück der Berliner Mauer, Ticket fürs Mauermuseum, kleine ostalgische Überraschungen eingebettet in ein kulinarisches Angebot, das gar nichts mit Volksküche, aber alles mit französischer Esskultur zu tun hat. Den spektakulären Ausblick von den Hotelzimmern auf die neue Architektur der einstmals größten Baustelle Europas gibt es sowieso ganzjährig.
Lässt man das Auge über die Skyline schweifen, bleibt man immer wieder an schwebenden roten Ballons in Pfeilform hängen. Sie weisen Touristen den Weg an Orte, die eine besondere geschichtliche Rolle spielen. Etwa an die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße, wo gelungene und misslungene Fluchtversuche dokumentiert sind. Die roten Pfeile lenken ab von der kosmopolitischen Silhouette. Sie sehen aus wie Rufzeichen. Und sie rufen: Aufgepasst! Berlin ist eine moderne Weltstadt, aber auch ein Brennpunkt der Weltgeschichte! Wie recht sie haben. (Bettina Stimeder/DER STANDARD/Printausgabe/26.9.2009)
Informationen:
www.stasi-museum.de
www.mauerfall09.de
www.mauermuseum.de
Von 1. bis 4. Oktober wird in der Stadt eine Geschichte erzählt. Die bis 15 Meter großen Puppen spielen ein Drama vom Sich-Verlieren, Getrenntsein und Sich-Wiederfinden an den prädestinierten Berliner Orten: Unter den Linden, Potsdamer Platz und Brandenburger Tor. Die Riesenmarionetten kommen von der französischen Kompanie Royale de Luxe. Die zwei Hauptfiguren, die Kleine Riesin und der Große Riese, inszenieren die Novembertage von 1989, welcher Teil des ehemals geteilten Deutschlands als großer und welcher als kleiner Teil dargestellt wird, wird nicht ausdrücklich gesagt. Das Straßentheater findet im Rahmen der spielzeit'europa (die Theater- und Tanzsaison der Berliner Festspiele) statt. Außerdem gibt es zwischen Oktober und Dezember Sylvie Guillem, das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch und Robert Lepage zu sehen. Info: www.riesen-in-berlin.de
Das Ritz Carlton in Berlin steht quasi auf der Mauer. Das nimmt das Haus am Potsdamer Platz zum Anlass, zeitgeschichtlich Interessierten und/oder Ostalgikern ein "Remember the Wall"-Special anzubieten. Die Berliner Nacht fängt mit einem Gorbatschow-Cocktail an, ein Stück graffitodekorierter Mauer zum Mitnehmen steht schon auf dem Couchtisch des Superior-Rooms. Das Ticket fürs Mauermuseum liegt daneben. Ein "Mauerspaziergang" kann direkt am Hotel beginnen. Fassade und Architektur des Ritz Carlton sind nahezu schlicht, als hätte der Geist der Mauer dem Architekten die Hand geführt. Innen dagegen spielt der internationale Fünf-Sterne-Luxus mit Spa und Brasserie (eine antiquarische wurde in Frankreich abgebaut und puzzleartig im Ritz Carlton wieder zusammengesetzt) alle Stückeln. Das Mauerpackage kostet pro Person für eine Nacht 245 Euro. Info: www.ritz-carlton.com